10. September 2018, 21:56 Uhr

Fall nicht aufzuklären

10. September 2018, 21:56 Uhr

Der Vorwurf hatte es in sich: Ein 49-jähriger Syrer war angeklagt, im Jahre 2015 in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in der Rödgener Straße an einem damals zehnjährigen Mädchen sexuelle Handlungen vorgenommen zu haben, um sich selbst sexuell zu erregen. Der Syrer bestritt die Tat, und am Ende des Prozesses stellten die Verteidigung und die Staatsanwaltschaft den Antrag, den Angeklagten freizusprechen. Richterin Sabine Tremmel-Schön folgte den beiden Anträgen.

Der Tatvorwurf hatte seinerzeit für Aufsehen gesorgt, und über den Fall hatte die ARD-Sendung Panorama berichtet. Diesen Filmausschnitt hatte sich das Gericht im Rahmen der Beweisaufnahme angesehen.

Der 49-Jährige, Vater von sieben zum Teil erwachsenen Kindern, hatte zwar Beselich-Obertiefenbach als Wohnort angegeben, wohnt inzwischen aber in Berlin und geht seit Kurzem einer geregelten Beschäftigung in einem Hähnchengrill nach. Seit sechs Jahren lebt er von seiner ebenfalls in Berlin wohnenden Frau getrennt. Geschieden sei er noch nicht und wies dabei auf die ungeordneten Verhältnisse in seinem Heimatland hin: »In Syrien gibt es keine Behörden«, sagte der Angeklagte, der eigenen Angaben zufolge vor seiner Flucht als Autohändler gearbeitet habe.

Staatsanwalt und Verteidigung einig

Mithilfe eines Dolmetscher schilderte er anschaulich das Leben in der HEAE. Demnach war das Zelt, in dem auch das zehnjährige Mädchen und ihr Vater untergebracht waren, vor allem von Albanern bewohnt. Zu dem Vater habe sich ein recht gutes Verhältnis entwickelt. Die Tochter habe er gekannt und gegrüßt, mehr nicht. Allerdings habe er sich einmal mit seinem Bekannten gestritten, als dieser seine Tochter geschlagen habe, weil deren iPad verschwunden sei. Dabei meinte er erkannt zu haben, dass der Vater psychisch krank sei. Außerdem hatten sie unterschiedliche politische Ansichten. Für den 49-Jährigen zunächst nicht nachvollziehbar tauchten im Herbst 2015 auf einmal Polizisten und Fotografen im Zelt Nummer 9 auf. Die Angeklagte konnte sich keinen Reim daraus machen, doch später wurde er mit dem Vorwurf konfrontiert, das Mädchen sexuell belästigt zu haben.

Bei der Zeugenaussage der jungen Syrerin sowie bei der gutachterlichen Aussage wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Die Vernehmung seinerzeit durch die Polizei bezeichnete die Richterin als »nicht aufschlussreich«. Auch knapp drei Jahre später konnten die Zeugen den Sachverhalt nicht aufhellen. Einerseits machten der Vater des Kindes und der Angeklagte unterschiedliche Angaben, zum anderen war einiges in Vergessenheit geraten. Der Fall war nicht aufzuklären. Verteidigung und Anklage beantragten daher einen Freispruch, die Nebenklage stellte keinen Antrag. Tremmel-Schön sprach anschließend den Angeklagten vom Tatvorwurf frei.

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