13. August 2017, 09:00 Uhr

Auf Facebook

»Du kennst Gießen, wenn ...«

Die Gruppen in Facebook beschäftigen sich mit vielem: Hobby, Beruf oder Freundschaft zum Beispiel. Auch Gießener tun sich in dem sozialen Netzwerk zusammen. Manches ist wirklich schräg.
13. August 2017, 09:00 Uhr
»Du kennst Gießen, wenn du früher ...« – hier tummeln sich viele, die in der Stadt aufgewachsen sind oder heute hier leben. (Foto: age)

Zwischenzeitlich dachten meine Mitbewohnerin und ich, der Kühlschrank würde sich noch fangen. Statt seines Brummens plötzlich nur noch Stille zu vernehmen, beunruhigte uns zwar. Aber erst als die Totenruhe länger anhielt, sahen wir uns an. »Ich schau bei ebay!«, sagte sie. »Gut«, erwiderte ich. »Dann check ich Facebook.«

Auf der Suche nach Haushaltsgeräten, Möbeln oder anderen Dingen, die man irgendwie brauchen könnte, präsentiert sich das soziale Netzwerk als ein wahres Eldorado. Natürlich benötigt man eine Art Schlüssel, um von den einlullenden Nachrichten des eigenen Newsfeeds in die andere, spannende Welt zu treten, in der es neben Kühlschränken und Lattenrosten auch Verabredungen zum Auto-Treff, Veranstaltungen »jenseits des Mainstreams« und Taxidienste zur Katzenbabyrettung gibt. Dieser Schlüssel ist die klassische Facebook-Gruppe.

Nutzern des sozialen Netzwerks wird das sofort ein Begriff sein. Für die anderen ist folgende Erklärung nützlich: Facebook-Gruppen funktionieren ähnlich wie im echten Leben Menschen mit gleicher Absicht oder gleichem Interesse finden sich zusammen und sind – nur eben virtuell – in der Lage, ihren Senf per Beitrag oder Kommentar zu allem dazuzugeben, was ihnen gefällt – oder nicht.

 

Aufnahmestopp im Schwergewicht

 

Fast jeder ist mit ein paar Freunden in einer Gruppe, zum Beispiel um endlich mal regelmäßig Termine für das Fußballspielen auf die Reihe zu bekommen. Fast jeder ist in einer Gruppe, von der er gar nicht weiß, was er dort zu suchen hat. Ich habe mich fünf Jahre lang in einer »Lehramtstudis«-Gruppe getummelt, ohne einen Tag in meinem Leben Lehramt studiert zu haben.

Fast jeder ist außerdem in einer oder mehreren Gruppen, die wirklich sinnvoll – oder populär – sind.

Für mein Kühlschrankvorhaben war das die Gruppe mit dem Originaltitel: »*MOMENTAN AUFNAHMESTOPP* GIEßEN: Verkaufen, Verschenken, Suchen, Tauschen«; das Schwergewicht der mittelhessischen Social-Media-Zusammenfindungen quasi, ein real gewordener Hybrid der Träume von ebay-Gründer Pierre Omidyar und Facebook-Souverän Marc Zuckerberg: Eine Gemeinschaft mit mehr als 31 000 Mitgliedern, die in einem sozialen Netzwerk mit Gegenständen handelt – und das alles regional.

Eine Gruppe mit 36000 Mitgliedern lässt sich kaum fair moderieren

Sarah Lindenfels, Administratorin

Seit fünf Jahren ist die Gruppe aktiv und war mit 36 000 Mitgliedern sogar schon mal größer. »Wir sind am ›Abspecken‹, weil eine so große Gruppe sich kaum fair moderieren lässt«, erzählt Sarah Lindenfels, eine der Administratoren der Handelsplattform. Die Ehrenamtlichen achten darauf, dass Verstöße gegen die Netiquette sanktioniert werden und Angebote tatsächlich aus dem Kreis Gießen stammen. Bis zu vier Stunden täglich investieren Lindenfels und ihre Kollegen jeweils ins »Sauberhalten«.

