"Ausweg"

Diskothek »Ausweg«: Rote Lollis, schwarze Szene und Til Schweiger

Hier waren der junge Til Schweiger und Dramatiker Moriz Rinke zu Gast. Die Diskothek »Ausweg« war aber nicht nur Anlaufstelle für spätere Promis, sondern auch für ein ganz besonderes Publikum.
05. Januar 2018, 12:31 Uhr

Von Karola Schepp , 1 Kommentar

Disko

In den 70er und 80er boomten Diskotheken. Viele der legendären Tanztempel gibt es längst nicht mehr. In unserer Serie »Saturday Night Fever« öffnen wir noch einmal die Türen.

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An den Samstagen, wenn die Gothik-Fans kamen, hat Petra Hellmig am liebsten gearbeitet. »Da gab es immer was zu sehen«, erinnert sie sich an ihre Zeit in den Achtziger- und Neunzigerjahren hinter der Theke im »Ausweg«. Der 1982 als Tanzlokal eröffnete Flachdachbau am Ende der Frankfurter Straße war damals beliebte Anlaufstelle vor allem der Gothik-Szene, deren Mitglieder auch aus Frankfurt oder Kassel extra nach Gießen kamen. Die Jungs mit den schwarzen Klamotten und die Mädchen mit ihren dick mit Kajal umrandeten Mandelaugen waren aber nicht nur optisch ganz besondere Gäste. »Wenn die Gruftis da waren, gab es am meisten Trinkgeld«, erinnert sich die heute 58-Jährige und erzählt, dass ihr sogar einmal einer 20 Mark Trinkgeld gegeben habe.

 
Fotostrecke: Ausweg Gießen

Überhaupt hat Hellmig nur gute Erinnerungen an ihre Zeit im »Ausweg«, erzählt vom guten Zusammenhalt der Mitarbeiter wie »Bine« Beck, die auch privat gerne etwas gemeinsam unternommen haben. »Wir waren eine richtige ›Ausweg‹-Familie. Ich habe mich regelrecht auf die Arbeit gefreut«, erzählt sie und das, obwohl sie neben ihrem kaufmännischen Hauptberuf im nächtlichen Diskotheken-Einsatz war. Viel Schlaf gab es an solchen Tagen nicht. Der Schichtdienst begann abends eine halbe Stunde vor Öffnung mit dem Spülen der Bierleitungen und dem Schneiden der Zitronen. Und wenn die letzten Gäste gegangen waren, musste noch aufgeräumt und sauber gemacht werden – auch als es nach längerem Kampf mit den Ordnungsbehörden gelungen war, die Konzession auf drei Uhr zu verlängern.



Über einen Freund hatte die damalige Mittdreißigerin Kontakt zum ersten »Ausweg«-Betreiber Lothar Görbing, wohnte zeitweise mit ihm zusammen in einem Haus in Kleinlinden. Görbing setzte sie zunächst zum Kassieren des Eintritts an der Tür ein, später als Kraft hinter der Theke.

 

Wir hatten eine super Zeit in Gießen, wir sind ins En Vogue gegangen und ins Ausweg. Der Horst, der Hubi, der Maxi, der Altan und ich

Til Schweiger in einem Interview des "Zeit"-Magazins

An der Tür kümmerten sich Bodybuilder »Texas«, Karsten und Uwe um den Einlass, in späteren Jahren auch Türsteher Kai, »der zum Inventar gehörte und unter dessen rauer Schale ein Supertyp war«. So beschreibt ihn der heute in Berlin lebende Jens Carl Hannig in seinem Blog »Bahngezwitscher«. Er war von 1997 bis 2001 Stammgast und schildert: »Legendär war sein eher unfreundliches ›Fünf Mack‹, das auch einem Berliner Busfahrer zur Ehre gereichen würde. Glatze, Dreitagebart, Stiernacken: Das war Kai.« Aber klar war: Wer Eintritt bezahlt hatte, dürfte sich aus einem Glas einen roten Lolli nehmen.

