Islam

Expertin über Islamische Gemeinde Gießen: »Elitär, hierarchisch und islamistisch«

»Ich ordne die Islamische Gemeinde Gießen dem Netzwerk der Muslimbruderschaft zu«, sagt die Islamismus-Expertin Sigrid Herrmann-Marschall. Im Interview erläutert sie ihre Vorwürfe.
16. April 2018, 14:26 Uhr

Von Burkhard Möller , 2 Kommentare
Gläubige Muslime knien im Gebetsraum einer Moschee. (Symboldbild: dpa)

Sie recherchieren seit vielen Jahren über die islamistische Szene. Seit dem vergangenen September haben Sie in ihrem Blog »Vorwärts und nicht vergessen« mehrere Beiträge zu Entwicklungen in Gießen veröffentlicht. Was hat Sie dazu veranlasst?

Sigrid Herrmann-Marschall: Zu den Strukturen, in denen sich auch Mitglieder der Islamischen Gemeinde Gießen (IGG) betätigen, recherchiere ich ja schon seit Längerem. Neben dieser Aufdeckung von Netzwerken geben aber auch immer wieder einmal einzelne radikale Prediger Grund zur Sorge. Hier war es ein junger Mann aus Gießen mit Zehntausenden Anhängern in den sozialen Medien. Ich sah ihn auch bei der IGG.

Der Hessische Verwaltungsgerichtshof (VGH) hat in einem Urteil die Entscheidung der Einbürgerungsbehörde des Gießener RP bestätigt, das einem früheren Vorsitzenden der Islamischen Gemeinde Gießen die deutsche Staatsbürgerschaft verweigert hatte. Die Behörde hatte Zweifel an seiner Verfassungstreue. Grund waren Kontakte des früheren Vorsitzenden ins Muslimbrüder-Milieu. Sie halten dieses Urteil für bedeutend. Warum?

Sigrid Herrmann–Marschall
Sigrid Herrmann–Marschall

Herrmann-Marschall: Muslimbrüder geben keine Mitgliedsausweise heraus. Die Zugehörigkeit zeigt sich nach Sicht des VGH-Senats durch Betätigung und Akzeptanz in den einschlägigen Gremien. Das Urteil ist auch bedeutsam für die verbreiteten Dialog-Betätigungen: Es mag lokal unterschiedliche Methoden geben, aber das Ziel ist das gleiche. Der VGH meint, es gebe keine abtrennbaren unproblematischen Teile der Struktur der Muslimbruderschaft. Ich teile diese Ansicht, man kann sie gut begründen.

Die Muslimbruderschaft wird von den Sicherheitsbehörden in Deutschland dem islamistisch-legalistischen Spektrum zugeordnet. Diese Strömung verfolge ihre Ziele im Rahmen unserer Rechtsordnung und gewaltfrei. Das klingt erst einmal nicht besonders bedrohlich. Was sind das für Ziele?

Herrmann-Marschall: Es ist nichts weniger als die Umformung der Gesellschaftsordnung. Die Muslimbruderschaft ist elitär, hierarchisch und islamistisch. Das heißt, im Endeffekt geht in einem solchen Gemeinwesen nicht mehr die Gewalt – im Sinne von Gesetzgebung – vom Volke aus, sondern es gelten vermeintlich göttliche Gesetze. Ich finde das schon bedrohlich, denn es ist nicht mehr hinterfragbar.

+++ Lesen Sie auch: Extremismusverdacht gegen IGG - Was bisher geschah

Dr. Diaa Rashid, Vorsitzender der Islamischen Gemeinde, hat sich in einem Gespräch mit uns über Sie beklagt, Sie würden einzelne Beiträge in den sozialen Medien zum Anlass nehmen, muslimische Gemeinden in Misskredit zu bringen. Was haben Ihre Recherchen zur IGG ergeben?