Diskussion um Regeln

Das ist viel Zeit, in der einem auch schräge Fälle begegnen können, wie Lindenfels weiß: »Es gab einmal Diskussionen wegen einer unserer Regeln, die verbietet, lebende Tiere anzubieten oder zu suchen. Als dann ein Jäger abgepackte Schlachtkaninchen mit Foto anbot, wurde uns vorgeworfen, dass lebende Tiere in der Gruppe zwar verboten seien, wenn man sie aber umbringe, dürfe man sie anbieten. Die Debatte darüber wurde leider sehr unsachlich. Wir haben uns aber eine gute Portion Pragmatismus zugelegt und bitten Anbieter von Sachen, die sinnfreie Diskussionen auslösen, die Kommentarfunktion zu deaktivieren, um so etwas zu vermeiden.«

Ansonsten funktioniert die Gruppe simpel: Ein Mitglied stellt seinen Verkaufsgegenstand vor, bestenfalls mit Bild und Preis, und Interessierte können dann mit dem Anbieter in Kontakt treten. Die Abwicklung ist Sache der Nutzer, die Gruppe fungiert nur als Vermittler. Auch Gesuche oder Tauschangebote werden online gestellt. Ob man abschätzen kann, wie viel Umsatz dort im Monat gemacht wird? »Nein«, meint Administratorin Lindenfels. »Definitiv nicht.«


7000 Fans des alten Gießen

Fern von Umsatz und Schlachtkaninchen gibt es auch Gruppen, die sich mit der Lokalhistorie Mittelhessens beschäftigen. »Du kennst GIESSEN, wenn du früher…« ist die populärste in diesem Segment. Über 7000 Mitglieder tauschen hier Erinnerungen und Bilder vom alten Gießen aus. Und debattieren: »Eine der ersten Diskussionen in der Gruppe war, warum der Gruppenname falsch geschrieben wurde, aber ›GIESSEN‹ mit zwei Groß-S ist völlig in Ordnung. Der Hintergedanke war damals schon, dass ausgewanderte Ex-Gießener in ihrer heutigen Landessprache vielleicht kein ›Buckel-S‹ zur Verfügung haben«, erinnert sich Thorsten Ohlwein, der die Gruppe im Jahre 2009 ins Leben rief.

Mittlerweile ist er aus der Leitung der geschichtsinteressierten Gemeinschaft ausgeschieden, aber es sei für ihn immer ein schönes Gefühl gewesen, über die Gruppe Leute wieder vereinen zu können, die sich irgendwann aus den Augen verloren hatten: »Sei es wegen Krieg, Wegzug, oder weil sich deren Eltern 1952 in die Haare bekamen. Da gab es die tollsten Geschichten.«

Vereint über die Gruppe

Alte Fotografien von Gießen sind das häufigste Mittel des Austausches auf der Plattform. Der Marktplatz um die Jahrhundertwende, die zerstörte Stadt nach dem Bombenangriff im Dezember 1944. Geschäfte und Sehenswürdigkeiten im Laufe des letzten Jahrhunderts und darüber hinaus.

Warum das alles auf Facebook? »Es war relativ sicher, in kurzer Zeit viele Gießener, Ex-Gießener und Freunde von Gießen miteinander zu vernetzen. Für einen kurzen Moment war zwar die Idee da, eine eigene Website zu erstellen, aber es war klar, dass es in der Größe vermutlich nur auf Facebook funktionieren würde. Ähnliche Gruppen gab es dort bereits für viele andere Städte«, erklärt Ohlwein.

Kneipe mit 900 Mitgliedern

Jede Stadt hat auch ihre Lieblinge: So hat zum Beispiel das Domizil, zuletzt geschlossene Kneipe in der Braugasse, eine Art Fan-Gruppe in dem sozialen Netzwerk – fast 900 Mitglieder tummeln sich dort. Veranstaltungshinweise – vor allem aus der linken Szene – machen die Runde, auch unsere Berichterstattung über eine mögliche Wiedereröffnung der Kultkneipe noch in diesem Jahr.

Beliebt ist auch die Zusammenfindung via Facebook-Gruppe zu einem gemeinsamen Ziel. Bei der aktuellen Diskussion um die Zukunft der Alten Post in der Bahnhofsstraße hat sich so schon eine Gemeinschaft zur Rettung des alten Gebäudes zusammengefunden – mit mehr als 250 Mitgliedern nach nur einer Woche. Inzwischen sind es sogar über 1000, und das in kürzester Zeit.

Immerhin einmal ist Gießen auch außerhalb der Stadtgrenzen prominent im Titel einer Facebook-Gruppe vertreten: »Hobby: Beton gießen«.
 

Jeder Stadt hat ihre Lieblinge

Der Kühlschrankkauf unserer WG wurde übrigens doch nicht notwendig. So plötzlich und nicht ganz unerwartet unser alter Gefährte den Dienst versagte, so wundersam nahm er ihn nach einer Stunde wieder auf. Aber sollte ihm seine Rückkehr ins Leben beim nächsten Mal nicht gelingen – bei Facebook werden wir sicher fündig.

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