04. Februar 2018, 14:00 Uhr

Free School

Free School: Alles kostenlos

Ohne Geld läuft nichts. Darüber hat sich Jesse Jacovini schon oft geärgert. Deshalb kontert er: In Gießen läuft auch was ohne Kohle. Der 34-Jährige wirbt für die »Free School«.
04. Februar 2018, 14:00 Uhr
Jesse Jacovini verbringt seine Freizeit damit, ein kostenloses Kursangebot für jedermann anzubieten. Die Idee stammt aus seiner Heimat Kalifornien. (Foto: Schepp)

Alles ist kostenlos, egal ob Nähkurs, Englischunterricht, Yoga-Session oder Fahrradwerkstatt. Das sei der eine Grund für das »Free« im Namen des Projekts, erklärt Jesse Jacovini: »Der andere ist, dass wir frei für alle sind, also für jeden zugänglich, aber auch frei im Sinne von unabhängig, wir gehören keiner Partei oder Organisation an.«

In den USA, wo nicht nur Jesse Jacovini, sondern auch die Idee der »Free Schools« herkommt, sei das häufig anders: »Die meisten sind politisch. Das wollten wir hier in Deutschland anders machen.« Mit wir meint der Lehramtsstudent sich und Alexandra Böckel. Mit ihr hat der Amerikaner vor fünf Jahren die erste Gießener »Free School« eröffnet. Was sich daraus entwickelt hat, darüber staune er immer wieder. Auch auf einer ganz persönlichen Ebene.

Eine alte Idee

Nach Deutschland gekommen ist Jacovini 2008. Mit seiner damaligen Freundin lebte er »in kleinen Dörfern«, wie er sagt. »Dort war es für mich schwierig. Ich kannte niemanden und konnte die Sprache nicht, deshalb habe ich mich immer ein bisschen isoliert gefühlt.« Nach der Trennung im Jahr 2013 zog es den US-Amerikaner daher in die Stadt. Jacovini zog nach Gießen, fing an zu studieren – und erinnerte sich bald an eine alte Idee.

»Seit ich nach Deutschland gekommen bin, hatte ich im Kopf, die Free Schools aus den Staaten hierher zu bringen.« In seiner Heimat Kalifornien hatte er dort Philosophiekurse besucht, sich über lokale Geschichte informiert und gelernt, wie man ohne Feuerzeug und Streichholz Feuer macht. »Dass Menschen so etwas kostenlos und einfach aus Spaß für andere Leute anbieten, fand ich schon immer toll.«

Es geht darum, eine andere Welt zu schaffen als Geld

Jesse Jacovini

Gestalt nahm der Gedanke aber erst an, nachdem er sich mit einer Zwischenmieterin darüber unterhielt: Alexandra Böckel. Die fand die Idee der »Free School« nicht nur richtig gut, sondern brachte etwas Wichtiges mit: »Sie studierte Jura, kannte daher das System und die Struktur hier in Deutschland und außerdem war sie gut vernetzt.« Dann sei alles recht schnell gegangen: Böckel und Jacovini entwarfen einen Plan, machten sich auf die Suche nach Unterstützern und fingen einfach an.

»Wir hatten am Anfang kein Budget«, erinnert sich der 34-Jährige, »aber das war nicht schlimm. Im Gegenteil: So waren wir gezwungen, mit anderen Organisationen zusammenzuarbeiten und konnten uns schnell vernetzen.« Antiquariat, Kupferkanne, Jugendwerkstatt – alle waren begeistert von dem Gedanken, kostenlose Kurse für jedermann anzubieten und stellten ihre Räume zur Verfügung. Damit aber auch Menschen kommen, ging es nicht ohne Werbung. Geht nicht ohne Budget? Und ob: »Das Team von Gründrucken aus Linden hat uns am Anfang umsonst die Flyer gedruckt.«

Eigener Raum in der Weidengasse

Als dann der erste Kurs anstand – Nähen und Stricken mit Alexandra Böckel – waren die Initiatoren ganz schön aufgeregt, erinnert sich Jacovini: »Wir wussten nicht, ob jemand kommt. Aber wir wurden überrascht, es waren viele Leute da.« Auch zum zweiten Kurs, der Fahrradwerkstatt, die ein Nachbar anbot, kamen zahlreiche Teilnehmer. Und so ging es weiter: Jemand hatte eine Idee, sprach Jacovini an, der verbreitete es, und die Leute kamen.

Heute hat die FreeSchool einen eigenen Raum in der Weidengasse 3. Im »Freiraum« finden Body-Workout-Kurse, Brettspiel-Abende oder Kleidertauschpartys statt. »Möglich ist das alles nur durch Spenden und Unterstützung von außen. Wir verdienen ja nichts mit unserem Angebot.«

Eine andere Welt schaffen

Auch Jacovini und Böckel verdienen bis heute keinen Cent mit ihrer »Free School« – und das wollen sie auch nicht. Weil es nicht der Grundgedanke ist, der dahinter steckt, sagt Jacovini: »Es geht darum, eine andere Welt zu schaffen als Geld. Zusammen etwas zu unternehmen und etwas füreinander zu tun. Einfach nur so, aus Spaß.«

Woher nimmt er die Motivation, seine Freizeit dafür aufzuwenden? »Die ›Free School‹ hat mir so viel gegeben: Zum Beispiel habe ich über dieses Projekt meine Freundin kennengelernt und wir wollen heiraten. Alleine dafür hat sich die Arbeit gelohnt.« Zahlreiche Freunde habe er zudem gefunden – und auch einiges gelernt, das er sonst vielleicht nie gelernt hätte.

Zusatzinfo

Kurse besuchen oder anbieten

Unter www. FreeSchoolGiessen.de finden Interessierte alle Informationen zum Angebot. Der Kalender bietet eine Übersicht über aktuelle Kurse und Veranstaltungen. Kommen darf jeder – unverbindlich und ohne Anmeldung. Wer selbst einen Kurs anbieten möchte, kann sich unter freeschoolgiessengmail.com melden. Zu finden ist der »FreiRaum« der »Free School« in der Weidengasse 3, der Eingang ist am Parkplatz hinterm Klatschmohn.

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