14. September 2008, 21:44 Uhr

Details und Geschichten hinter Mauern erkundet

Gießen (srs). Die Gebäude sind vertraut. Zum Teil seit Jahrhunderten prägen sie das Stadtbild. Und dennoch bergen sie bisher wenig bekannte Details und Geschichten. Vier Gießener Institutionen standen im Rampenlicht gestern am »Tag des offenen Denkmals«. Hunderte Menschen erkundeten die Architektur und Vergangenheit der Gebäude und betraten ansonsten der Öffentlichkeit verschlossene Räumlichkeiten.
14. September 2008, 21:44 Uhr

Gießen (srs). Die Gebäude sind vertraut. Zum Teil seit Jahrhunderten prägen sie das Stadtbild. Und dennoch bergen sie bisher wenig bekannte Details und Geschichten. Vier Gießener Institutionen standen im Rampenlicht gestern am »Tag des offenen Denkmals«. Hunderte Menschen erkundeten die Architektur und Vergangenheit der Gebäude und betraten ansonsten der Öffentlichkeit verschlossene Räumlichkeiten. So besichtigten sie das Haus der Studentenverbindung »Darmstadtia« in der Klinikstraße. Sie nutzten die seltene Gelegenheit, den Turm der Johanneskirche zu besteigen. Die Michaelskirche in Wieseck lud zu Führungen und einem Gottesdienst. Und in der Basilika auf dem Schiffenberg präsentierte der FH-Absolvent Oliver Körber ein modern erscheinendes dreidimensionales Modell für die Neugestaltung des fehlenden südlichen Seitenschiffs.

An eine Burg erinnert das Bauwerk der »Landsmannschaft Darmstadtia«. Der Speiseraum, die große »Kneipe«, ähnelt einem Rittersaal. Eine Empore, ein so genannter »Drachenfels«, bietet weiblichen Gästen Platz. Lars Sponer führte gestern die Gäste durch alle Stockwerke des vom Landhaus- und Jugendstil beeinflussten Gebäudes. Dunkelbraun lasiertes Eichenholz prägt das Innere. Die neun Wohnräume sind schlicht gehalten. Selbst im begehrten Turmzimmer stehen lediglich ein Bett, ein Schrankregal und ein Schreibtisch. 110 Euro Miete zahlen die Studenten, die mindestens zweimal zu einem rituellen Fechtkampf antreten müssen. Im Keller befindet sich die Fechtscheuer der schlagenden Verbindung.

Zum Sommersemester 1907 wurde das Haus fertiggestellt und erstmals bezogen - damals zum 25-jährigen Jubiläum der unpolitischen Studentenverbindung. »Darmstadtia« hatte zuvor in der alten Pulvermühle ihr Domizil gehabt. 2006/07 wurde das Gebäude anlässlich seines hundertjährigen Jubiläums für 750 000 Euro grundlegend renoviert. Die Bombennacht am 6. Dezember 1944, erzählt Sponer, überstand das in der Nähe des Bahnhofs liegende Haus ohne Schäden. »Eine Brandbombe ist damals durch das Dach gefallen. Doch ein Bewohner hat die Bombe geistesgegenwärtig wieder hinausgeworfen.«

In der Johanneskirche nutzten zahlreiche Besucher die Möglichkeit, den Turm zu besteigen. An den fünf Glocken vorbei gelangten sie auf einer hölzernen Wendeltreppe nach oben und genossen den weiten Blick über die Stadt. Unterdessen schärfte das Ehepaar Annkathrin und Wolfgang Grieb den Blick für die Details in den Glasfenstern der Kirche, die nach den Texten der Johannesoffenbarung entworfen und vom Marburger Glasmaler Ehrhard Klink ausgeführt worden waren. Das Ehepaar las die entsprechenden Bibelstellen vor und erläuterte die Symbolik der Abbildungen. Während die Gäste den Worten lauschten, fanden sie die in den Köpfen entstehenden Bilder in den Fenstern wieder.

Auf dem Schiffenberg präsentierte Oliver Körber eine dreidimensionale Computersimulation der Basilika, die er mithilfe von Laserscannern für seine Diplomarbeit im Fachbereich Bauinformatik angefertigt hatte. Seine Präsentation enthielt zudem einen Vorschlag für die Neugestaltung des fehlenden südlichen Seitenschiffs. Die Idee könnte die Kondensation von Feuchtigkeit im Innenbereich der Basilika aufgrund der Witterung auf dem Schiffenberg beheben. Körber schlägt eine Fassade aus Gambion vor. Eine Spindeltreppe führt zu einem begehbaren Flachdach. In dem Modell trennt eine Glasfuge die alte Basilika vom modernen Anbau. Fenster dienen gleichzeitig als Ausstellungsvitrinen für historische Fundstücke. »Mein Modell ist für die Denkmalschutzbehörde wohl etwas arg modern«, berichtete er von ersten Reaktionen seitens der Stadt.

Stadtführerin Dagmar Klein wies in einer Führung auf die Zeichen der verschiedenen Bauphasen der Basilika im 12. Jahrhundert hin. Darüber hinaus verdeutlichte sie, dass Denkmalpflege mit falschen Mitteln auch Schaden anrichten kann. So habe es 1886 erstmals Restaurierungen an der Basilika gegeben. Dabei sei aber vieles verändert, unter anderem Putz abgetragen worden. »Es ist dennoch überraschend, wie viel vom Original noch erhalten ist«, stellte sie fest.

Am »Tag des offenen Denkmals« beteiligte sich außerdem die Wiesecker Michaelskirche, deren ältester Teil, der Turm, im 13. Jahrhundert errichtet wurde. Pfarrerin Carolin Kalbhenn lud am Morgen zu einem Gottesdienst und anschließend zu Führungen ein. »In der Kirche finden Meilensteine des Lebens statt«, sagte sie. »Durch Taufen, Konfirmationen und Trauungen gewinnen die Bürger eine enge Beziehung auch zum Gebäude der Kirche, was sie zu einem besonderen Denkmal macht.«

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