04. November 2018, 20:57 Uhr

Ein Abend mit Klasse und Stil

Vor 47 Jahren gründete Keyboarder Manfred Mann seine Earth Band. Wer beim Auftritt am Freitagabend in Gießen ein Konzert im Seniorenstil erwartete, der wurde überrascht. Der 78-jährige Mann samt Band sprühten vor Spielfreude.
04. November 2018, 20:57 Uhr
Die Earth-Band-Gründungsmitglieder Mick Rogers und Manfred Mann (r) begeistern das Hessenhallen-Publikum. (Foto: axc)

Im Interview mit der Gießener Allgemeinen Zeitung hatte Gitarrist Mick Rogers im Oktober für das Gießener Konzert von Manfred Mann’s Earth Band die gewohnt volle Hitpackung plus einige Überraschungen versprochen. Letztere blieb die 1971 gegründete Band um Keyboarder Manfred Mann vor 700 Besuchern zwar schuldig, aber das ist auch gut so, denn nur wer das Quintett um die beiden Gründungsmitglieder Mann und Rogers am Freitagabend in der Hessenhalle zum ersten Mal live erlebte, konnte von der überbordenden Musikalität und Spielfreude der älteren Herren überrascht sein.

Fans, die vor fünf Jahren an gleicher Stelle dabei waren, werden kaum Änderungen an der Songauswahl festgestellt haben, aber es beeindruckt stets aufs Neue, wie es Mann & Co. immer wieder verstehen, alten Schlachtrössern wie »Martha’s Madman« oder »Blinded by the Light« die Sporen zu geben. Der Opener »Captain Bobby Stout« (1971) erstreckt sich über acht Minuten: Die Band groovt sich ganz allmählich in den Song ein, bis er überhaupt zu erkennen ist, und gönnt sich im weiteren Verlauf längere Phasen im Jam-Modus – so dass immer wieder vor allem für Mann und Rogers Gelegenheit bleibt, in ihren Solospots nach Herzenslust zu improvisieren. »You Angel You«, der erste von drei Dylan-Songs, beginnt fast folkig mit Sänger Robert Hart (früher Bad Company, gerade 60 geworden) an der Akustikgitarre, bevor die anderen einsteigen und den kraftvollen Earth Band-Sound ertönen lassen. Seit 2016 gehört auch John Lingwood wieder zum Team, den Bass zupft so zuverlässig wie unauffällig seit über 30 Jahren Steve Kinch.

»Mighty Quinn« als Zugabe

Der gebürtige Johannesburger Manfred Mann, der 1961 nach Großbritannien auswanderte, ist mit seinen 78 Jahren beneidenswert fit und gemessen an seinem alten Griesgram-Image ausgesprochen gut gelaunt und publikumsnah. Schon nach fünf Minuten kommt er mit umgehängtem Keyboard hinter seinem Tastencockpit hervor und gesellt sich fast schon tänzelnd zu seinem Langzeitkollegen Rogers. Den Fans gönnt er mehrmals ein freundliches Lächeln. Das war früher anders.

Natürlich faszinieren die verfremdeten, resonanzgefilterten Töne aus Manns Synthesizern und anderen Keyboards nach wie vor, etwa in dem wunderbar elegischen »Father of Day«, das von einem Dylanschen 98-Sekunden-Liedchen schon in der Studioversion 1973 zu einem fast zehnminütigen Prog- Rock-Epos wurde. Aber im Zentrum der Aufmerksamkeit steht doch immer wieder Gitarrist Mick Rogers (71), der – wie üblich in Hemd, Schlips und Weste – völlig in sich ruhend die Show sichtlich genießt und ganz lässig, ohne irgendwelche Allüren, sauber dosierte und doch hoch emotionale Riffs und Soli aus seiner E-Gitarre holt. Vor »Father of Day«, das er auch singt, liefert er ein Solo mit Flamenco-Flair, danach sorgt er mit seiner blitzsauber gespielten Version von Merle Travis’ »Cannonball Rag« für Jubel.

Ab Springsteens »For You« wird es interaktiv. Die Fans singen den Refrain nach dem Ende einfach weiter und nehmen Robert Hart etliche Textzeilen von »Davy’s on the Road Again« komplett ab. Rogers streut zwischendurch ein ZZ-Top-Riff ein und spielt die erste Zugabe, den uralten Hit »Do Wah Diddy Diddy« im Duo mit Drummer Lingwood, wobei er den Text schelmisch auch noch abändert. Die zweite Zugabe – natürlich »Mighty Quinn« – reichert er mit Ian Dury-, Hendrix- und Deep Purple-Riffs an und singt eine Strophe. Robert Hart indes, dessen bei aller Freundlichkeit leicht gockelige Bühnenpräsenz nicht so richtig ins Gesamtbild passt, läuft mit seinem rauen Organ bei »Mighty Quinn« noch mal zur Höchstform auf. Ein Abend mit Klasse und Stil, den die Gießener/Frankfurter Band um John Ohry mit ihrem Unplugged-Mix aus Soul und Reggae angenehm angeheizt hatte.

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