28. Januar 2019, 10:08 Uhr

Buchhandlung

Die etwas andere Buchhandlung im Gießener Südviertel

Die Stadtteilbuchhandlung »Up to Date« im Südviertel ist eine der letzten Perlen im Gießener Einzelhandel. Die Betreiber Ralf Sommerkorn und Gunter Schlegel lieben ihre Ware und ihre Kunden.
28. Januar 2019, 10:08 Uhr

Von Marc Schäfer , 1 Kommentar
Buchhändler aus Leidenschaft: Ralf Sommerkorn und Gunter Schlegel führen im Südviertel einen Laden zum Wohlfühlen. (Foto: mac)

Schon die Begrüßung ist herzlich. »Hallo Gerhard, schön, dich wieder zu sehen«, ruft Gunter Schlegel einem Stammkunden zu. Wenig später plauschen die beiden über Bücher, die jüngst in der »Süddeutschen« vorgestellt wurden, dann sucht sich Gerhard einen Stuhl in einem freien Eckchen und blättert in einem Buch. Gunter serviert Kaffee.

»Das Schönste an Up to Date ist, dass es das noch gibt: eine Buchhandlung, wo man mit den Buchhändlern und anderen Kunden einen Schwatz über neue und alte, gelesene und noch nicht gelesene Bücher halten kann. Wo man unglaublich freundlich und kompetent beraten wird – und noch dazu einen Kaffee bekommt.« Das wird Gerhard später sagen. Es ist Gerhard Merz. Der ehemalige Landtagsabgeordnete ist einer der regelmäßigen Kunden der kleinen Stadtteilbücherei an der Ecke Liebigstraße/Wilsonstraße.

 

Eine selterne Perle

Das Lädchen ist eine Perle, wie man sie im Gießener Einzelhandel nur noch selten findet, und es steckt voller Überraschungen – nicht nur in den Bücherregalen. Ein Aperitivo von Contratto, Wein, Marmelade, Seife, ein bisschen Kunst und sogar Babyschuhe finden sich beim Stöbern zwischen den vielen Büchern. Die stehen meist nicht auf Sicht, sondern mit dem schmalen Rücken zum Kunden in den Regalen. »Wir möchten die Leute so einladen, sich mit dem Sortiment auseinanderzusetzen, ranzugehen, genauer hinzugucken, in die Hand zu nehmen«, sagt Schlegel, der den Laden gemeinsam mit Ralf Sommerkorn führt. Es ist nicht der einzige bemerkenswerte Satz, der im Gespräch über Bücher, Einzelhandel und das Erfolgsgeheimnis des kleinen Lädchens fällt.

Schlegel und Sommerkorn haben sich vor 30 Jahren bei ihrer Ausbildung in der Ferber’schen Buchhandlung im Seltersweg kennengelernt. Vor 28 Jahren fassten sie den Entschluss, sich mit einer Fachbuchhandlung für EDV und Informatik selbstständig zu machen. 1991 war das noch ein angesagtes Thema. Der erste Laden in der Bahnhofstraße wurde schnell zu klein, es folgte der Umzug in die Schulstraße und nach 15 weiteren Jahren 2010 der Wechsel aus der Innenstadt ins Südviertel. Hier begann die Evolution von der Fach- zur Stadtteilbuchhandlung.

 

Sortiment verändert

Zunächst lag der Schwerpunkt auf dem Fachbuch-Versand, doch bald kamen mehr Kunden aus der Nachbarschaft. »Die haben signalisiert, dass sie mit unserem Sortiment nichts anfangen können. Ihre Hinweise haben wir ernstgenommen und uns verändert. Wegen der vielen Kinder und jungen Familien zunächst im Bereich Kinder- und Jugendbuch.« Die Entwicklung sei ein Abtasten gewesen und habe mehrere Jahre gedauert. »Wenn man seine Kunden aufmerksam beobachtet, bekommt man ein Gefühl dafür, was sie verlangen. Seit zwei Jahren weiß ich, dass wir auf dem richtigen Weg sind«, sagt Schlegel. Von früher ist bloß der Name geblieben. Vielleicht der einzige Makel in dem so wunderbar stimmigen und wohltuenden Konzept?

Wenn man seine Kunden aufmerksam beobachtet, bekommt man ein Gefühl dafür, was sie verlangen

Günter Schlegel

Bei Schlegel und Sommerkorn finden die Kunden heute ein abgerundetes und überraschendes Boulevardsortiment, aktuelle, aber auch klassische Literatur, Werke, die in vielen anderen Buchhandlungen durch das Raster fallen. »Wir möchten nicht nur Novitäten anbieten. Ich bin der Meinung, 80 Prozent der besten Bücher sind bereits geschrieben«, sagt Schlegel. Die Spiegel-Bestsellerliste hat für ihn keine Relevanz. »Wir haben diese Bücher da, aber nicht in der Präsentation. Es gibt sie ja fast an jeder Tankstelle.«

Die Stadtteilbuchhandlung ist der Gegenentwurf der Austauschbarkeit, die in vielen Innenstädten zu sehen ist. Das liegt auch daran, dass Schlegel und Sommerkorn ihre Ware und ihre Kunden lieben. »Die Chance des stationären Handels ist, Ware zu zeigen, mit der Präsentation zu spielen, mit Kunden ins Gespräch zu kommen«, sagt Schlegel. Er spüre ein Verlangen der Menschen nach einer »Renaissance des Analogen und nach Entschleunigung«. Der Einzelhandel habe Erfolg, wenn er diese Sehnsucht aufgreife und im Laden umsetze. Das gelte sowohl im Auftreten dem Kunden gegenüber als auch durch die Warenpräsentation. Ab und an legt Schlegel auf einem Plattenspieler eine Vinylscheibe auf.

 

Laden als sozialer Treffpunkt

Als Händler dürfe man seine Kunden nicht als störend empfinden und müsse seinen Laden zu einem sozialen Treffpunkt machen, nicht nur zu einem Austauschort von Geld und Ware. »Wenn ich heute von einer Geschäftsaufgabe lese, lese ich immer, dass das Internet schuld daran ist. Gibt es keine Eigenverantwortung? Ich glaube, wer nach 20 Jahren noch immer auf das Netz schimpft, sollte sich einen anderen Beruf suchen«, sagt Schlegel. Und: »Wir werden die Digitalisierung nicht aufhalten, das ist auch gut so, denn sie bringt Vorteile, aber der Mensch ist ein analoges Wesen und passt nicht vollkommen in diese Schublade. Analoge Wesen nehmen über alle Sinnesorgane auf, dem versuchen wir gerecht zu werden«.

Offenbar mit Erfolg. »Der Laden hat sich zum Treffpunkt fürs Viertel entwickelt. Wir kaufen nicht nur Bücher, sondern tauschen uns aus, trinken Kaffee und stöbern nach Postkarten, Weinen, Säften oder Süßkram«, sagt eine Stammkundin aus der Nachbarschaft von Up to Date. Vielleicht ist der Name gar kein Makel. Vielleicht waren Schlegel und Sommerkorn noch nie so nah am Puls der Zeit wie in diesen Tagen, in denen sich immer mehr nach Entschleunigung sehnen.

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