17. März 2010, 20:24 Uhr

Fernsehteam dokumentiert Gießener "Architektursünden"

Gießen (pd). Die Kritik ging quer durch die Jahrzehnte: Vom »Sündenfall« beim Abriss des Volksbades über den »Betonklotz« City-Center und die »Designkatastrophe« Marktplatz bis zum »städtebaulichen Totalschaden« am Neustädter Tor. Einen Tag lang war ein Kamerateam des Hessischen Rundfunks am Mittwoch in Gießen unterwegs, um für die Reihe »Architektursünden in Hessen« zu drehen.
17. März 2010, 20:24 Uhr
Gießener Architektursünden - hier vor der Galerie Neustädter Tor - auf der Spur war gestern ein hr-Kamerateam mit (v. l.) Kamerafrau Christine Kaltenschnee, Tontechniker Ralph Ganswindt und Architekt Christoph Mäckler. (Foto: Schepp)

Gießen (pd). Die Kritik ging quer durch die Jahrzehnte: Vom »Sündenfall« beim Abriss des Volksbades über den »Betonklotz« City-Center und die »Designkatastrophe« Marktplatz bis zum »städtebaulichen Totalschaden« am Neustädter Tor. Einen Tag lang war ein Kamerateam des Hessischen Rundfunks am Mittwoch in Gießen unterwegs, um für die Reihe »Architektursünden in Hessen« zu drehen. An Motiven herrschte für Autor Manfred E. Schuchmann, der gemeinsam mit dem Architekten Prof. Christoph Mäckler auf Tour war, kein Mangel. Am Donnerstag, dem 6. Mai (22.45 Uhr), werden die Gießener »Architektursünden« im Magazin »Hauptsache Kultur« im hr-Fernsehen ausgestrahlt.

»Herzlichen Dank für Ihre schönen Worte«, ermuntert ein Passant, der die Dreharbeiten beobachtet, den Architekturprofessor, als dieser den neu gestalteten Marktplatz als »grauenhaft und hässlich« bezeichnet. Erste Anlaufstelle des hr-Teams ist am Vormittag das Elefantenklo. Die Überführung am Selterstor war im November 2004 Thema der ersten Folge von »Architektursünden in Hessen«. Inzwischen ist man bei der 38. Sendung angelangt - die Reihe hat sich zum Dauerbrenner entwickelt. Wie damals wird das Elefantenklo als Zumutung für Menschen mit Behinderung oder Eltern mit Kinderwagen bezeichnet. Aber auch neuere Bauwerke schneiden nicht besser ab. Die Fassade der 2005 eröffneten Galerie Neustädter Tor wird von den Experten als »gigantische Architektursünde« und »städtebaulicher Totalschaden« geschmäht. »Die gesamte Außenwelt wird negiert«, beschreibt Mäckler das geschlossene System des Einkaufszentrums. Für Fußgänger bleibe da so gut wie nichts mehr. Die angrenzende Nordanlage, so der Architekt, »sieht aus wie eine Schnellstraße«. Um den Bereich städtebaulich freundlicher zu gestalten, hätte man rund um die »Mall« eine Wohnbebauung planen können. Doch dies habe offenbar dem Ziel widersprochen, »möglichst viel an Quadratmetern herauszuquetschen«, vermutet Schuchmann. Für diese These spricht nach Ansicht des Architekten und Kunsthistorikers, dass man in dem riesigen Gebäude nur eine Toilette im Keller untergebracht hat.

Das stille Örtchen spielt auch bei der Bewertung der Marktplatz-Gestaltung eine Rolle. Man habe Toilettenhäuschen, »die nachts auch noch leuchten«, auf den Platz gestellt. Mäckler bezeichnet die Buswartehäuschen als »Designkatastrophe«, die den Platz »verschandeln und zerschneiden«. Während die Autoren für die zu Beginn der fünfziger Jahre geschaffene Struktur lobende Worte finden, wird die jüngste Umgestaltung als »städtebaulich furchtbar« bewertet. Sinnvoll sei dagegen, den Busverkehr weiter durch diese zentrale Stelle der Innenstadt fließen zu lassen. Man hätte allerdings die Haltestelle um einige Meter verlegen können, um dem Marktplatz mehr Flair zu geben, meint Mäckler.

»Diese Stadt weiß nicht, wie sie sich haben will«, glaubt Schuchmann. Der Journalist kennt Gießen seit den 60ern und bezeichnet die Mittelhessen-Metropole als »Musterbeispiel einer autogerechten Stadt«. Dies beginne mit dem Gießener Ring, aber auch der Anlagenring sei eine regelrechte Rennstrecke. »Gießen hat sich häufig sehr weh getan«. Ein weiterer Beleg für diese Aussage ist nach Ansicht des Fernsehteams das City-Center. Ohne Not sei hier ein »Betonklotz mit Schießscharten-Treppenhäusern« entstanden. Dieses Stück »wirklich schlechter Architektur« sei eine Beleidigung für die Bebauung auf der anderen Seite der Bahnhofstraße, die weitgehend von Kriegszerstörung verschont geblieben sei.

Allerdings ist Gießen offenbar nicht die einzige Stadt, die sich mit Architektursünden plagt. »Viele Städte wenden sich an uns, weil sie nicht wissen, wie sie mit der wachsenden Kritik aus der Bevölkerung umgehen sollen«, verrät Mäckler als Gründungsmitglied des Dortmunder Instituts für Stadtbaukunst.

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