05. August 2018, 19:22 Uhr

»Der Genozid dauert an«

05. August 2018, 19:22 Uhr
Bei der Gedenkveranstaltung fließen am Freitag auch Tränen. (Foto: Schepp)

Vier Jahre nach dem Völkermord an den Jesiden im Irak sind die Schicksale vieler Opfer ungeklärt. »Der Genozid dauert an«, erklärte Irfan Ortaç deshalb bei der Gedenkveranstaltung des Zentralrats der Jesiden in Deutschland, zu der am Freitag etwa 2000 Gäste aus dem gesamten Bundesgebiet in die Kongresshalle gekommen waren. Die Terrormiliz »Islamischer Staat« sei zwar »vermeintlich besiegt«, sagte der Vorsitzende des Zentralrates. Tatsächlich aber seien »Tausende Mädchen, Kinder und Frauen immer noch verschwunden«.

Zu Beginn der Gedenkstunde riefen Videos das grausame Geschehen in Erinnerung. Am 3. August 2014 hatten IS-Terroristen die nordirakische Sindschar-Region angegriffen, ein Hauptsiedlungsgebiet der Jesiden. In der Folge ermordeten, vergewaltigten und versklavten die Islamisten viele Angehörige der religiösen Minderheit. Als Reaktion darauf hatte auch Deutschland kurdischen Einheiten Waffen für den Kampf gegen die Terroristen geliefert.

»Es waren diese Bilder, die jeden von uns auf unterschiedliche Weise veranlasst haben, Nein zu sagen«, sagte Ortaç. Hierzulande hätten sich Politiker über Parteigrenzen hinweg für Jesiden eingesetzt, lobte er. Indes müsse der Blick weiter auf deren Lage gerichtet bleiben – zumal ihre Interessen beim Wiederaufbau kaum berücksichtigt würden. »Warum haben Jesiden in ihrem Heimatland keine Daseinsberechtigung?«, fragte Ortaç. »Man spricht über Versöhnung, aber die Opfer werden nicht gefragt.«

Nachdem Ortaç den Bogen zu aktuellen Debatten geschlagen und die »Verpflichtung gegenüber allen, die politisch oder religiös verfolgt werden« betont hatte, richtete Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) den Blick auf die Mitgliedschaft Deutschlands im UN-Sicherheitsrat 2019 und 2020. Angesichts von derzeit mehr als 200 bewaffneten Konflikten sowie 65 Millionen Flüchtlingen weltweit stelle sich immer wieder die Frage nach der »responsibility to protect«, der Schutzverantwortung der internationalen Staatengemeinschaft.

Das Gedenken an die Opfer des Völkermordes von 2014 sei insofern »wichtig auch für unser Land«, meinte Braun, weil es »die Einschätzungsfähigkeit« für das Leid vergrößere und daran erinnere, dass beim Wiederaufbau des Irak »noch viel mehr geschehen« müsse. Thorsten Schäfer-Gümbel, der Landes- und Fraktionsvorsitzende der hessischen SPD, knüpfte an diesen Punkt an und kritisierte, für den Aufbau bereitgestellte Mittel erreichten »in der Regel nicht die Stellen, für die sie vorgesehen sind«. An die irakische Regierung, namentlich den anwesenden Generalkonsul des Landes in Frankfurt, Mohammed Mustafa Almuntafeky, appellierte er, beim Wiederaufbau »ausdrücklich die jesidischen Gebiete mit einzubeziehen«.

Nach den Politikern ergriff Nadia Murad, UN-Sonderbotschafterin und einst selbst Gefangene des IS, das Wort. Eindringlich schilderte sie die Zustände im Irak sowie Repressionen, denen Jesiden dort nach wie vor ausgesetzt seien. Ferner sprachen Shêx Ali Saydo für den Zentralrat der Jesiden, Daniyel Demir als Vertreter der Aramäer in Deutschland, Ulrike Scherf für die evangelische und Ludger Müller für die katholische Kirche sowie Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und Prof. Susanne Schröter vom Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam.

Mit Baba Chavush, dem Wächter des jesidischen Heiligtums Lalish, und Peshimam Numan vom weltweiten Religionsrat der Jesiden waren zwei religiöse Würdenträger eigens aus dem Irak angereist. Sie rezitierten traditionelle Hymnen, ehe während des Klagelieds Qavals etliche Zuhörer in Tränen ausbrachen. Der Gedenkstunde, die einige Gäste wegen des großen Andrangs auf einer Videoleinwand im Nebenraum verfolgen mussten, folgte ein Totenmahl bei der Jesidischen Gemeinde Hessen in Lollar.

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