07. April 2014, 21:48 Uhr

Fische wandern in Todesfalle

Gießen (sha). Für Fischreiher, Krähen und Ratten ist es ein reich gedeckter Tisch, für Stephan Müller und Frank Steinmann vom Anglerklub Gießen eine Tragödie: Am Klinkel’schen Wehr wandern Hunderte Fische auf ihrem Weg zu den Laichplätzen Richtung Lahnquelle in den sicheren Tod.
07. April 2014, 21:48 Uhr
Ein verendeter Weißfisch und die »Reste« eines Artgenossen (r.) im flachen Wasser. (Foto: Steffen Hanak)

Die Ursache: Wegen der Bauarbeiten am »Lahn-Fenster« ist die »Fischtreppe«, die die Tiere benötigen, um die Staustufe zu überwinden, gesperrt. Aus diesem Grund ist für die Fische im Mühlgraben derzeit Endstation. Besonders fatal aus Sicht der beiden Fischfreunde: Wegen eines technischen Defekts fließt – zwischen einigen Brettern hindurch – von der Baustelle her etwas Wasser durch einen Entlastungskanal in den Mühlgraben hinein. Zwar nicht besonders viel, aber schon diese geringe Strömung genügt, um die Fische anzulocken. In Scharen schwimmen sie in diesen Kanal hinein und landen in einer tödlichen Sackgasse – vor besagten Brettern, durch die das Wasser einsickert. Da der Wasserspiegel nur wenige Zentimeter beträgt, werden die schuppigen Zeitgenossen dort zur leichten Beute für andere Tiere.

Weg zu Laichplätzen blockiert

Bereits am Freitag hatten Müller, Erster Vorsitzender des Anglerklubs, und Gewässerwart Steinmann bei den Behörden auf das fließende Wasser im Entlastungskanal hingewiesen und eine Sperre zwischen Mühlgraben und Kanal gefordert. Trotz Zusicherung, noch am selben Tag etwas zu unternehmen, sei nichts passiert, beklagen die beiden Männer. Deshalb wurden sie am Sonntag selbst aktiv: Aus Holzbohlen und Steinen errichteten sie ein provisorisches Hindernis (Foto), um zu vermeiden, dass noch mehr Fische vom Mühlgraben in den für sie unheilvollen Kanal hineingelangen.

Was treibt die Tiere überhaupt dorthin? Die Strömung, lautet die lapidare Antwort von Gewässerwart Steinmann. Es funktioniert genauso wie bei einer »Fischtreppe«: Durch das schneller strömende Wasser werden die Fische angelockt und schwimmen in den Kanal hinein. Dennoch bliebe aus Sicht des Fischereiökologen die Situation auch dann miserabel, wenn eine Sperre errichtet würde. Denn: Den Schuppentieren ist der Weg zu ihren Laichgründen versperrt, solange die Wiederaufstiegsanlage wegen der Bauarbeiten nicht in Betrieb ist. Mögliche Auswirkungen seien noch nicht absehbar.

Eine absolut paradoxe Situation, findet Steinmann, denn das seit 2007 bestehende Gewässer-Informationszentrum soll ja gerade das Interesse für die Unterwasserfauna des Flusses wecken. Tatsächlich führten aber die Erweiterungsarbeiten dazu, dass die »Fischtreppe« am Klinkel’schen Wehr schon seit November nicht läuft. Zu den Arten, die in diesem Frühjahr nicht zu ihren angestammten Laichplätzen ziehen können, gehörten neben Hecht und mehreren anderen Weißfischarten auch in ihrem Bestand bedrohte Fische wie Bachneunauge und Barbe.

Immerhin: Seit Montag ist der Zugang zu dem Entlastungskanal gesperrt. Laut Gabriele Fischer, Sprecherin des Gießener Regierungspräsidiums, ist aus Kanthölzern ein Wehr errichtet worden, das die Tiere nicht überspringen können. Nach Auskunft der Behörde sei vor allem das Rotauge – »ein sehr robuster, häufig vorkommender Fisch« in die Engstelle geraten. Hoffnung auf eine baldige Öffnung der Wiederaufstiegsanlage kann die Sprecherin allerdings nicht machen. Das »Lahn-Fenster« soll erst am Pfingstmontag wieder eröffnet werden.

Lahnfenster wird erweitert

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