27. Juli 2010, 22:04 Uhr

Dr. Karl Dienst beleuchtet in seinem neuen Buch die Entwicklung der evangelischen Kirche

Gießen (kw). Im 17. Jahrhundert sollte ein Pfarrer nicht nur bei der Trauung, sondern auch bei der »weinkäuflichen Kopulation« eines Paares zugegen sein - das war eine Art Verlobungszeremonie. All das und noch viel mehr schildert Dr. Karl Dienst in dem Buch »Gießen - Oberhessen - Hessen. Beiträge zur evangelischen Kirchengeschichte«.
27. Juli 2010, 22:04 Uhr
Sein fast 600 Seiten dickes Buch stellte der 80-jährige Dr. Karl Dienst vor. (Foto: kw)

Gießen (kw). Im 17. Jahrhundert sollte ein Pfarrer nicht nur bei der Trauung, sondern auch bei der »weinkäuflichen Kopulation« eines Paares zugegen sein - das war eine Art Verlobungszeremonie. 1948 beklagte das Gießener Stadtbauamt, dass die Pankratiuskapelle 30 Zentimeter näher an der Georg-Schlosser-Straße stehe als vorgesehen. Und in einigen Schulen in der ländlichen Umgebung fand nur drei Monate im Jahr Unterricht statt. All das und noch viel mehr schildert Dr. Karl Dienst in dem Buch »Gießen - Oberhessen - Hessen. Beiträge zur evangelischen Kirchengeschichte«. Bei der Vorstellung am Dienstag in der Pankratiusgemeinde erzählte der 80-Jährige auch lebhaft von seiner Zeit als Pfarrer in Gießen.

Von 1959 bis 1970 war der in Weisel am Rhein geborene Theologe in Gießen - zunächst in der Markusgemeinde, die erst im Jahr 2003 mit der benachbarten Matthäus- zur Pankratiusgemeinde verschmolzen ist. Das Nebeneinander damals sei nicht immer einfach gewesen, schilderte Dienst dem runden Dutzend Gäste bei der Buchvorstellung: »Ich musste wissen, für welche Gemeinde ich gerade predige. Die einen standen schon bei der Epistel auf, die anderen erst beim Evangelium. « Schließlich war er auch an der Stephanus- und dann an der Petrusgemeinde tätig. Der Debatte um den modernen Kirchenbau im Wartweg ist ein eigenes Kapitel seines Buchs gewidmet. Der damals junge Pfarrer plante als Vorsitzender der Gießener evangelischen Gesamtgemeinde auch den Bau der Andreas- und der Wichernkirche mit. Der Theologe widmete sich neben der Männer- besonders auch der Jugendarbeit und war einige Jahre Vorsitzender des Stadtjugendrings.

Neben den eigentlichen Pfarrertätigkeiten hatte ihn aber immer auch die Wissenschaft besonders interessiert. In den Gießener Jahren hatte er sie als »Nachtbeschäftigung« betrieben, ab 1970 rückte sie mit in den Fokus. Dienst war bis 1994 Oberkirchenrat für schulische und außerschulische Bildung in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Ab 1973 war er 30 Jahre lang Honorarprofessor für Kirchenmusik an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. An den Universitäten Frankfurt und Darmstadt lehrte er - ebenso als Honorarprofessor - Theologie.

Für die Hessische kirchengeschichtliche Vereinigung gab er lange die Jahrbücher heraus und schrieb auch etliche Beiträge dafür. Sie sind nun eingegangen in den fast 600 Seiten dicken Sonderband, der im Verlag der Vereinigung erschienen ist und vom Oberhessischen Geschichtsverein (OGV), dem Stadtarchiv und dem evangelischen Dekanat Gießen mitfinanziert wurde. Er beleuchtet spezifische Inhalte Gießener Religionskultur seit Einführung der Reformation im 16. Jahrhundert über die Einflüsse der Theologischen Fakultät an der Universität bis zur Studentenverbindung »Wingolf«.

Der »fundierte Kenner« habe sein Wissen »spannend« zu Papier gebracht, sagte der stellvertretende Dekan Andreas Specht. »Gründlich und wissenschaftlich sehr seriös« habe der Bundesverdienstkreuzträger die lokale mit der überregionalen Geschichte geschickt verknüpft, erläuterte Prof. Johann Friedrich Battenberg, Leitender Archivdirektor des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt und Vorstand der Kirchengeschichtlichen Vereinigung. Holger Bogs, Direktor des EKHN-Referats für Archiv- und Bibliothekswesen, würdigte die geglückte »Mammutaktion«, in der der Autor auch persönliche Erinnerungen festgehalten habe.

Stadtarchivar Dr. Ludwig Brake sagte, eigentlich habe die Kirchengeschichte schon 1997 in der Festschrift zum 800-jährigen Bestehen Gießens ein Kapitel füllen sollen. Diese Lücke sei nun geschlossen mit einem Buch, das dicker ist als der ganze Stadtjubiläumsband. Prof. Erwin Knauß, ehemaliger Stadtarchivar und - als Lehrer an der Schillerschule - früher Kollege Diensts, war ebenfalls zur Buchvorstellung gekommen.

Dienst selbst hob in seinen Dankesworten Armine Steinhäuser, geborene Heymann, hervor. Das langjährige engagierte OGV-Mitglied habe ihn viele Jahre immer wieder »freundlich, aber bestimmt« an den fehlenden Kirchengeschichte-Beitrag erinnert.

Karl Dienst: Gießen - Oberhessen - Hessen. Beiträge zur evangelischen Kirchengeschichte. 2010, 594 Seiten (ISBN 978-3-931849-29-0), 26 Euro.

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