26. September 2018, 21:56 Uhr

»Es geht um Kontrolle der Frauen«

26. September 2018, 21:56 Uhr
»Nein, sie ist keine Mörderin.« Verständnisvoll berichtete das evangelische Magazin »Chrismon« über die Gießener Ärztin Kristina Hänel. (Foto: mac)

»Die Retterin.« Mit dieser Überschrift erschien im August ein wohlwollendes Porträt der Gießener Ärztin Kristina Hänel in »Chrismon«. Das Magazin der evangelischen Kirche löste damit eine heftige Debatte aus. Bei einer Informationsveranstaltung des Evangelischen Dekanatsfrauenausschusses am Dienstag im Kerkradezimmer wurde deutlich: Christen, die das Recht von Frauen auf Abtreibung befürworten, sind längst keine Ausnahme mehr.

»Wir wünschen uns, dass sich mehr ungewollt schwangere Frauen für das Austragen eines Kindes entscheiden«, sagte Luise Böttcher, Vorsitzende des Frauenverbands. »Aber der Paragraf 219a hilft dabei überhaupt nicht. Er muss ersatzlos gestrichen werden.« Von den rund 40 Gästen kam ausschließlich Zustimmung. Weil Hänel üble Drohungen erhält und im Publikum saß, war sicherheitshalber ein Polizeibeamter erschienen. Er zog vor Beginn der Veranstaltung wieder ab.

»Uns erschreckt, dass Frauen anscheinend nicht zugetraut wird, eine Entscheidung im Schwangerschaftskonflikt verantwortlich zu treffen«, begründete Pfarrerin Angelika Maschke, warum der Dekanatsfrauenausschuss den Paragrafen für »nicht zeitgemäß« hält. Die Veranstaltung solle der anstehenden Synode der Landeskirche Impulse geben, sich ähnlich zu positionieren.

Die evangelischen Frauen in Hessen und Nassau sprechen sich schon seit 1978 dafür aus, die Gewissensentscheidung einer Frau zu respektieren. Das erläuterte Johanna Wirxel, Referentin für Frauenpolitik bei dem Verband. Die Nazi-Wurzeln des »Werbeverbots« belegten: »Es geht nicht um Lebensschutz, sondern um Kontrolle.«

Der frühere Propst und Pfarrer Michael Karg beleuchtete das Thema aus biblischer Sicht. Wenn Christen – wie kürzlich wieder in Frankfurt – mit »Mahnwachen« vor Beratungsstellen Schwangere unter Druck setzen, handelten sie nicht im Sinne Jesu. »Wenn das Eintreten für das Leben einseitig zu Lasten des Lebens von Frauen geht, stimmt etwas nicht«, sagt Karg. Luise Böttcher nannte solche Spaliere »beschämend«.

Dr. Brigitte Ende, Delegierte bei der Landesärztekammer, hob hervor, dass die Berufsordnung Ärzten Werbung ohnehin verbiete. Es sei »untragbar«, dass die Betroffenen Informationen nur »unter der Ladentheke« erhielten. Gerade in Ländern mit Verboten und Tabus gebe es besonders viele Abbrüche. In Deutschland sei die Zahl in den letzten 20 Jahren von 131 000 auf 100 000 jährlich gesunken. Mehr als die Hälfte der ungewollt Schwangeren trage das Kind aus.

Die Juristin und FDP-Politikerin Prof. Angelika Nake fasste die Idee des Paragrafen so zusammen: »Wenn du nicht weißt, wohin du gehen sollst, bekommst du das Kind, und alles wird gut.« Er verbiete jede Information nicht nur »in grob anstößiger Weise«, sondern immer, wenn ein »Vermögensvorteil« damit verbunden ist, ein Arzt also den Eingriff abrechnet. Selbst im Konfliktberatungsgespräch bekomme eine Schwangere häufig keine Adresse von Medizinern.

Das Informationsverbot offenbare ein fragwürdiges Frauenbild, sagten auch Diskussionsteilnehmer. Karg formulierte die Befürchtung, die dahinter steht, so: »Denen dürfen wir nicht zu viel Spielraum lassen.« Brigitte Ende warnte vor einem »Rollback« bei Frauenrechten. Immer weniger Praxen und Krankenhäuser führen den Eingriff durch, auch wegen Anzeigen radikaler »Lebensschützer«.

Moderatorin Elisabeth Faber – ehemalige Kreis-Frauenbeauftragte, aktiv in der SPD wie in der Kirche – skizzierte den Stand der politischen Diskussion in Berlin. Sollten sich die damit befassten vier Minister von CDU und SPD nicht einigen, könne der Bundestag die Abstimmung über die längst vorliegenden Gesetzentwürfe aufrufen. Eine Entscheidung solle noch in diesem Herbst fallen.

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