08. November 2018, 20:11 Uhr

Pogrom-Gedenken

Fast 250 Gießener setzen Zeichen gegen Judenhass

Die Erinnerung an die Ausschreitungen gegen die jüdischen Bevöljkerung vor 80 Jahren muss nicht zum Ritual erstarren. Vor allem junge Leute setzen am Abend in Gießen ein starkes Zeichen.
08. November 2018, 20:11 Uhr
(Foto: Schepp)

Ich gehe sofort zu Bankier Herz, das Haus ist von Pöbel umringt, ich sehe Gestapo-Beamte, die Fenster sind eingeschlagen. Ich gehe auf Umwegen durch die Stadt nach Hause: Überall sind an den jüdischen Geschäften die Fenster eingeschlagen.« Diese Sätze schrieb der Gießener Schriftsteller Georg Edward am 10. November 1938 in sein Tagebuch. Was der jüdischen Bevölkerung in Gießen und anderswo im Deutschen Reich vor 80 Jahren angetan wurde, werde sich »furchtbar rächen« und »Deutschland in den Abgrund stürzen«. Edward sollte Recht behalten: Sechseinhalb Jahre später lag Gießen in Trümmern, waren die Deutschen am Nullpunkt angekommen.

Zwei Synagogen in Flammen

An die schweren Ausschreitungen gegen jüdische Menschen und Einrichtungen, die sich in Gießen vor 80 Jahren ereigneten, wurde am Donnerstagabend bei zwei Veranstaltungen erinnert. Rund 80 vorwiegend ältere Gießener nahmen an der Gedenkstunde des Magistrats am Gedenkstein vor der Kongresshalle teil, wo bis zum Novemberpogrom eine der beiden großen Gießener Synagogen stand, die damals in Brand gesteckt wurden.

Später zogen rund 150 vorwiegend junge Leute beim Mahngang der studentischen Initiative gegen Antisemitismus sowie des Bündnisses gegen Antisemitismus und Antizionismus vom Berliner Platz zum Bahnhof durch Gießen und steuerten historische Orte der Judenverfolgung an.

Die von der Nazi-Führung gesteuerten Ausschreitungen seien bereits ein »ungeheuerliches Verbrechen« gewesen, dem später der geplante Massenmord am europäischen Judentum gefolgt sei, sagte Pfarrer Cornelius Mann von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar. »Mit allen menschlichen Normen wurde gebrochen« Es komme einem »Wunder« gleich, dass es im heutigen Deutschland wieder jüdische Gemeinden und Synagogen gebe. »Aber so lange jede jüdische Veranstaltung von Polizei geschützt werden muss, sind wir noch weit weg von Normalität«, mahnte Mann zu Beginn der Veranstaltung an der Südanlage.

"Schweigen, Dulden, Mittun"

Anschließend trugen vier Schüler/innen der Herderschule Zeitzeugenberichte und Gedichte vor, danach sprachen für die beiden christlichen Kirchen in Gießen Andreas Specht (ev. Dekanat) und Hans-Joachim Wahl (kath. Dekanat), ehe Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz das Wort ergriff. Sie erinnerte daran, dass weite Teile der Bevölkerung damals teilnahmslos oder sogar zustimmend auf das Pogrom reagierten. Durch »Schweigen, Dulden, Mittun« hätten sich auch viele Gießener schuldig gemacht. »Die Gleichgültigkeit war das Schlimmste«, zitierte Grabe-Bolz eine jüdische Holocaust-Überlebende und mahnte mit Hinweis auf die Ereignisse von Chemnitz Wachsamkeit und Engagement gegen rechtsextreme Tendenzen an. »Schuld laden wir auf uns, wenn wir nichts tun«, sagte die OB. Gemeinsam mit Stadtverordnetenvorsteher Egon Fritz legte sich anschließend einen Kranz vor der Gedenktafel nieder, ehe Dow Aviv, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Gießen, das jüdische Totengebet sprach.

Ort der Deportation

Erneut ein starkes Zeichen gegen Judenhass setzten die studentische Initiative und das Bündnis gegen Antisemitismus, deren Aufrufe zum Mahngang erneut weit über 100 Personen folgten. Ihr Weg führte zunächst ebenfalls zum Gedenkstein vor der Kongresshalle, wo ein Kranz niedergelegt wurde. Hinter einem Transparent mit der Aufschrift »Das Problem – gestern wie heute – heißt Antisemitismus« zog die Menge zunächst vors frühere jüdische Bankhaus Herz und die Gestapo-Zentrale in der Neuen Bäue, dann zum Marktplatz und weiter zum Bahnhof, von dem aus im September 1942 über 300 Juden aus Oberhessen ihren qualvollen Weg in die Konzentrations- und Vernichtungslager antreten mussten.

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