Ehrenpension für Opfer des DDR-Regimes angemahnt

Gießen (srs). Die historischen Stunden des Mauerfalls sowie Bilder von friedlichen Montagsdemonstrationen ruft der Tag der Deutschen Einheit zunächst in Erinnerung. Eine Feier im Konzertsaal des Rathauses rückte am Mittwoch die Opfer von Haft und Verfolgung unter dem DDR-Regime in den Mittelpunkt.
03. Oktober 2012, 20:53 Uhr
Attraktion im Rathaus: Künstler der Gruppe 3steps hatten einen Trabant 601 S in ein buntes Pop-Art-Objekt verwandelt. (Foto: srs)

Noch heute hätten die politischen Gefangenen der DDR unter Depressionen, Klaustrophobie und vor allem fehlender Anerkennung ihres Schicksals zu leiden, betonte in einer Festansprache die Soziologin und Journalistin Dr. Sibylle Plogstedt. Sie forderte eine Ehrenpension in selber Höhe wie für die Verfolgten des Nationalsozialismus.

Zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall seien die ehemaligen politischen DDR-Häftlinge »noch nicht zur Ruhe gekommen«, hält Plogstedt in ihrem Buch »Knastmauke« fest. In dem 2010 im Gießener Psychosozial-Verlag erschienenen Werk beleuchtet sie Lebensgeschichten von politischen Gefangener der DDR. Einen Auszug ihrer Recherchen stellte sie nun in ihrer Festansprache vor.

So berichtete sie von Angelika Hartmann, die 1965 als 15-jährige durch Stacheldraht gekrochen war, um in Westberlin ein Konzert der Rolling Stones in der Waldbühne zu sehen. »Zurück in der DDR ging sie ein Jahr später einer Mitschülerin – der Tochter eines Stasi-Offiziers – auf den Leim. Wegen Anstiftung zu Republikflucht musste sie ins Gefängnis. « In der dunklen Zelle habe Hartmann an ihren Beinen ständig wuselnde Ratten spüren müssen. »Jahre später ist sie einmal U-Bahn gefahren, das Licht fiel aus, und ein Hund schmiegte sich an ihr Bein.« Sofort sei ihr das Leid in der Gefängniszelle wieder gegenwärtig gewesen. »U-Bahn kann sie nicht mehr fahren.« Plogstedt erzählte weiter von Thomas Reschke, der ihr seine Haft in Chemnitz als »die absolute Hölle« geschildert habe. »Er wurde von anderen Häftlingen zusammengeschlagen und vergewaltigt. Der Schließer ließ ihn in der Zelle liegen.« Heute leide der Mann unter Depressionen sowie Klaustrophobie in der eigenen Wohnung.

Aufgrund ihres Schicksals seien ehemalige politische Häftlinge der DDR oftmals nicht in der Lage, »dem Druck des Arbeitsmarkts Stand zu halten«, erklärte Plogstedt. »13 Prozent von ihnen leben von Hartz IV. Weitere 20 Prozent beziehen ein Einkommen unter 700 Euro«, führte sie selbst erhobene Statistiken an. »Das ist ein Skandal. « Sie sprach sich für eine Ehrenpension »in selber Höhe wie die Verfolgten des Nationalsozialismus« über 750 Euro statt wie nach derzeitigem Recht maximal 250 Euro aus. »Es geht nicht nur um Geld, sondern um Anerkennung«, betonte Plogstedt.

Die Soziologin und Mitbegründerin der feministischen Zeitschrift »Courage« ist selbst eine ehemalige politische Gefangene. 1968 war sie als Studentin der Freien Universität Berlin nach Prag gefahren, hatte sich der »Bewegung der revolutionären Jugend« angeschlossen, die den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts bekämpfte. Nach einer Festnahme saß sie eineinhalb Jahre in Gefängnissen der CSSR.

Zu Beginn der Feierstunde erinnerte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz an die »Tage der friedlichen Revolution« und des Mauerfalls, »als die Menschen des geteilten Deutschlands die Arme füreinander öffneten.« Der aktuelle Regierungsbericht zum Stand der deutschen Einheit zeige allerdings, »dass es noch gesamtgesellschaftlicher Anstrengungen bedarf.«

Eine Attraktion im Foyer des Rathauses war gestern ein bunt gestalteter Trabant. Künstler der Gruppe »3steps« hatten den Wagen mit Sprühfarben in ein buntes Pop-Art-Objekt verwandelt, um die »bunte Berliner Mauer und die zahlreichen Kulturen und Regionen in Deutschland zu symbolisieren«, erklärten sie. Musikalisch begleitete die Feierstunde das Multikulturelle Orchester unter Leitung von Georgi Kalaidjiev.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Angelika Hartmann
  • DDR
  • Dietlind Grabe-Bolz
  • Freie Universität Berlin
  • Mauerfall
  • Schicksal
  • Soziologinnen und Soziologen
  • Tag der Deutschen Einheit
  • The Rolling Stones
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 / 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.