14. März 2017, 20:07 Uhr

Die Kanalisation revolutionieren

Zwei junge Gießener wollen das Kanalnetz der Zukunft entwickeln. Für ihre Idee haben die Existenzgründer Ivana Hrisova und Pierre Büttner bereits mehrere Preise eingeheimst. Noch aber stehen sie in den Startlöchern. Es hängt derzeit an 100 000 Euro.
14. März 2017, 20:07 Uhr
Ivana Hrisova und Pierre Büttner mit einem Modell ihrer Geschäftsidee. Bei geringem Durchfluss rinnt das Wasser im Kanalrohr durch die schmale mittige Sohle des V. Strömt mehr Wasser durch das Rohr, dehnt sich das V aus. (Foto: Schepp)

Unter tosendem Applaus traten die beiden Gießener auf die Bühne, lauschten lobenden Worten des Wissenschaftsministers Boris Rhein – und nahmen den ersten Preis des hessischen Ideenwettbewerbs sowie 3000 Euro entgegen. Anfang November wurden die Existenzgründer Ivana Hrisova und Pierre Büttner für ihre Geschäftsidee ausgezeichnet. Das Abwassersystem, das sie unter dem Namen »Variokan« entwickeln, wurde während der Auszeichnung als »revolutionär« hervorgehoben.

Vier Monate später: In einem Café in der Plockstraße erzählen Hrisova und Büttner von ihrer Unternehmensgründung. »Wir sind noch in einer frühen Phase«, betont Hrisova. Momentan stellen sie ihr Produkt potenziellen Kunden vor, besuchen kommunale Wasserbetriebe. Von ihrer Idee sind die 25 und 28 Jahre jungen Gießener weiterhin voll überzeugt. »Wir merken aber auch, dass wir unser Produkt visualiseren müssen«, sagt THM-Absolvent und Planungsingenieur Büttner. »Wir brauchen eine Modellanlage, um unsere Idee in der Praxis vorführen zu können.« Die wäre ziemlich kostspielig. »Daran hängt es zurzeit«, sagt Hrisova. »Die Modellanlage würde 100 000 Euro kosten.«

Ihre mehrfach ausgezeichnete Idee besticht auch durch ihre Einfachheit. Die Gießener haben eine Vorrichtung aus Gummi entwickelt, die in Kanalrohre eingesetzt werden kann. Dieser Gummi-Einsatz bedeckt die Innenwand des Rohrs komplett und dient damit auch zur Abdichtung des Kanals. »20 Prozent der Abwasserleitungen sind sanierungsbedürftig«, betont Hrisova.

Außerdem passt sich der Gummi-Einsatz in Form eines V flexibel der jeweiligen Abwassermenge an. Bei geringem Fluss rinnt das Wasser durch die schmale untere Sohle des V. Strömt mehr Wasser durch das Rohr, dehnt sich der Gummi-Einsatz aus. »Ein großer Vorteil ist«, erklärt Büttner, »dass Ablagerungen minimiert werden. Die Durchspülung der Rohre ist dadurch wesentlich günstiger.« Ein flexibles Abwassersystem gewinne zum Beispiel auch in Regionen an Bedeutung, wo sich extreme Wetterbedingungen wie Dürre und stürmischer Regen abwechseln. Die Gummi-Vorrichtung könne man unkompliziert in das Rohr einsetzen.

Büttner entwickelte die Idee im Jahr 2014 als Student an der THM. »Ein Ideenwettbewerb hat mich damals auf das Projekt gebracht.« Nach seinem Abschluss arbeitete er ein Jahr lang für ein Ingenieurbüro in der Abwasserkanal-Branche in Grünberg – und tüftelte in der Freizeit weiter an seinem Projekt.

Im September entschied er sich schließlich, alle Kraft auf »Variokan« zu konzentrieren, gemeinsam mit seiner Lebens- und Geschäftspartnerin Hrisova, die an der Justus-Liebig-Universität momentan ihren Master-Abschluss in Betriebswirtschaft ablegt. »Er ist der Techniker und Erfinder. Und ich regele den kaufmännischen Teil«, erklärt die 25-Jährige die Aufgabenteilung.

20 000 Euro haben die beiden bereits aus privaten Mitteln in ihre Unternehmensgründung gesteckt. »Unsere Familien unterstützen uns sehr«, erzählen sie. Eine Patentierung ihrer Geschäftsidee verschlingt 15 000 Euro. Gleichzeitig stoßen sie in den Gesprächen mit kommunalen Abwasserbetrieben bisweilen auf technische Schwierigkeiten. »Hausanschlüsse am Kanalsystem sind manchmal im unteren seitlichen Bereich des Rohrs. Dort ist in unserem Konzept aber Platz für Luft vorgesehen«, berichtet Büttner.

Vor allem suchen die Gießener Jungunternehmer unterdessen nach Fördergeldern für ihre geplante Testanlage. »Wenn Sie Apps entwickeln, gibt es da kein Problem. Im Bereich der Digitalisierung fließen ständig Fördersummen. Aber in der konservativen Branche des Abwasserkanals werden Start-ups nicht gerade im großen Stil gefördert.«

Ein Scheitern wäre »kein Weltuntergang«, sagt die 25-Jährige. Hrisova und Büttner brennen aber für ihr Unternehmen. »Es ist schon etwas anderes als Studieren, wenn es um die eigene Existenz geht«, sagt die 25-Jährige. »Wir arbeiten bis tief in die Nacht. Und wir haben einen langen Atem.«

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