07. Juli 2017, 06:00 Uhr

City Tree

Bessere Luft dank City Tree?

Im Kampf gegen die Luftverschmutzung setzen viele Städte auf sogenannte City Trees. Das sind mit Moos bewachsene Wände, die die Luft filtern sollen. Auch in Gießen wird darüber nachgedacht.
07. Juli 2017, 06:00 Uhr

Von Christoph Hoffmann , 6 Kommentare
In Oslo gehört ein City Tree schon zum Stadtbild. (Foto: Green City Solutions)

In vielen asiatischen Metropolen wagen sich Menschen nur noch mit Mundschutz auf die Straße. Die Regierung in Peking schickt Drohnen in die Luft, die mit Chemikalien den Smog vernichten sollen. In Deutschland wird über ein Diesel-Verbot diskutiert. Kurzum: Der Fortschritt in Produktion und Mobilität hat unsere Luft verpestet. Und das nicht nur in den Großstädten. Die Luftmessstation an der Gießener Westanlage hat kürzlich im morgendlichen Berufsverkehr eine Stickoxidbelastung von knapp 90 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gemessen. Das ist doppelt so hoch wie der zugelassene Grenzwert (40). Zahlen, die einem den Atem verschlagen. Ein Berliner Start-up will das jetzt ändern. Für ihre sogenannten City Trees hat das Unternehmen »Green City Solutions« bereits etliche Preise eingeheimst. Dabei handelt es sich um eine mit Moos bewachsene knapp vier Meter hohe Wand, die je nach Art mit einer Sitzgelegenheit ausgestattet ist. Laut Unternehmensangaben filtert das Moos Schadstoffe und verfügt über die Umweltleistung von bis zu 275 herkömmlich gepflanzten Bäumen. Jeder der vertikalen Pflanzenfilter könne die Luftverschmutzung in einem Umkreis von bis zu 50 Metern um bis zu 30 Prozent reduzieren.

Ich bin eher skeptisch. Das ist nicht die Rettung für unsere Luft

Gerda Weigel-Greilich

In Norwegen, Belgien, Frankreich, Mazedonien und Hong Kong stehen bereits City Trees, auch in den deutschen Städten Essen, Reutlingen, Lörrach, Berlin und Hamburg sind sie zu Hause. Stuttgart hat in Eigenregie eine Wand mit Moos bepflanzt. Und Gießen?

Ausgerechnet die AfD, bisher vor allem für rechtspopulistische Themen bekannt, hat sich diesem Öko-Thema angenommen und in der jüngsten Bauausschusssitzung gefordert, die Anschaffung besagter Mooswände zu prüfen. Nahezu gleichlautende Anträge stellte die AfD auch in Wiesbaden und Neu-Isenburg. Weil sie die Idee gut fanden, den Antragsteller jedoch nicht, stellte die Koalition aus SPD, CDU und Grünen einen Änderungsantrag, der auch von den anderen Fraktionen – außer der AfD – mitgetragen wurde. Demnach wird der Magistrat gebeten, »zu gegebener Zeit über die Erfahrungen zum Einsatz von moosbestückten Wänden in anderen Städten mit vergleichbaren klimatischen Bedingungen zu berichten«.

Hinter Green City Solution stecken die Gründer Dénes Honus, Victor Splittgerber, Liang Wu und Peter Sänger. Die vier Freunde haben Architektur und Urban Design, Maschinenbau, Medieninformatik und BWL sowie Produktionsmanagement im Gartenbau studiert. Laut eigenen Angaben haben sie auf Reisen nach Asien und Südeuropa die negativen Folgen verschmutzter Luft und massiver Aufheizung in Metropolregionen erfahren und beschlossen, etwas dagegen zu tun. »Weltweit atmen 90 Prozent der in Städten lebenden Menschen täglich verschmutze Luft ein. Als Konsequenz ist bereits heute jeder siebte Todesfall auf die Folgen von Luftverschmutzung zurückzuführen«, betont das Unternehmen und erinnert zudem an die Strafen der EU für Städte bei Überschreitung der Stickoxid-Grenzwerte. In ihren City Trees sehen die Firmenchefs eine Möglichkeit, Feinstaub und Co. durch Moose und andere Pflanzenarten – in Reutlingen kommt zum Beispiel Fetthenne zum Einsatz – zu reduzieren. Ihr Produkt wird mit Solarenergie betrieben und verfügt über einen integrierten Wassertank. Zusätzlich können WI-FI-Hotspots und E-Bike-Ladestationen eingerichtet werden. Und: Die Herstellung der City Trees habe eine positive Klimabilanz. Bei der Produktion einer Anlage würden vier Tonnen Co2 entstehen, in einem Jahr binde sie aber 240 Tonnen Co2.

Die Gießener Bürgermeisterin und Umweltdezernentin Gerda Weigel-Greilich ist trotzdem skeptisch. Ihr fehlen die empirischen Daten. Herstellerangaben und Realität lägen nicht selten auseinander, sagt die Grünen-Politikerin und verweist auf die von der Autoindustrie manipulierten Diesel-Messwerte. Nach Untersuchungen des Umweltbundesamts überschritten Diesel-Autos mit grüner Plakette die Grenzwerte für Stickstoffdioxid deutlich stärker als bislang angenommen. Dies war auch ein Grund, warum in Gießen keine Umweltzone eingerichtet wurde. Weiteres Problem: Man müsste schon sehr viele City Trees aufstellen, um einen positiven Effekt zu erzielen, sagt Weigel-Greilich. »Das wäre städtebaulich auch nicht das Wahre. Ich bin daher skeptisch. Das ist nicht die Rettung für unsere Luft.« Die Bürgermeisterin setzt daher eher auf Maßnahmen wie Dachbegrünung und Urban Gardening, vor allem aber müsse sich die Pkw-Technik verändern. Stichwort Elektro-Mobilität.

Bedenken, die es auch in anderen Städten gibt. Vielerorts schrecken die Verantwortlichen zudem vor den Anschaffungskosten von rund 25 000 Euro pro Pflanzenwand zurück. Auch beim Thema Luftverschmutzung gilt eben das Motto: Ohne Moos nichts los.

Testlauf in Reutlingen

Drei Fragen an Reinhard Braxmaier

Reinhard Braxmaier ist der Umweltschutzbeauftragte von Reutlingen. In der 112 000-Einwohner-Stadt läuft derzeit eine Testphase mit zwei City Trees.

Die Stadt Reutlingen hat zwei City Trees aufgestellt? Warum?
Reinhard Braxmaier: Wir wollen feststellen, ob die Wirkung, die im Laborversuch festgestellt worden ist, auch im Realbetrieb erreicht werden kann. Außerdem wollen wir innovativen Ideen eine Chance geben. Ziel ist natürlich eine bessere Luftreinheit.

Wie ist es um die Luftqualität in Reutlingen bestellt?
Braxmaier: Nicht gut. Reutlingen gehört bundesweit zu den Top 3 der Städte mit der schlechtesten Luft. Wir haben eine sehr hohe Stickstoffdioxid-Belastung.

R. Braxmaier
R. Braxmaier
Gibt es schon erste Ergebnisse?
Braxmaier: Nein, damit ist erst nach dem Winter zu rechnen. Die Feuerwehr musste bei der Hitze aber schon anrücken und die Pflanzenwände bewässern. Es gibt also noch Kinderkrankheiten. (Foto: pm)

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