09. November 2012, 17:53 Uhr

Ausstellung erinnert an Nazi-Opfer am Stadttheater

Auch das Stadttheater beteiligt sich an der städtischen Veranstaltungsreihe »Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen«, so der Titel der von der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellten Ausstellung, die derzeit im Rathaus zu sehen ist.
09. November 2012, 17:53 Uhr
Behzad Borhani, Mitarbeiter der Öffentlichkeitsabteilung, hat sich mit drei Volontärinnen des Stadttheaters, Elisabeth Jürgens, Esther Wrobel, Julia Heinrichs (von rechts), auf Recherche im Stadtarchiv und im Theater begeben. (Foto: dkl)

Nun wurde im obersten Foyer eine kleine Dokumentationsschau eröffnet – im Beisein der Klasse 9c der Ostschule -, die die »Opfer der nationalsozialistischen ›Säuberungen» am Stadttheater Gießen 1933 - 1945« zum Thema hat. Behzad Borhani, Mitarbeiter der Öffentlichkeitsabteilung, hat sich mit drei Volontärinnen des Stadttheaters, Elisabeth Jürgens, Esther Wrobel, Julia Heinrichs, auf Recherche im Stadtarchiv und im Theater begeben.

Dabei haben sie sich an den Ergebnissen orientiert, die Hannes Heer und Sven Fritz in ihrem Buch »Verstummte Stimmen. Die Vertreibung der ›Juden» und ›politisch Untragbaren» aus den hessischen Theatern 1933 bis 1944« ermittelt haben. (Erschienen als Schriften der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen Bd. XXVII, Wallstein-Verlag 2011, 411 S., brosch., 24 Euro, ISBN 978-3-921434-31-4). Die von Heer/Fritz/Drummer/Zwilling erstellte Wanderausstellung wird nicht gezeigt, sondern eine ganz auf die Gießener Ereignisse und Personen bezogene Ausstellung mit fünf Infotafeln und einem siebenminütigen Film, der künftig auch auf der Homepage des Stadttheaters zu sehen sein wird.

Für Gießen ist Intendant Rolf Prasch zu nennen, der nach Gießen die Karriereleiter in Darmstadt hochstieg, vom liberalen zum linientreuen Theatermann wurde. Als überzeugter NS-Getreuer und Denunziant trat schon ab 1929/30 Kapellmeister Fritz Cujé in Erscheinung. Theaterdezernent wurde im August 1933 der Nationalsozialist Heinrich Bartholomäus, der bereits den Sturm auf das Gewerkschaftshaus geleitet hatte. Dass Intendant Hanns König sich für den Schauspieler und Dramaturgen Wolfgang Kühne einsetzte, war der innerbetrieblichen Notwendigkeit geschuldet. Dasselbe gilt für den Bühnenarbeiter David Goldschmidt. Kühne galt als »jüdisch versippt«, da er mit der jüdischen Pianistin Henriette geb. Braun verheiratet war und wurde 1938 entlassen; die beiden gingen nach Berlin. Goldschmidt war durch die Ehe mit einer »arischen« Deutschen geschützt, er wurde 1944 entlassen, zunächst als Zwangsarbeiter eingesetzt und dann ins KZ Theresienstadt verbracht; er kehrte im Mai 1945 zurück nach Gießen.

Einige Ensemblemitglieder wurden bereits 1933/34 entlassen. Offiziell weil sie »politisch missliebig« war, hieß es bei der Schauspielerin Maria Koch, die allerdings aus anderen Gründen schon zuvor abgemahnt worden war. Offenbar weil sie jüdischer Abstammung war, wurde die Schauspielerin Edith Berger entlassen; Entlassungspapiere fanden sich nicht, so Borhani, ihre Spuren verlieren sich in der Tschechoslowakei. Die Schauspielerin Anneliese Ottmer wurde als Tochter des jüdischen Komponisten Paul Ottenheimer entlassen; nach dem Krieg war sie Verwaltungsangestellte in Darmstadt.

Insgesamt war nicht mehr herauszubekommen, vor allem mangelt es an Fotos, so das Forscherquartett, allerdings war es für die Studentinnen ein besonderes Erlebnis, mit den Originalakten in Berührung zu kommen. Andere Mitarbeiter, die unter dem politischen Druck ausschieden, sei es in andere Berufe oder den Selbstmord, können über die Akten nicht erfasst werden. Von daher ist das Stadttheater daran interessiert, weitere Informationen und Fotografien zu bekommen (dialog@stadttheater-giessen.de). Die Ausstellung kann immer wieder gezeigt werden, auf Anfrage auch andernorts. Nun ist sie vorerst bis zum 16. November jeweils vor den Vorstellungen zu besichtigen. dkl

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