Herrmann-Marschall: Ich ordne die IGG wegen ihrer Einbindungen dem Netzwerk der Muslimbruderschaft zu. Aufgrund eigener Betätigungen von IGG-Mitgliedern. Wer sich selber öffentlich und gewollt in solche Zusammenhänge stellt, sollte sich nicht beklagen. In der eigenen Community wurde ein solcher »Misskredit« ja offensichtlich weder befürchtet noch angemahnt. Das stand mit Wissen und Wollen der Beteiligten öffentlich zur Verfügung. Es gab zur IGG mehrere Presseberichte. Schaut man sich diese im zeitlichen Verlauf an, kann man die Strategie der IGG verfolgen, immer nur das einzuräumen, was gerade belegt wird. Es wird umgedeutet, es werden Ablenkungsmanöver gestartet. Auch dieses schlechte Bild, das man dadurch abgibt, ist selbstverschuldet.

Ich halte es für einen großen Fehler, Integrationspolitik religiös aufzuladen

Sigrid Herrmann-Marschall

Schaut man sich die öffentlichen Aktivitäten der IGG an, tut die Gemeinde doch augenscheinlich genau das, was Einwanderern als Integrationsleistung immer abverlangt wird. Es wird in der Gemeinde Deutsch gesprochen...

Herrmann-Marschall: ...und Arabisch.

Führende Mitglieder engagieren sich kommunalpolitisch...

Herrmann-Marschall: ...und in Muslimbrudergremien.

Die Gemeinde spielt im interkulturellen und -religiösen Dialog in Gießen eine wichtige Rolle...

Herrmann-Marschall: ...und macht dort Interessenvertretung.

Die IGG hat sich auch mehrfach klar vom islamistischen Terror distanziert.

Herrmann-Marschall: Man muss nicht mit Gewalt vorgehen, wenn es auch ohne geht. Andere Strukturen, die auf die Muslimbruderschaft zurückgehen, agieren sehr wohl gewalttätig wie zum Beispiel die Hamas. Die Vordenker der Muslimbruderschaft billigen und fördern das.

Wie passt meine Aufzählung mit dem Extremismusverdacht zusammen?

Herrmann-Marschall: Es ist die Wahl des optimalen Mittels in einer gegebenen Situation. Die Ziele bleiben ja dieselben, und diese Doppelstrategie ist verbreitet. Das eine ist Marketing, das andere das verborgenere Gesicht der Muslimbruderschaft.

Die IGG ist ein wichtiger Dialogpartner, und zwar seit Jahrzehnten. Sind die Dialogpartner der IGG aus der Stadtpolitik und den christlichen Kirchen alle blind?

Herrmann-Marschall: Dazu muss man zunächst fragen: Was ist die Aufgabe solcher Runden? In vielen Kommunen kann man dieselben Verhältnisse und ganz ähnliche Argumentationsmuster vorfinden. Man agiert gemeinsam als Interessenvertretung. Die Kirchen haben die Kontakte, und gemeinsam dehnt man den Einfluss wieder aus, weil die Dialogpartner aus der Politik auch auf Wähler spekulieren. Daneben mag es naive Dialogpartner geben, deren Wunschdenken und das Eigenmarketing der islamistischen Partner deckungsgleich sind.

Herr Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), hat gegenüber dem Gießener Anzeiger im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen die IGG pauschal von Möchtegern-Verfassungsschützern und Pseudoexperten gesprochen, die da am Werk seien. Offensichtlich hat er damit auch Sie gemeint. Was antworten Sie Kritikern, die Ihre Expertise infrage stellen?

Herrmann-Marschall: Offensichtlich sind meine Einschätzungen, die des Verfassungsschutzes und die des VGH in diesem Fall doch recht ähnlich. Aiman Mazyek und auch Dr. Rashid können die Belege ja nicht infrage stellen. Es sind ja Eigendarstellungen – nur für die andere, die »eigene« Community. Aiman Mazyek gibt allem Anschein nach genauso wenig auf das Votum des Verfassungsschutzes. Oder des hessischen Justizministeriums. Sein Generalsekretär im ZMD ist der suspendierte hessische Gefängnis-Imam. Insofern halte ich das Urteil von Herrn Mazyek für interessengeleitet. Wenn man Fakten nicht aus der Welt schaffen kann, geht man den an, der auf sie aufmerksam macht. Insofern bin ich da entspannt – und in guter Gesellschaft.

