15. Oktober 2017, 14:00 Uhr

Albinismus

Ein Leben mit Unschärfen

Architekten brauchen ein gutes Auge? Nazli Özpelit beweist, dass das nicht unbedingt der Fall sein muss. Zum Tag des weißen Stocks erzählt sie ihre Geschichte.
15. Oktober 2017, 14:00 Uhr
Nazli Özpelit über den Dächern der Stadt. Trotz ihrer Sehbehinderung will sie Architektin werden. (Foto: Schepp)

Nazli Özpelit sitzt auf der Terrasse des Dachcafés. Ihr Blick schweift über die Silhouette der Stadt. »Ich kann die Formen der Dächer erkennen. Und auch, dass dort unten Autos fahren.« Dass auf einem der Balkone eine Frau die Bettwäsche ausschüttelt, bleibt der 28-Jährigen aber verborgen. Das große Gebäude links von ihr kann sie erkennen, aber nicht, dass an der Fassade die großen grünen Lettern »THM« prangen. Dort, in 500 Metern Entfernung, studiert Özpelit Architektur. Sie ist eine von insgesamt 10 800 Studenten der Hochschule. Eine von vielen. Aber auch eine, die mit vielen Hürden zu kämpfen hat.

 

Ich habe keine Pigmente, also Farbstoffe in meinem Körper

Nazli Özpelit
Özpelit ist mit Albinismus auf die Welt gekommen. Eine Stoffwechselerkrankung, die die Melaninbildung verhindert. »Ich habe keine Pigmente, also Farbstoffe in meinem Körper«, sagt die THM-Studentin. Auf dem ersten Blick sieht sie wie eine ganz normale junge Frau aus. Nur wer länger in ihre Augen blickt erkennt, dass etwas nicht stimmt. Ihre Pupillen zittern. Ein typisches Merkmal bei Albinismus. Zudem sind die Härchen auf ihren Armen nahezu weiß. Ihr Kopfhaar würde genauso aussehen, wenn sie es nicht färben würde. Zudem ist Özpelit lichtempfindlicher als ihre Mitmenschen, im Sommer muss sie sich stets eincremen und eine Sonnenbrille tragen. Die stärkste Beeinträchtigung betrifft aber ihre Augen: Wegen des fehlenden Melanins ist ihr scharfes Sehen stark eingeschränkt.
 

Schöne Kindheit trotz Mobbing

Trotzdem macht Özpelit einen glücklichen Eindruck. Und der täusche auch nicht, sagt sie lächelnd. »Ich kenne das Leben ja nicht anders.« Ihre Eltern hätten sie schon immer in allem unterstützt, in der Blindenschule sei alles auf sie abgestimmt gewesen. Und natürlich sei da noch ihre knapp zwei Jahre jüngere Schwester Gamze gewesen, mit der sich sie heute sogar eine Wohnung teilt. Sie kam auch mit Albinismus zur Welt. »Das schweißt natürlich zusammen.« Außerhalb des Familienschoßes war das Leben aber nicht immer so einfach. Özpelit teilte das Schicksal vieler junger Leute, die nicht wie die Mehrheit aussehen. »Kinder und Teenager können sehr gemein sein. Ob ich gemobbt wurde? Ja, natürlich.« Aber das will die 28-Jährige nicht zu hoch hängen. »Ich hatte eine schöne Kindheit.«
 

Schon als Kind kreativ

Für Außenstehende mag es widersprüchlich klingen, dass eine sehbehinderte Frau ausgerechnet den Beruf des Architekten erlernen will. Für Özpelit war es aber nur folgerichtig. »Ich war schon als Kind kreativ. Ich habe gerne gezeichnet, vor allem Kleider und Häuser. Nach dem Fachabi musste ich mich dann entscheiden: Mode oder Architektur.« Die Wahl viel auf letzteres.

Mit dem Fernglas in der Vorlesung
 

Damit sie im Studium zurecht kommt, ist die 28-Jährige auf Hilfe angewiesen. »Ich kann die Tafel nicht erkennen. Also nutze ich ein Monokular, also eine Art Fernglas. Außerdem habe ich eine Lupe und auf meinem Laptop eine Vergrößerungssoftware.« Ihre Klausuren könne sie im Zentrum für blinde und sehbehinderte Studierende, kurz Bliz, schreiben. Hier habe sie auch Zugriff auf ein Lese-Bildschirmgerät und Studienbücher in digitaler Form. »Mit diesen Hilfsmitteln und der Unterstützung meiner lieben Freunde komme ich immer weiter.« Trotzdem ist das Studium kein Selbstläufer, selbst Leute ohne Beeinträchtigungen scheitern regelmäßig. Doch auch wenn sie im nächsten Jahr ihren Bachelor schaffen sollte, macht sich Özpelit Sorgen. »Natürlich braucht man als Architekt eigentlich ein gutes Auge. Für mich wird es auf dem Arbeitsmarkt ganz sicher nicht leicht.«


Barrierefreies Bauen als Chance

Womöglich findet sie aber auch eine Sparte, in der ihr Know-how gepaart mit ihren Erfahrungen eine perfekte Qualifikation ergeben. Nämlich im immer wichtiger werdenden Segment des barrierefreien Bauens. »Ich habe in der Schulzeit mal ein Praktikum in einer sozialen Einrichtung für ältere Menschen gemacht. Da sind mir viele Dinge aufgefallen, die ich anders gelöst hätte«, sagt Özpelit und nennt als Beispiel das Verlegen eines schwarten Teppichs auf einen grauen Boden. »Viele ältere Menschen können nicht gut sehen. Daher ist die Gestaltung von Kontrasten sehr wichtig. Ein normal Sehender achtet darauf vielleicht nicht so sehr.« Özpelit schon.

Eine gut ausgebildete Frau, die sich in die Bedürfnisse der Kunden hineinversetzen kann. Weil sie mit ähnlichen Problemen großgeworden ist. Plötzlich scheinen die Chancen von Nazli Özpelit gar nicht mehr so schlecht zu stehen. Es kommt eben auf die Perspektive an.

Info

Der Tag des weißen Stocks

Neben der Armbinde ist der Blindenstock das Schutz- und Erkennungszeichen für Blinde und Sehbehinderte. Vor allem dient er als wichtiges Hilfsmittel. Mit ihm können sich Betroffene in ihrer Umgebung unabhängig bewegen. 1969 riefen die Vereinten Nationen den »Internationalen Tag des Weißen Stockes« ins Leben. Er wird am 15. Oktober begangen. Hilfsorganisationen werben um mehr Verständnis für blinde und sehbehinderte Menschen. In Deutschland bildet der Tag seit 2002 den Abschluss der Aufklärungskampagne »Woche des Sehens« mit bundesweiten Aktionen. (dpa)

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