07. September 2018, 11:00 Uhr

Bedeutende Funde

Beweise für Kelten in Lützellinden entdeckt

Archäologen haben mehrere tausend Jahre alte keltische Fundstücke bei Lützellinden und Allendorf aus der Erde geborgen. Die seltenen Objekte wurden beim Neubau einer Erdgasleitung entdeckt.
07. September 2018, 11:00 Uhr
Ferenc Kantor zeigt einen bei Lützellinden gefundenen Achsnagel, mit dem die Kelten vor über 2000 Jahren Räder befestigten. Auch ein Stück altes Glasarmband sowie ein Steinbeil aus der Jungsteinzeit wurden entdeckt. (Foto: Schepp)

Pure Begeisterung ist im Gesicht von Peter Steffens abzulesen. Der Grabungsleiter und sein Mitarbeiter Ferenc Kantor stehen im Netanya-Saal des Alten Schlosses und erläutern geladenen Gästen eine Ausstellung mit etwa 30 Fundstücken, die bis zu 7000 Jahre alt sind. Darunter ein Steinbeil aus der Jungsteinzeit. Oder ein Bruchstück eines etwa 2200 Jahre alten blauen Glasarmbandes, das auf einen gewissen Wohlstand seiner ehemaligen Besitzerin hindeutet und meist keltischen Frauengräbern beigelegt war. Auch unter den Funden: Ein halbmondförmiger Achsnagel, der vor über 2000 Jahren von den Kelten benutzt wurde, um Räder eines Wagens an der Achse zu befestigen. Und eine ebenso alte Gewandnadel zum Zusammenstecken von Bekleidungsstoffen, hübsch mit einem Korallenstein verziert.

 

Beil aus der Jungsteinzeit

Während das Steinbeil bei Allendorf/Lahn in der Erde schlummerte, wurden die anderen drei genannten Fundstücke westlich von Lützellinden im Boden entdeckt – und zwar bei Grabungsarbeiten für eine neue Erdgasleitung zwischen Kleinlinden und Hüttenberg. Mit bis zu zehn Mitarbeitern hatte die Abteilung Hessen-Archäologie des Landesamtes für Denkmalpflege den Bau der neun Kilometer langen Gasleitung begleitet. Für die Leitung war das Erdreich auf einer Breite von bis zu 20 Metern etwa drei Meter tief aufgerissen worden.

»Gas-Trassen werden meist dort verlegt, wo Menschen siedeln oder schon immer gesiedelt haben. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit groß, dort auf Fundstücke früherer menschlicher Siedlungen zu stoßen«, sagt Landesarchäologe Dr. Udo Recker. Während im Trassenbereich bei Hüttenberg-Rechtenbach schon im Jahr 2006 beim Bau einer älteren Gasleitung Funde entdeckt und in das Fundstellenkataster eingetragen wurden, sind nun noch sieben neue Fundplätze enttarnt und dokumentiert worden, davon mehrere im Gießener Gemarkungsbereich.

 

Altes keltisches Getreidelager

So wurde bei Lützellinden ein völlig neuer Siedlungsbereich entdeckt. »Wir haben in einer Grube üppiges Inventar geborgen« freut sich die zuständige Bezirksarchäologin Dr. Sandra Sosnowski. Wie Grabungsleiter Steffens erläutert, seien die historisch bedeutsamen Objekte in einer Erdgrube entdeckt worden, die offenbar als Getreidelager diente – sozusagen ein zweitausend Jahre alter »Kühlschrank« im Erdreich, wo früheste Ackerbauer und Viehzüchter ihre Erzeugnisse frisch hielten. Archäologen erkennen diese Gruben unter dem Mutterboden meist mit bloßem Auge an bestimmten Verfärbungen im Erdreich – sie wissen also, an welchen Stellen Funde mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten sind. Während »Schätze« aus Gold, Bronze, Glas oder Bernstein sofort zu erkennen sind, findet man alte Gegenstände aus Eisen – wie etwa die Gewandnadel oder den Achsnagel – meist nur in Form eines verrosteten Klumpens, der erst fachgerecht aufbereitet und restauriert werden muss.

Auf ganze Siedlungsareale aus der Linienbandkeramischen Kultur (5500 bis 4900 vor Christus) stießen die Archäologen bei Rechtenbach. Dort konnten vier Hausgrundrisse von typischen Langhäusern dokumentiert werden. Auch hochwertige Hauskeramik wurde dort entdeckt. Die genauen Fundstellen wollten die Archäologen aber nicht preisgeben, um die Gefahr von illegalen Bodensondierungen durch »Kulturplünderer« zu minimieren.

 

Zusatzinfo

Was passiert mit den Funden?

Bevor die Grabungsfunde der allgemeinen Öffentlichkeit präsentiert werden können, wollen die Archäologen erst das gesamte Ausmaß der Funde ermitteln und dokumentieren, Berichte schreiben und dann einen Sonderband zu den Fundstücken erstellen. Eventuell wird es danach eine kleine Sonderausstellung in Gießen geben. Die Fundstücke liefern jedenfalls wichtige Erkenntnisse über die jungsteinzeitliche bis eisenzeitliche Besiedlung und über das Leben frühester Ackerbauer und Viehzüchter in der Region zwischen Gießen und Hüttenberg.

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