Folgt man der Argumentation von Herrn Mayzek, leistet auch dieses Interview einen Beitrag zum Schüren von Islamhass und stärkt rechte Parteien wie die AfD. Beeindruckt Sie das?

Herrmann-Marschall: Nein. Die AfD wird leider gegenwärtig durch so einiges gestärkt. Da müssen sich auch die Volksparteien an die eigene Nase fassen: Man muss Ängste von Menschen immer ernst nehmen, selbst wenn man sie nicht teilt. Das gilt um so mehr für Probleme, die man selber vielleicht nicht hat oder nicht sieht. Oder nicht sehen mag, weil sie komplex sind. Beim Stichwort »Islamhass« müsste ich erst einmal fragen, was gemeint sein soll. Diskriminierung von Muslimen ist klar abzulehnen, Gewalt sowieso. Das kann aber kein Grund sein, berechtigte Kritik nicht vorzubringen. Sonst müssten wir auch aufhören, jeden anderen Extremismus anzumahnen, weil die Gegenseite übergriffig werden könnte. Ich zumindest habe nicht vor aufzuhören, die AfD zu kritisieren, auch wenn es auf sie Übergriffe gibt. Konkrete Ideologiekritik, konkrete Strukturkritik ist statthaft.

Der Muslimbruder-Islam und der DITIB-Islam gehören nicht zu Deutschland

Sigrid Herrmann-Marschall

Die Stadt Gießen hat erklärt, dass sie die bislang vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der IGG und der hiesigen DITIB-Gemeinde grundsätzlich gerne fortsetzen würde, weil die Moscheegemeinden wichtige Brückenbauer für die Integrationspolitik seien. Zu welchem Vorgehen würden Sie der Stadt Gießen raten?

Herrmann-Marschall: Die Stadt sollte sich erst einmal fragen, was sie unter Integration tatsächlich und konkret versteht. Welche Zukunftsvorstellung man selber hat. Inwiefern können die beiden genannten Strukturen »Brückenbauer« sein, wenn sie doch im gegenwärtigen Zustand eine ganz andere Zukunftsvorstellung haben? Politik ist ja kein Selbstzweck. Man kann auch sehr eifrig und mit hoher Ingenieurskunst an einer Brücke bauen, die ins Nichts führt. Im Übrigen halte ich es für einen großen Fehler, Integrationspolitik religiös aufzuladen.

Gehört der Islam zu Deutschland?

Herrmann-Marschall: Ich finde die Frage und vor allem viele Antworten so abstrakt, undifferenziert und pauschal eigentlich wertlos. Konkret: Der Muslimbruder-Islam und der DITIB-Islam gehören nicht zu Deutschland. Am Ende des Tages muss man sich entscheiden – und da haben sich beide schon entschieden.

Info

Zur Person

Sigrid Herrmann-Marschall bezeichnet sich selbst als unabhängige Sekten- und Islamismusexpertin. Die studierte Biologin war lange im Patienten- und Verbraucherschutz sowie der Sektenarbeit aktiv und lebt im Rhein-Main-Gebiet. Seit 2006 hat sie sich zunehmend auf den Islamismus fokussiert, sowohl extremistische wie legalistisch operierende Gruppen betreffend. Sie ist bundesweit als Vortragende unter anderem bei Parteien, Studierendenauschüssen von Universitäten und Migrantenverbänden zu Gast und hat Beiträge in verschiedenen Fachzeitschriften und Medien veröffentlicht. Für Schulen und Behörden führt sie Standortanalysen und vertrauliche Beratungen sowie Schulungen für Beratungsstellen, die Justiz und andere öffentliche Akteure zur islamistischen Szene durch. Ferner ist sie Dozentin in der Erwachsenenbildung und hat eine Akkreditierung an der Hessischen Lehrkräfteakademie. In ihrem Blog »Vorwärts und nicht vergessen« veröffentlicht sie Recherchen und Einschätzungen über die islamistische Szene bundesweit. Hermann-Marschall ist bekennende Atheistin und Mitglied der SPD.

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