02. Juni 2008, 08:50 Uhr

Das älteste Archivdokument ist eine Fälschung

Wie viel Leben und welche Schätze in den Räumlichkeiten in der Rodheimer Straße 33 beherbergt sind, verdeutlichten am Samstag die Mitarbeiter des Stadtarchivs im Rahmen eines »Tages der offenen Tür«.
02. Juni 2008, 08:50 Uhr
Der Leiter des Stadtarchivs, Dr. Ludwig Brake (r.), führte die Gäst durch die Räume. (Foto: srs)

Gießen (srs). Das Gedächtnis der Stadt ist auf den ersten Blick unscheinbar. In grauen Pappkartons ist es untergebracht, im Nordwesten Gießens gelegen. 21 Grad zeigt ein Thermometer an. Ein Luftentfeuchter brummt. Es riecht modrig, gelüftet wird im Magazin des Stadtarchivs nie. Wie viel Leben und welche Schätze jedoch in den Räumlichkeiten in der Rodheimer Straße 33 beherbergt sind, verdeutlichten am Samstag die Mitarbeiter des Archivs im Rahmen eines »Tages der offenen Tür«. Sie stellten den Gästen ihre tägliche Arbeit vor, die zum beträchtlichen Teil im Bewerten und Aussortieren von Unterlagen besteht. Und sie beeindruckten mit ihrem Kenntnisreichtum über die Geschichte Gießens. »Wir lernen jeden Tag neu dazu«, erklärte der Leiter des Stadtarchivs, Dr. Ludwig Brake. »Ob wir wollen oder nicht.«

90 Prozent der eingegangen Unterlagen werden aussortiert, erklärte Brake während einer Führung durch das Magazin, um eine Dopplung von Information zu vermeiden. Bei der Sichtung von Papieren sei bisweilen das Prinzip der »Dickität« ausschlaggebend. Denn umfangreiche Akten beispielsweise von Gaststätten seien aufschlussreicher als dünne. Nur Mitarbeiter des Stadtarchivs haben in der Regel Zugang zum Magazin. In fahrbaren Regalen sind die Unterlagen der Abteilungen der Stadtverwaltung untergebracht. Darüber hinaus befindet sich hier das Archiv der Gailschen Tonwerke, außerdem beherbergt das Magazin Vereinsunterlagen, Nachlässe und Tagebücher von Gießener Bürgern sowie ortsgeschichtliche Sammlungen und Dokumentationen von besonderen Persönlichkeiten der Stadthistorie. Brake berichtete beispielsweise vom ehemaligen Theaterintendanten Ludwig Steinkötter sowie Walter Deeg, dem Gewerkschaftler und Widerstandskämpfer während der Zeit des Nationalsozialismus.

Die Dokumente stehen nicht in Aktenordnern, sondern liegen in Pappkartons, um das Ansetzen von Staub zu verhindern - ein großer Feind des Archivars. 700 Quadratmeter stehen dem Magazin zur Verfügung. Im neuen Rathaus werden es 1100 sein. Die angezeigten 21 Grad seien im Rahmen, erläuterte Brake, wenngleich 18 Grad optimal wären. Vor abrupten Temperaturschwankungen ist das Magazin durch die dicken Wände geschützt. Ein Gast äußerte seine Überraschung, dass das Magazin nicht in Kellergewölben untergebracht ist. »Wir sind zwar nicht überirdisch«, antwortete Brake mit einem Schmunzeln, »aber ebenerdig«.

Das älteste Dokument im Gießener Stadtarchiv ist eine Fälschung, und zwar aus dem Jahr 1235. Es handelt sich um eine Urkunde, die die Einkünfte des Guts Neuhof bei Leihgestern dem Schiffenberg zuschrieb unter der Angabe, der Pfalzgraf von Tübingen habe dies festgesetzt. Dass diese Angabe von den Schiffenberger Mönchen jedoch wohl gefälscht war, bewiesen Forscher, als sie zeigten, dass einige auf der Zeugenliste angeführte Personen im Jahr 1235 bereits verstorben waren. Das Dokument ist in einem Tresor verschlossen. Dennoch spricht Brake ungern von »Schmuckstücken«: »Mir ist hier alles lieb und wert - die hundert Jahre alte Meldedatei wie Katasterunterlagen aus dem 18. Jahrhundert.«

Sorgen bereitet dem Archivar das heute in aller Regel verwendete billige Kopierpapier. Brake empfiehlt der Stadtverwaltung seit langem alterungsbeständiges, säurefreies Papier. Doch Kostengründe und auch das Argument, alterungsbeständiges Papier sei weniger umweltfreundlich, behindern diesen Wunsch.

Kornelia Claes schilderte den Gästen die Arbeitsschritte im Stadtarchiv von der Bewertung und Auswertung der Unterlagen bis zur Vorbereitung für das Magazin. Jegliches Metall, jede Heftklammer muss zum Beispiel entfernt werden, da sie dem Papier schaden könnte.

Die Mitarbeiter des Stadtarchivs verstehen sich selbst als Dienstleister. Bürger, die nach Wurzeln ihrer Familie suchen, werden hier immer wieder fündig, berichtete Rita von Bierbrauer, die den Besuchern Teile der Fotosammlung zeigte. »Das Erforschen der Familie ist Puzzlearbeit«, erläuterte sie. »Wir können dabei einige Hinweise geben.«

Gleichzeitig sind die Mitarbeiter des Stadtarchivs froh über jedes Überlieferungsschnipselchen und freuen sich über die Abgabe von Unterlagen durch Gießener Bürger. Die Öffnungszeiten sind mittwochs bis freitags von 9 bis 12 Uhr und am Mittwochnachmittag zwischen 14 und 18 Uhr.

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