06. September 2011, 20:35 Uhr

China »ist der Mittelpunkt der Automobilindustrie«

Gießen (srs). Deutsche Autohersteller fahren derzeit Rekordgewinne ein. So verkaufte der VW-Konzern zwischen Januar und Juni zum ersten Mal weltweit mehr als vier Millionen Fahrzeuge. Auch Porsche brachte im ersten Halbjahr so viele Autos wie noch nie an den Mann.
06. September 2011, 20:35 Uhr
Auf dem Podium saßen (v.l.) Regierungspräsident Dr. Lars Witteck, der Geschäftsführer von Linde + Wiemann, Ulrich Schoof, Edag-Geschäftsführer Jörg Ohlsen, Moderator Patrick Merke, Volker Remmele von der Volksbank Mittelhessen, Schunk-Geschäftsführer Gerhard Federer und Prof. Ferdinand Dudenhöffer. (Foto: srs)

Ebenfalls verzeichnen Daimler und BMW außerordentliche Gewinne, selbst Opel schreibt wieder schwarze Zahlen. Dennoch – die Automobilwirtschaft stehe »großen Risiken« gegenüber, warnte am Donnerstag der Experte Prof. Ferdinand Dudenhöffer während eines Vortrags in Gießen. Und längst liege der Mittelpunkt der Industrie in China.

»Vorsichtig planen« sei das Gebot der Stunde, hielt Dudenhöffer im »Forum Volksbank« vor 100 Vertretern der Zulieferbranche fest. Der an der Universität in Duisburg Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft lehrende Professor verwies auf die finanzielle Situation südeuropäischer Euro-Staaten sowie auf die hohe Verschuldung der USA und Japans. »Die Wirtschaftskrisen sind noch lange nicht vorbei.« 2009 habe das florierende China »noch die Welt gerettet«, erklärte er. »Das ist nächstes Mal vielleicht nicht mehr möglich«, leide China doch inzwischen unter einer hohen Inflation. Die Automobilwirtschaft müsse lernen, »mit Schwankungen umzugehen«.

Derweil sei der Automobilmarkt im EU-Raum sowie in Nordamerika und Japan weitgehend gesättigt. Pro tausend Einwohner seien hier durchschnittlich 577 Pkw zugelassen – in China hingegen lediglich 26 und in Indien 12. »In Asien entstehen Märkte, die fast unermesslich sind«, berichtete der Referent. VW beschäftige in China mittlerweile mehr Mitarbeiter als in Deutschland. Die Sparte billiger »Low-Cost-Cars« spiele angesichts der neuen Märkte eine bedeutende Rolle.

Als weiteren Trend macht Dudenhöffer eine Zunahme der Modell-Vielfalt aus. »Bei deutschen Autoherstellern haben wir heute 367 unterschiedliche Modell-Linien und 1706 verschiedene Karosserie-Varianten.« Weiter werde vor dem Hintergrund des demografischen Faktors das Thema Sicherheit eine gewichtige Rolle einnehmen. Für Fahrzeuge, die selbstständig einparken können und über ein Notbremssystem verfügen, bestehe ein Riesenmarkt. »Es ist auch kein Kunststück mehr, ein Auto ganz alleine fahren zu lassen.«

In der Frage der CO2-Reduzierung habe sich in den vergangenen Jahren viel getan, äußerte der Referent weiter. »Der Versuch einer freiwilligen Selbstverpflichtung ist ja bis zum Jahr 2004 grandios gescheitert.« Erst der Druck des Gesetzgebers habe gewirkt und eine »große Innovationswelle« ausgelöst. Elektro-Autos seien nicht mehr unbezahlbar. »Wir könnten morgen früh mit E-Mobility anfangen.« Hauptsächlicher Antreiber sei in der Entwicklung übrigens China gewesen. Eine Äußerung des chinesischen Premierministers Wen Jiabao vor wenigen Tagen, ein Durchsetzen der Technologie sei »nicht sicher«, habe derweil für große Verunsicherung unter den Autoherstellern weltweit gesorgt.

Dudenhöffer referierte im Rahmen des Auftakts einer Vortragsreihe zum Thema »Automotive – Quo vadis?« Veranstalter sind die Technische Hochschule Mittelhessen, die IHK-Innovationsberatung sowie das »TechnologieTransferNetzwerk« Hessen. Dem Vortrag folgte eine Podiumsdiskussion, an der neben Dudenhöffer, Regierungspräsident Dr. Lars Witteck und Volker Remmele von der Volksbank Mittelhessen die Geschäftsführer der Automobilzulieferer Schunk, Edag sowie Linde + Wiemann teilnahmen. Übereinstimmend sagten sie der Automobilwirtschaft eine positive Zukunft voraus. Allerdings sei die Beschäftigtenzahl hierzulande in der Branche eher ungewiss – angesichts des Ingenieurmangels und aufgrund der Verschiebung des Markts nach Asien.

Witteck äußerte die Befürchtung, Metropol-Regionen wie Frankfurt entzögen dem Gießener Raum Arbeitskräfte und »Innovationsfähigkeit« aufgrund höherer Gehälter sowie kultureller und sozialer Infrastruktur. Klagen von Podiumsteilnehmern über hohe Steuern hielt er entgegen: Es sei »mutig, im Vergleich mit China über Ungerechtigkeiten des deutschen Staates zu räsonieren«, herrsche doch hierzulande »Demokratie und nicht Willkür.«

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