03. Mai 2009, 21:50 Uhr

Die Suche nach dem Sinn des Seins

Kann sein, dass alles nur ein Fake ist. Eine Täuschung, Fälschung. Das Leben eine Seifenblase, überdimensioniert und inhaltsleer. Kann sein, kann aber auch nicht sein. Im existenzialistisch angehauchten Bühnenstück »Norway.Today« von Igor Bauersima, das am Samstag im TiL Premiere feierte, lastet die Freiheit des Daseins schwer auf den Schultern der Protagonisten: Das Sein oder das Nichts - Julie und August haben die Wahl.
03. Mai 2009, 21:50 Uhr
Mittagessen am Rande des Abgrunds: August (Rainer Hustedt) nervt die schöne Julie (Christin Heim) mit Sinnfragen. (Foto: Rolf K. Wegst)

Kann sein, dass alles nur ein Fake ist. Eine Täuschung, Fälschung. Das Leben eine Seifenblase, überdimensioniert und inhaltsleer. Kann sein, kann aber auch nicht sein. Im existenzialistisch angehauchten Bühnenstück »Norway.Today« von Igor Bauersima, das am Samstag im TiL Premiere feierte, lastet die Freiheit des Daseins schwer auf den Schultern der Protagonisten: Das Sein oder das Nichts - Julie und August haben die Wahl.

Dabei steht der Entschluss Julies eigentlich fest: Sie hat genug vom Leben, will weg, richtig weg. Im Chatroom sucht sie nach einem Gleichgesinnten, der gemeinsam mit ihr Selbstmord begeht. August, der »den kurzen Moment von Leben nicht verpassen will«, hofft, das Leben angesichts des Todes zu finden, und schließt sich Julie an. Doch als die beiden sich auf der 600 Meter hohen Klippe in Norwegen allmählich kennenlernen, ist alles anders als es scheint: August hat vielleicht keine Angst vor dem Tod, aber vor dem Sterben. Und die coole Julie, die »nicht unter die Menschen passt, auch nicht unter Lebensmüde«, fordert von August Liebesbekenntnisse.

Die junge Schauspielerin Christin Heim bringt Julies Ambivalenz blendend zum Ausdruck: Die kratzbürstige, nihilistische und manchmal dominante Seite gelingt Heim ebenso überzeugend darzustellen wie Julies Sehnsucht nach Nähe und Romantik. Rainer Hustedt bildet ein fabelhaftes Pendant: Den sensiblen, unsicheren August verkörpert er authentisch, ohne große Gesten. Überhaupt glänzt die Aufführung durch Ruhe und Intelligenz: Die knappen, manchmal komischen Dialoge werden von Regisseurin Meike Niemeyer wirkungsvoll und ohne Rührseligkeiten in Szene gesetzt.

Der Verzicht auf Pathos spiegelt sich in der Bühnenausstattung von Thomas Döll wider: Graue Quader bilden das felsige Gerüst, auf dem sich Julie und August zwischen Leben und Freitod entlanghangeln. Eine weitere Ebene eröffnen Andreas Mihans Videoinstallationen: Der Zuschauer erlebt nicht nur die Innenperspektive Julies und Augusts, sondern auch die mediale Verzerrung der Realität, abgebildet auf dem Leinwandsegel, das den kompletten Bühnenhintergrund überspannt: »Man muss das Polarlicht echt erlebt haben«, meinen die Protagonisten. Enttäuscht von den eigenen Videoaufnahmen, treten sie einen Schritt vom Abgrund zurück. Und als Julie und August den Anlauf unternehmen, ihren Eltern per Videobotschaft zu erklären, wieso das Leben sinnlos ist, fehlen ihnen die letzten Worte. Kurz vor dem Finale sind sie sich nicht mehr sicher: Ist das Leben wirklich ein Fake? Oder nicht vielmehr das Nichts?

Der Inszenierung gelingt eine erstklassige Interpretation des Dramas von Igor Bauersima, das in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und weltweit an über 100 Theatern gespielt wurde. Der Schweizer Autor entwickelte »Norway. Today« nach einer wahren Begebenheit: Der 25-jährige Daniel aus Norwegen sprang mit der österreichischen Schülerin Eva gemeinsam von einem 600 Meter hohen Felsen am Lysefjord, einer der beliebtesten Touristenattraktionen Norwegens.

Bauersima verzichtet in seinem Drama jedoch auf die Darstellung des finalen Sprungs: »Ich will hier weg«, meint Julie, in den Abgrund blickend, und August antwortet: »Ich auch.« Kann sein, dass die beiden sich das Leben nehmen. Kann aber auch nicht sein. Was sein wird, bleibt der Wahl des Betrachters überlassen.

Christina Rühl

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