07. März 2018, 06:00 Uhr

Gebrauchtkaufhaus

Das Gießener Gebrauchtkaufhaus: Vom Geheimtipp zum Treffpunkt

Das Gebrauchtkaufhaus in der Weststadt gibt es seit 20 Jahren. Dennoch war der Laden lange ein Geheimtipp. Viele Gießener haben ihn erst entdeckt, seit Nachhaltigkeit ein Mega-Trend ist.
07. März 2018, 06:00 Uhr

Von Christine Steines , 1 Kommentar
Alles hat seinen Platz. Die Jugendlichen sorgen dafür, dass die Waren ansprechend präsentiert werden. (Foto: Schepp)

Zwei Kerzenleuchter, vier Kristallgläser, Teller mit Blümchen. Einen Einkaufskorb am Arm, schlendert die Kundin durch den Laden. »Ich finde hier eigentlich immer etwas«, sagt sie. »Gucken Sie mal, Porzellan von Seltmann-Weiden«. Sie ist an diesem Vormittag nicht allein auf Shoppingtour im Gebrauchtkaufhaus in der Weststadt. Zwei Freundinnen schauen nach T-Shirts. »Wird ja bald Frühling«. Sie wohnen in der Nachbarschaft und kommen mehrmals in der Woche und gucken, was es Neues gibt.

Opa und Enkel tätscheln einer Porzellandogge in Originalgröße den Kopf. »Ein Prachtbursche«. Einkaufen, stöbern, quatschen, das kann man in Gießens einzigem Second-Hand-Kaufhaus bestens. »Es ist auch ein Treffpunkt für das Viertel«, weiß Katharina Reichel, Leiterin und sowohl Kauffrau als auch Pädagogin. Deshalb soll in diesem Jahr auch ein kleines Café eingerichtet werden.

Das Gebrauchtkaufhaus gehört zur Jugendwerkstatt, einer gemeinnützigen Gesellschaft in der Evangelischen Kirche. Sie bietet Jugendberufshilfe und Berufsförderung und arbeitet mit dem Jobcenter, der Stadt und dem Landkreis, dem Diakonischen Werk und anderen sozialen Einrichtungen zusammen. 1998 wurde das Kaufhaus eröffnet. Seitdem verfolgt man hier mit Erfolg zwei Ziele: Zum einen wird das Prinzip der Nachhaltigkeit umgesetzt, zum anderen finden dort Menschen Beschäftigung und/oder Ausbildung, die mit den Anforderungen im Schulbetrieb oder in der Arbeitswelt nicht zurecht kamen.

Wer immer nur Ablehnung erfährt, wird unsicher und frustriert

K. Reichel, Jugendwerkstatt

23 Mitarbeiter ganz unterschiedlichen Alters sind hier beschäftigt: Da gibt es zum Beispiel Auszubildende, die Verkäufer lernen – Warenpräsentation, Kundenberatung, Preisbildung, Abrechnung – das ganze Programm. Für die Jugendlichen ist das eine große Herausforderung, denn zuvor haben sie in erster Linie Ablehnung erfahren. »Sie haben oft das Gefühl gehabt, alles falsch zu machen«, weiß Reichel. Wer immer wieder scheitert, ist unsicher und frustriert. Jetzt bekommt jeder die Unterstützung, die er braucht. »Hier wird keiner angeschnauzt oder ausgelacht, wenn etwas nicht klappt«, sagt die Chefin. »Wir versuchen es dann gemeinsam«.

Eine junge Frau wollte kürzlich auf gar keinen Fall an die Kasse. Sie fürchtete sich davor, Fehler zu machen. Heute liebt sie diesen Job. Aber nicht nur junge Leute, die mit Hilfe verschiedener Förderprogramme fit gemacht werden für den ersten Arbeitsmarkt, profitieren. Auch Langzeitarbeitslose erhalten eine Chance. Ein älterer Mann war fast sein ganzes Berufsleben in einem großen Warenhaus in der Stadt tätig. Dann wurde »seine« Abteilung aufgelöst und der langjährige Mitarbeiter nicht mehr gebraucht. Heute ist er ein wichtiger Ansprechpartner in der Möbelabteilung. »Ein großes Glück für mich«, sagt er.

 

Kontakte zu Kollegen und Kunden

Das empfindet auch eine seiner Kolleginnen in der Textilabteilung so. »Zu Hause wäre ich allein und würde nie richtig deutsch lernen«, erklärt die Russlanddeutsche. Heute genießt sie die Kontakte zu den Kollegen und den Kunden. »Es macht Spaß, hier zu arbeiten«.

Aber vielen Teilnehmern fällt der Alltag mit seinen 30 Arbeitsstunden in der Woche auch sehr schwer. Chaos und Hektik, ein schlecht gelaunter Kunde, Stress mit Kollegen – all das muss man aushalten können. Für das Beschäftigtenklientel der Jugendwerkstatt ist das eine riesige Hürde, die längst nicht immer genommen wird. Doch unter dem Strich sind alle stolz auf eine lange Erfolgsgeschichte: Reichel und ihre Kollegen sowie die Jugendwerkstatt-Geschäftsleiterinnen Heidemarie Diehl und Mirjam Aasmann: Innerhalb von 20 Jahren haben zahlreiche Teilnehmer aus diesem geschützten Raum heraus den Sprung in die harte Realität des Arbeitslebens geschafft.

Die Kundin mit den Blümchentellern ist mit ihrer Beute auf dem Weg zur Kasse. Die Porzellandogge bleibt einstweilen im Laden. »180 Euro. Dafür müssen wir noch viel sparen«, sagt der Opa zum Enkel. Aber dann bekommt sie vielleicht einen Platz auf der Terrasse des Kleingartens.

Info

Das Kaufhaus

Im Kaufhaus der Jugendwerkstatt (Krofdorfer Weg 4) gibt es auf 600 Quadratmetern Möbel, Deko, Bücher, Haushaltswaren und Kleidung. Gut erhaltene Waren sind willkommen. Öffnungszeiten: Mo. bis Fr.: 9.30 Uhr bis 16.30 Uhr. Sa.: 9 bis 13 Uhr. Montags keine Spendenannahme. Tel.: 93100 200. Die Jugendwerkstatt würde sich über ehrenamtliche Verstärkung der Transportabteilung freuen. Da es hier an Mitarbeitern fehlt, können angebotene Möbel häufig nicht abgeholt werden.

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