14. April 2017, 06:00 Uhr

Gewerbe

Der Zwergenkönig

Gartenzwerge gelten als Inbegriff der Spießigkeit. Nicht so für Karl Möller. Der Gießener Designer restauriert und verkauft die Gnome, einige stellt er selber her.
14. April 2017, 06:00 Uhr

Erst verlor er seine Beine, dann wurde er in einem See ertränkt. 80 Jahre lang fristete er ein trauriges Dasein unter Wasser. Dann wurde der See trockengelegt, der Torso kam zum Vorschein. Die Finder wussten nicht so recht, was sie mit ihm anfangen sollten, also gaben sie ihn in die Hände von Karl Möller. Ein Glücksfall: Der Gießener schenkte dem armen Kerl nicht nur neue Beine, sondern auch viele neue Freunde. Denn auf seinem Anwesen unterhalb des alten Friedhofs hat der Gießener einen Zufluchtsort geschaffen. Ein Refugium für Gartenzwerge.
 

 
Fotostrecke: Zu Besuch beim Zwergenkönig


»Ich sammele die Dinger schon seit über 30 Jahren«, sagt Möller, der in seinem Atelier Platz genommen hat. Die Regale sind vollgestopft mit den unterschiedlichsten Figuren. Viele groß, einige klein, manche jünger, die meisten älter. Und wer die Zwerge genauer betrachtet erkennt, dass sie mit den pausbackigen Kerlen aus den Schrebergärten wenig gemein haben. Möllers Zwerge haben tiefe Furchen auf der Stirn, ihre Augen sind listig, sie wirken weniger freundlich, sondern vielmehr verschlagen. Und vor allem sind sie um Längen realistischer als der Ottonormalzwerg. »Das ist Töpferkunst auf höchstem Niveau«, sagt Möller. Man merkt: Dem Gießener ist wichtig, dass seine Zwerge die angemessene Wertschätzung erhalten.


Gartenzwerg ursprünglich kein Kitsch-Produkt

Heute gelten Gartenzwerge als Inbegriff der Spießigkeit, als naiv lächelnde Wächter der deutschen Vorgärten. Doch früher war das anders, sagt Möller. »Die meisten meiner Gnome – so wurden die Gartenzwerge bis in die 1930er genannt – sind um 1880 entstanden. Sie stammen aus angesehenen Manufakturen wie Johann Maresch, Bernhard Bloch oder Heissner und waren Gartenschmuck für die höhere Gesellschaft.« Erst wesentlich später habe die Massenfertigung den Zwerg zum Kitsch-Produkt gemacht.

Die Verbundenheit der Familie Möller mit den Zwergen besteht aber schon wesentlich länger. Bereits sein Urgroßvater, Inhaber einer Hamburger Kunst-Druckerei, habe 1880 zur Eröffnung der Holsten-Brauerei ein Poster entworfen, auf dem Zwerge zu sehen waren. Auch sein Großonkel habe sich als Kinderbuchillustrator den Zwergen gewidmet. Doch in der Ahnengalerie der Möllers findet sich wohl niemand, der den Zwergen so verfallen war wie er. Der Gießener sammelt sie nicht nur, er restauriert und reproduziert sie auch. Und manchmal fertigt er ganz neue. Wie das funktioniert? »Das zeige ich Ihnen in der Werkstatt.«


Bildhauerei-Studium hilft

Auf dem Weg dorthin passiert Möller unzählige Zwerge, die es sich im Garten und auf dem Hof gemütlich gemacht haben. Sie scheinen jeden Besucher genau zu inspizieren. Die Zwerge verleihen dem Grundstück etwas Mystisches – und in der Dunkelheit bestimmt auch etwas Unheimliches. In der Werkstatt legt sich das Gefühl. Vermutlich, weil es hier sehr praktisch zugeht. »Das sind Mutterformen«, sagt Möller und zeigt auf einen Haufen Gipsgebilde. Möller schnappt sich einen Klumpen Ton und drückt ihn behutsam in die Form. Dann zieht er sie wieder heraus und präsentiert ein schrumpeliges Gesicht. »Für einen Zwerg braucht man mehrere Formen. In diesem hier wird der Körper gemacht, in einem anderen zum Beispiel Kopf oder Hand.« Anschließend werden die Teile mit flüssigem Ton zusammengeklebt, mit Spachtel und Skalpell bearbeitet, im Ofen gebrannt und schlussendlich bemalt, erklärt Möller. Dass seine Figuren so realistisch aussehen dürfte daran liegen, dass er am altehrwürdigen Frankfurter Städel Malerei und Bildhauerei studiert hat.


Beliebt bei Sammlern

Und das kommt an. In der Sammlerszene gilt der Gießener als Koryphäe, selbst Zwergenliebhaber aus Amerika waren schon bei ihm zu Gast. Wer einen echten Möller im Garten haben will, muss dementsprechend zahlen. Zwischen 300 und 2000 Euro kosten seine Zwerge. »Die meisten verkaufe ich über meine Webseite www. homegnome.de direkt in die USA. Das ist ein gutes Geschäft.« Der 65-Jährige scheint selbst ein wenig überrascht zu sein über den Erfolg, schließlich ging es ihm in erster Linie darum, nach dem Eintritt in die Rente – Möller betrieb zuvor eine Werbeagentur – etwas Sinnvolles zu tun. »Ich wollte mich nicht langweilen. Umso besser, dass ich jetzt meine Rente aufbessern kann.«

Doch nicht nur handwerklich ist er den Zwergen verbunden, auch sein Geist widmet sich den Geschöpfen. Möller räuspert sich, bevor er zu einem kleinen Monolog ansetzt: »Schon auf Seite sieben der Göttersaga ›Edda‹ werden etliche Zwerge aufgeführt. In der nordischen Mythologie gibt es Zwerge schon lange vor den Menschen.« Möller referiert, wie der Riese die Milch der Urkuh Audhumbla soff, immer größer wurde und schließlich von den Göttern erschlagen wurde. »Aus den Teilen wurde dann die Welt erschaffen. Und aus den Maden entstanden die Zwerge. Sie haben keine Moral, sind frei, die Götter haben ihnen nichts zu sagen.« Vielleicht ist das der Grund, warum Möller diesen kleinen Gesellen so viel Zuneigung entgegenbringt. »Manchmal setze ich mich zu ihnen in den Garten und frage sie, was die Zukunft bringt«, sagt Möller. Dann lächelt er verstohlenen: »Sie antworten immer: Das dürfen wir dir nicht verraten.«

Bevor sich Möller verabschiedet, gewährt er noch einen Blick in seine zweite Werkstatt. Auf dem Tisch sitzt der alte Zwerg, der vor 80 Jahren in den See geworfen wurde. Eine Muschel liegt neben dem Korpus. »Der arme Kerl. Erst haben sie ihm die Beine weggeschossen, dann haben sie ihn versenkt.« Doch dank Möller hat er ein zweites Leben geschenkt bekommen. Und ein drittes, viertes, fünftes. Der Gießener ließ von der Figur eine Gipsform erstellen und reproduzierte sie mehrfach. Auch in die USA verkaufte er den Zwerg. Somit hat es der kleine Gnom aus dem deutschen See sogar über den großen Teich geschafft.

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