Musik nicht immer tanzbar

Die DJs Rolf, Hip-Hop-Experte Stefan und Gothik-Fan Andi legten abwechselnd im »Ausweg« auf, und später standen viele Abende unter einem bestimmten Motto. »Die Musik war nicht immer wirklich tanzbar«, scherzt Hellmig, doch in den »Ausweg« kamen eben auch viele einfach nur, um sich mit Freunden zu treffen. »Im Publikum waren auch viele Studis; Normalos eben«, erinnert sie sich.

Und einer der Gäste hat ihr Herz im Sturm erobert. Noch genau erinnert sie sich an jene Nacht 1996, als Hans-Jörg, von seinen Freunden scherzhaft »Sexy« genannt, zu später Stunde hereinkam. »Ich habe nur gedacht: Das ist er«, erzählt sie. Die beiden unterhielten sich, sahen sich am nächsten Tag per Zufall in der »Zwibbel« wieder, ließen ihre junge Liebe auch nicht vom längst geplanten Mädelsurlaub in Spanien stören – und schon war Petras Lebensplan »total auf den Kopf gestellt. Und dabei wollte ich doch eigentlich allein bleiben«.

Fürs Leben gelernt

Schnell zog das Paar zusammen, heiratete acht Wochen nach dem ersten Kennenlernen – und ist heute seit mittlerweile 21 Jahren noch immer sehr glücklich verheiratet.

Auch nach ihrer Heirat arbeitete Hellmig noch einige Zeit weiter im »Ausweg«, reichte aber später ihre Stelle an ihren Bruder weiter. Nach »Ausweg«-Gründer Görbing folgte Bernd Ferber als Geschäftsführer. 1997 übernahmen Susanne Burzel und Mark Weber. Die beiden waren Stammgäste, wollten, dass der »Ausweg« im ursprünglichen Zustand weiterlaufen sollte und stürzten sich in das Abenteuer Geschäftsführung. Doch weil der Laden zuvor ein halbes Jahr geschlossen war, die Discobesucher immer mehr den einzelnen DJs hinterherzogen und ausgerechnet in dieser Zeit die Umkonzessionierung von Tanzlokal auf Diskothek und hohe Auflagen Probleme machten, war das nicht ganz einfach.

»Wir haben in diesen Jahren fürs Leben gelernt«, resümieren die beiden. Aber sie erinnern sich trotzdem noch gerne an die Zeiten zurück, als die »schwarze Szene« am Wochenende den Laden fast sprengte, als Gothik-Fan Horst mit einem Leichenwagen vorfuhr oder Jan Delay und die »Absolute Beginners« ihr »Liebeslied« bei einem Überraschungs-Gig im »Ausweg« spielten.

Früher Disko, heute Reifenlager

»Der Ausweg war schon immer ein Nischenprodukt. Lieben oder hassen – was anderes gab es da nicht«, erinnert sich Mark an seine »Ausweg«-Jahre, als am Morgen die klebrigen Überreste der Nacht beseitigt werden mussten oder nach schweißtreibenden Partys das Wasser von den Wänden herunterlief. Und er erzählt von den Disconächten, als in Zusammenarbeit mit dem Plattenladen »Downtown Records« eine Hip-Hop-Modenschau stattfand oder dank Nici Seipp und seinem Internetradio namhafte DJs auflegten und das sogar live aus dem »Ausweg« gestreamt wurde. Und nicht zu vergessen die »Depeche-Mode-Parties« und Abifeiern. Techno, Dark Wave, Electronic Body Music, Gothik – jeden Abend gab es ein anderes Programm.

Seit 2002 ist der »Ausweg« geschlossen. In dem ehemaligen Discogebäude befindet sich seit 2004 ein Reifenlager mit angeschlossener Autowerkstatt. Und auch Norbert und Klaus gibt es nicht mehr, die beiden schwarzen Ska-Tanz-Männchen auf der rot-weißen Fassade, deren Verschwinden sogar eigens mit einer Todesanzeige in der Zeitung betrauert wurde. »Ich träume heute noch nachts oft, dass wir den Ausweg wieder aufmachen«, erzählt Susanne.

Und dann hört sie wieder Beats, sieht die rauchgeschwängerte Tanzfläche und wie Mathes, »der beste Gläsersammler der Welt«, die Gläser meterhoch stapelt.

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