16. Oktober 2018, 22:21 Uhr

Frauenpotenzial zu wenig genutzt

16. Oktober 2018, 22:21 Uhr
Rita Süssmuth

Am Ende zeigt sich Rita Süssmuth »ergriffen«. Gerade hat die Bundestagspräsidentin und Bundesministerin a. D. am Montagabend im Rathaus ihren Vortrag »100 Jahre Frauenwahlrecht – Schluss mit den Trippelschritten« beendet, da meldet sich aus dem Publikum Kristina Hänel zu Wort. Die wegen verbotener »Werbung« für Schwangerschaftsabbrüche verurteilte Ärztin dankt Süssmuth, dass sie soeben als eine der ersten CDU-Politikerinnen öffentlich gegen Paragraf 219a Strafgesetzbuch Stellung bezogen habe. Die Christdemokratin wiederum ist froh, Hänel persönlich zu treffen – erst recht, nachdem sie ihren Fall in dem Referat gleich mehrfach erwähnt hat.

Unterstützung für Kristina Hänel

Dass sie Gießen anlässlich des Jubiläums »100 Jahre Frauenwahlrecht« und zur Eröffnung der Ausstellung »Die Mütter des Grundgesetzes« im Rathaus besucht, hat laut Süssmuth zwei Gründe: Sie wolle ermutigen, weiter für Frauenrechte zu kämpfen; und es sei ihr wichtig, den Sinn dieses Kampfes darzustellen. »Nutzen wir das Potenzial, das in den Frauen steckt, eigentlich genug?«, fragt sie deshalb zu Beginn.

Die Antwort folgt nur wenig später. »Wir haben weit mehr Potenzial, als die Gesellschaft bis heute erkannt hat«, betont die Frauenrechtlerin. Beispiele finde man genug, seien es immer weniger Frauen in Parlamenten oder die Zahlen weiblicher Führungskräfte in der Wirtschaft. Da wie dort sieht Süssmuth die Ursache »in Strukturen, nicht bei der Qualifikation«. Zwar solle man keineswegs nur auf Zahlen schauen, sondern auch auf »Qualitäten«. Dennoch verfechte sie eine Quote: »Ohne Regelungen bleiben sie auf der Stelle stehen.«

Anschließend spricht Süssmuth lange über den Fall Hänel. Dabei lässt sie keinen Zweifel, was sie davon hält, Ärzte zu verurteilen, weil diese mit der Aufklärung zu Schwangerschaftsabbrüchen »werben«. »Sie können den Menschen doch nur helfen, wenn sie Informationen haben«, erklärt die Politikerin. Ruhig, aber umso energischer wettert Süssmuth gegen den »219a«, der jegliche »Werbung« für Schwangerschaftsabbrüche verbietet, sowie gegen seine Anwendung. »Wissen diejenigen, die so entscheiden, in welchen Konfliktlagen sich die Frauen befinden?«, fragt sie und fügt hinzu: »Wir werden nicht ernst genommen.«

Um die Positionen von Frauen zu stärken, müssten diese sich enger vernetzen. Und schließlich brauche es Pionierinnen in den Chefetagen. Den Status quo interpretiert Süssmuth als Weggabelung in der Geschichte von Frauenrechten und Emanzipation. »Wir sind heute in einer ganz schwierigen Gemengelage«, meint sie. Denkbar sei dreierlei: ein Fortschritt hin zu gleichen Chancen, Stagnation – oder gar eine Rückentwicklung.

Wahlrecht muss novelliert werden

Damit in der Politik das erste Szenario eintritt, plädiert Süssmuth für eine Wahlrechtsreform. Ohne konkreter zu werden, skizziert sie eine Novelle, die Kandidatinnen höhere Chancen auf Mandate geben würde. »Wie wir es bisher gemacht haben, können wir nicht weitermachen«, sagt sie. »Wir schaffen keine Stabilität.« Diese Idee sei außerdem im Sinne einer Ergänzung von 1992 zu Paragraf 3, Absatz 2, Grundgesetz. Dort wird das Recht »Frauen und Männer sind gleichberechtigt« mit einer Pflicht verbunden. Der Staat muss seitdem aktiv dafür sorgen, die Gleichberechtigung zu realisieren. Schon um daran mitzuwirken, würde sie selbst immer wieder in die Politik gehen, versichert Süssmuth: »Ich brenne für eine andere Welt. Und darin spielt die Frauenfrage eine große Rolle.«

Eine eher untergeordnete Rolle spielt hingegen Süssmuths Vortragstext. Ehe die Rednerin mit Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz die neue Ausstellung besucht, lädt sie die Zuhörer noch ein, ihn nachträglich zu lesen: »Ich lasse Ihnen das Manuskript hier.« (Foto: csk)

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