Gießen (csk). Meister werfen große Schatten. Deshalb bleiben ihre Schüler manchmal länger im Dunkeln, als es der eigenen Bedeutung angemessen wäre. »In Liebig’s Shadow« hatte Prof. William Hodson Brock denn auch seinen Vortrag über Heinrich Will genannt, den er nach der Mitgliederversammlung der Liebig-Gesellschaft im historischen Auditorium des Liebig-Museums hielt. Eines machte der britische Wissenschaftshistoriker dabei schnell deutlich: Von seiner Persönlichkeit her war Will gewiss keine schillernde Figur – als Chemiker aber durchaus ein Leuchtturm auf seinem Fachgebiet.

Auf Betreiben Justus Liebigs 1837 nach Gießen gekommen, erfüllte Will schon bald wichtige Funktionen für seinen Mentor. Zunächst sei er vor allem mit redaktionellen Arbeiten bei Publikationen betraut gewesen, sagte Brock. Nach sechs Jahren übernahm Will die Leitung des wegen stark steigender Studentenzahlen gegründeten »Filiallabors« am Seltersberg. Nun war er wichtiger denn je – so wichtig, dass Liebig ihn 1845 bat, trotz eines reizvollen Angebotes nicht an das Royal College of Chemistry in London zu wechseln.

In den Folgejahren verlor Will dann offenbar an Kredit bei seinem Lehrmeister. Brock führte dies indirekt auf die politischen Entwicklungen rund um 1848 zurück. Den jungen Forscher habe das Revolutionsjahr »sehr stark politisiert«, in einem Brief schrieb er selbst, sein Kopf sei »voll mit politischen und revolutionären Angelegenheiten«. Als Liebig 1852 nach München ging, versuchte der Meister gar, seinen Schüler als Nachfolger zu verhindern: »Will ist der Mann nicht; seit drei Jahren hat er nicht das Geringste gethan, und wird auch in Zukunft nichts thun«, lautete Liebigs vernichtendes Urteil.

Dennoch erhielt Will die Professur für Experimentalchemie, er wurde Leiter des chemischen Laboratoriums und war von 1869 an außerdem ein Jahr lang Rektor der Universität. »Ungeheuer fleißig« habe Will mitgeholfen, die Ludoviciana nach Liebigs Abgang »auf der wissenschaftlichen Landkarte zu halten«, so Brock. Ungeachtet dessen sei er Historikern wie Chemikern heute allenfalls als Entwickler der »Will-Varrentrapp-Methode« zur Bestimmung von Stickstoff in organischen Verbindungen ein Begriff, kaum jedoch wegen seines eher schmalen, etwa 25 Aufsätze umfassenden schriftlichen Werks.

Nehme man es genau, müssen man diesen wohl weitere Studien zuschlagen, die Will mit Studenten erstellt habe, ohne bei Veröffentlichung selbst namentlich in Erscheinung zu treten, meinte Brock. Nicht zuletzt deshalb charakterisierte der 82-Jährige seinen Helden als »ausgesprochen loyalen Arbeiter, der eher im Hintergrund wirkte«. Brock: »Wissenschaft beruht eher auf den Zwergen und Ameisen als auf den Riesen und Elefanten.« In diesem Sinne sei Will »ein Zwerg« – je nach Perspektive aber eben auch »gigantisch groß«.

Zum Dank für das grelle Schlaglicht auf den Liebig-Schüler überreichte Prof. Eduard Alter dem Redner einen Fünf-Kugel-Apparat (Foto). Das Instrument hatte Liebig 1831 für die Elementaranalyse organischer Stoffe entwickelt. »Dieses Teil hat einmal die Welt verändert«, freute sich Brock. (Foto: csk)

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