02. November 2011, 22:43 Uhr

»Braune Armee Fraktion« schlug 1982 in Gießen zu

Gießen (mö). In der Nacht zum 31. Oktober 1982 schien in der oberen Grünberger Straße die Erde zu beben. Eine mächtige Explosion zerfetzte einen auf dem Parkplatz der US-Wohnsiedlung John-Forster-Dulles abgestellten VW Käfer, setzte weitere Autos in Brand, deckte Dächer in der Umgebung ab und ließ Fensterscheiben zerspringen.
02. November 2011, 22:43 Uhr
Die Gießener Allgemeine vom 1. November 1982 und darunter die aktuelle »Spiegel«-Geschichte zum Anschlag auf das Münchner Oktoberfest. Beide Anschläge sollen auf das Konto eines »braunen Terrornetzwerks« gegangen sein.

Der oder die unbekannten Täter hatten gegen 3.25 Uhr eine Autobombe gezündet. Obwohl außer einem leicht verletzten Feuerwehrmann niemand zu Schaden kam, gilt dieser Anschlag als eine der schwersten Straftaten in der Gießener Nachkriegsgeschichte.

In der Hochzeit des Terrors von Links fiel der Verdacht sofort auf Gruppen wie die Rote Armee Fraktion und die Revolutionären Zellen. Tatsächlich kam der Terror von Rechts. An dieses in Vergessenheit geratene Kapitel der bundesdeutschen Geschichte hat in seiner vorletzten Ausgabe das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« im Zusammenhang mit der Bluttat beim Münchner Oktoberfest im September 1980 erinnert.

31 Jahre danach soll der Anschlag, bei dem 13 Menschen getötet und 200 verletzt wurden, nach dem Willen der im bayerischen Landtag vertretenen Parteien neu aufgerollt werden. Laut »Spiegel« geht es darum, die damals von Politik und Strafverfolgern vetretene Version vom Einzeltäter Gundolf Köhler, der sich mit in die Luft sprengte, zu erschüttern. Das Nachrichtenmagazin nennt Belege, dass der Anschlag auf das Volksfest auf das Konto eines »braunen Terrornetzwerks« im Dunstkreis der Wehrsportgruppe Hoffmann ging. In diesem Zusammenhang wird auch der Gießener Autobombenanschlag erwähnt, dem ähnliche Angriffe auf US-Einrichtungen in Frankfurt, Darmstadt und Butzbach vorausgegangen waren. Dabei wurden zwei Soldaten schwer verletzt.

In Gießen, wo ein Sachschaden in Höhe von 500 000 Mark entstand, war sofort von Linksterroristen die Rede; die Ermittlungen übernahm die Bundesanwaltschaft. Was die Ermittler indes schon bald stutzig machen sollte, war das Fehlen eines für die Linksszene typischen Bekennerschreibens. Am 20. Februar 1983 meldeten die Behörden dann einen Fahndungserfolg. In England und in Frankfurt wurden fünf Mitglieder einer »rechten Terrorgruppe« gefasst, lief über die Ticker der Deutschen Presseagentur. Die Gruppe wurde fortan von einigen Medien als »Braune Armee Fraktion« bezeichnet.

Unter den fünf Festgenommenen befand sich auch der mutmaßliche Gießener Bombenleger. Es handelte sich um den 22-jährigen Gießener Dieter S., der Mitglied bei der zum Tatzeitpunkt bereits verbotenen, rechtsradikalen »Volkssozialistischen Bewegung Deutschlands« war. Wie Recherchen der Gießener Allgemeinen damals schnell ergaben, war S. in Gießen in mehrfacher Hinsicht kein Unbekannter. Den Staatsschützern der Gießener Polizei war der DDR-Flüchtling als gewaltbereiter Neonazi bekannt, in Sportkreisen galt der Bombenleger, der mit einem Faltboot über die Ostsee geflüchtet war, als erfolgreicher Kanute. Das lässt sich auch beim Blick in eine aktuelle Festschrift zum Jubiläum eines Gießener Wassersportvereins nachvollziehen. 1980 war S. bereits einmal von einem Jugendschöffengericht verurteilt worden, weil er auf dem Kreuzplatz einen Wahlkampfstand der DKP angegriffen und zertrümmert hatte.

Zwei Jahre nach der Verhaftung im Februar 1983 wurden S. und drei seiner Gesinnungsgenossen vom Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Frankfurt zu hohen Haftstrafen verurteilt. Der Terror von Rechts geriet danach in Vergessenheit. Auch diese Zeitung ordnete den Gießener Bombenanschlag von 1982 vor einigen Jahren in einer Geschichte über die Aktivitäten der RAF in der hiesigen Region irrtümlich dem Linksterrorismus zu.

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