08. November 2018, 18:00 Uhr

Sanierungskosten

Entwässerung: Viele Rödgener müssen zahlen

In Rödgen werden die Entwässerungsanlagen untersucht. Die Inspektion ist zwar kostenlos, die Kosten für die Sanierung müssen die Anwohner aber selbst zahlen. Das kann teuer werden.
08. November 2018, 18:00 Uhr
Im vergangenen Jahr waren die Mitarbeiter der Wasserbetriebe im Anneröder Viertel unterwegs (siehe Foto). Jetzt ist Rödgen an der Reihe. (Archivfoto: Schepp)

Eigentum verpflichtet: Eine Äußerung, die am Montagabend im Rödgener Bürgerhaus häufiger zu hören war. Die Mittelhessischen Wasserbetriebe (MWB) hatten Bewohner des Stadtteils eingeladen, um über die anstehende Untersuchung der Grundstücksentwässerungsanlagen zu informieren. Die gute Nachricht für die Betroffenen: Die Inspektion ist anders als in anderen Kommunen kostenlos. Die schlechte: Sollten Schäden festgestellt werden, müssen die Hauseigentümer sie auf eigene Kosten beseitigen. Und das dürfte auf die Mehrzahl der Rödgener zutreffen. Denn laut Dieter Klaum von den MWB sind Vergleichwerten zufolge rund 70 Prozent der Anlagen beschädigt.

Rödgen ist nicht das erste Gießener Gebiet, das von den MWB unter die Lupe genommen wird. »Seit 2014 haben wir ungefähr 1000 Liegenschaften untersucht«, sagte Klaum und erinnerte an Inspektionen in der Weststadt und der Anneröder Siedlung. Besonders bei letzterer hatte es im Herbst 2017 Unmut gegeben, unter anderem, weil in der 2013 geänderten Abwassersatzung der Stadt festgehalten ist, dass Anwohner auch die Kosten für eine Sanierung jenes Abschnitts tragen müssen, der unter öffentlichen Grund zwischen Haus und Sammler verläuft.

 

140 Hauseigentümer betroffen

In Rödgen sind zunächst jene 140 Hauseigentümer betroffen, die zwischen Geiselstrauchweg, Helgenstockstraße, Ruhbanksweg und Udersbergstraße wohnen. Bereits Ende des Monats sollen die Arbeiten beginnen, pro Tag schaffen die Arbeiter im Schnitt zwei Häuser. Es kann zu leichten Geruchs- und Lärmbelästigungen kommen, nach vier Monaten soll dieser Abschnitt abgeschlossen sein. Die restlichen Rödgener sind im Anschluss an der Reihe. Gemäß Wasserhaushaltsgesetz sind die MWB als Betreiber dazu verpflichtet, den Zustand der Anlagen zu überwachen. Das jetzt Rödgen untersucht wird, liegt laut Klaum an der Ortslage in der Wasserschutzzone. Die Umweltpriorität sei hier höher. Aber auch der Rest von Gießen soll noch untersucht werden, was Klaum zufolge rund 20 Jahren dauern wird.

Inspiziert wird neben der Grundleitung auch der Anschluss an den Hauptkanal – also jener Abschnitt, der unter öffentlichem Boden liegt. Ein Besucher der Infoveranstaltung störte sich daran. Er monierte, dass die Hauseigentümer somit auch für Schäden zahlen sollen, die durch den Straßenverkehr und somit vond er Allgemeinheit verursacht würden. MWB-Beraterin Kerstin Westbrock betonte jedoch, dass Kanäle unter stark befahrenen Straßen nicht mehr Schäden aufwiesen als andere.

Westbrock war es auch, die den Besuchern Details zu den anstehenden Arbeiten nannte. »Wir werden die Anlagen auf Dichtheit, Standsicherheit und Betriebssicherheit untersuchen«, sagte die MWB-Beraterin und erklärte, dass hierfür eine Kamera in die Rohre gespült werde. Auf diesem Wege sollen Risse, Wurzeleinwüchse oder Brüche festgestellt werden. Auch Drainagen, die fälschlicherweise an die Mischwasserleitung angeschlossen sind, werden ins Visier genommen.

 

Neue Leitung in der alten Leitung

Wie potenzielle Schäden behoben werden können, erklärte Jörg Tröller. Demnach ist es möglich, zur Abdichtung von Rissen einen Textilschlauch in das defekte Rohr einzuführen. Schlauchlining heißt der Fachbegriff. »Das ist faktisch eine neue Leitung in der alten«, sagte Tröller. Bei punktuellen Schäden biete sich zudem der »Kurzliner« an, eine mit Epoxidharz getränkte Gewebemasse, die die Schadstelle von innen abdichtet. »Beide Verfahren sind ohne Aufgraben des Bodens möglich«, betonte Tröller. Sollten die Schäden zu massiv sein, bleibe hingegen nur eine komplette Erneuerung der Anlage samt Ausgrabung des Bodens.

Konkrete Angaben zu den Kosten wollten die MWB-Mitarbeiter nicht machen. Dafür seien die individuellen Gegebenheiten zu ausschlaggebend. Klaum ließ sich dann aber immerhin entlocken, dass die beiden Lining-Verfahren zwischen 1500 und 3000 Euro kosten könnten. Dass ein kompletter Austausch der Anlage weitaus teurer sein kann und schnell in den fünfstelligen Bereich geht, dürften viele der erfahrenen Hauseigentümer ohnehin wissen. Die Rödgener erhielten daher den Rat, in ihren Versicherungsverträgen zu prüfen, in welchem Umfang Schäden an den Abwasserleitungen abgedeckt sind.

Den Betroffenen ist es übrigens freigestellt, ob sie die Sanierung von den MWB selbst oder einem anderen Anbieter durchführen lassen. Tröller riet jedoch dazu, sich von den MWB zumindest über die Alternativen beraten zu lassen, damit man am Ende nicht bei einem Kanal-Hai lande.

Klaum sagte abschließend, dass er durchaus nachvollziehen könne, dass die Betroffenen in Anbetracht zu erwartender Zahlungen nicht sonderlich begeistert seien. Er betonte aber auch, dass eine intakte Grundstücksentwässerung den Vermögenswert der Häuser steigere. Abgesehen davon habe ein funktionierendes Kanalsystem große Bedeutung sowohl für die Natur als auch für das Wohl der Allgemeinheit. Schon die alten Römer hätten davon profitiert, sagte Klaum. Jetzt sollen es die Räärer sein.

Zusatzinfo

Premiere in der Weststadt

Bei den Untersuchungen kommen hochmoderne, 450 000 Euro teure Kanalinspektionsfahrzeuge zum Einsatz. Wenn die Grundstücksentwässerungsanlagen keine sanierungsbedürftigen Schäden (mehr) aufweist, erhalten die Eigentümer einen vom TÜV zertifizierten Entwässerungspass ausgehändigt. Erstmals wurde dieser Pass im vergangenen Jahr in der Weststadt ausgegeben. Es war eine Premiere in Deutschland.

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