Gießener Tafel

Ausländer bei der Gießener Tafel: Die Herkunft spielt (fast) keine Rolle

Keine Ausländer als Neukunden: Mit dieser Ankündigung hat die Essener Tafel für Aufregung gesorgt. In Gießen wäre das so nicht denkbar. Dennoch gibt es Sonderregeln für Flüchtlinge.
27. Februar 2018, 09:30 Uhr
Lebensmittel für alle, die sie brauchen: Bei der Gießener Tafel spielt die Herkunft der Kunden grundsätzlich keine Rolle. Einschränkungen gab es allerdings für Flüchtlinge. (Archivfoto: Schepp)

Junge Männer in der Warteschlange unterhalten sich in einer fremden Sprache. Das schrecke manche Deutsche ab: Mit dieser Begründung hat die Essener Tafel kürzlich einen Aufnahmestopp für Migranten verhängt und bundesweit Proteste geerntet. »Völlig instinktlos, das derart öffentlich zu machen«, sagt Holger Claes dieses Vorgehen. Für den Leiter des Diakonischen Werks Gießen ist zugleich klar: »Es handelt sich um einen Hilferuf.« Ehrenamtliche fühlten sich überfordert mit einer Aufgabe, mit der der Staat sie nicht alleinlassen dürfe.

Als Manager der Gießener Tafel hat auch Claes schon die Berechtigung von Flüchtlingen eingeschränkt – aber mit Bedacht. Grundsätzlich spielt der Pass keine Rolle bei der Frage, wer Nutzer wird, stellt der Diakonie-Chef im GAZ-Gespräch klar.

 

Zwei Maßnahmen beschlossen

Im Jahr 2015, als in der hessenweit zuständigen Erstaufnahmeeinrichtung Gießen bis zu 7000 Flüchtlinge lebten, »mussten wir uns die Frage stellen: Wie können wir den Tafel-Betrieb aufrecht erhalten?«, berichtet Claes. Das Team beschloss zwei Maßnahmen, um einen zu großen Ansturm zu vermeiden.

Keine Kunden werden konnten erstens Bewohner der HEAE; zweitens alleinstehende Bewohner von Gemeinschaftsunterkünften. »Beides haben wir entsprechend kommuniziert«, betont Claes. Den Neuankömmlingen, die in der HEAE untergebracht sind, steht ganztägig eine Kantine zur Verfügung. Und in die Unterkünfte in den Kreisgemeinden habe die Tafel über ehrenamtliche Diakonie-Helfer Lebensmittel gebracht, die auch Singles zur Verfügung standen.

Die Tafeln sind zum Medium geworden, an dem Menschen erkennen, dass überhaupt Armut da ist

Holger Claes, Diakonie-Leiter

Ansonsten spiele die Herkunft keine Rolle, entscheidend sei die Bedürftigkeit, unterstreicht der Diakonie-Leiter. Die meisten der derzeit 2900 Kunden in 830 Haushalten beziehen Arbeitslosengeld II (Hartz IV) oder andere soziale Grundsicherungsleistungen. 180 haben eine kleine Rente, 760 sind Kinder unter 14 Jahren. 45 Prozent der Nutzer haben keinen deutschen Pass, 15 Prozent sind Asylbewerber vor der Anerkennung. Bei den Herkunftsländern der Migranten liegt derzeit Syrien mit gut 100 Kunden vorn, gefolgt von Afghanistan (40) und Russland (23).

Etwa die Hälfte der Nutzer ist alleinstehend; diese Menschen erhalten nur alle zwei Wochen Lebensmittel. Denn Engpässe gab es nicht erst mit der Flüchtlingswelle, sondern von Anfang an. Bis zu anderthalb Jahre lang mussten Bedürftige zeitweise warten, um einen Tafel-Termin zu ergattern, berichtet Claes. Mittlerweile habe sich die Lage einigermaßen entspannt. »Aber wir arbeiten immer bei fast 100 Prozent.« Ständig rückten neue Interessenten nach.

 

Wertschätzung ist wichtig

Nur Bedürftige nutzen solche sozialen Angebote, und den meisten ist das peinlich: Stimmt diese Behauptung (noch)? Oder nimmt die Schnäppchen-Mentalität zu nach dem Motto »es gibt etwas umsonst, das will ich auch«? Mit dieser Frage kann Claes nicht viel anfangen. »Bei uns sind die Lebensmittel nicht kostenlos«, die Nutzer zahlen einen symbolischen Preis (siehe Kasten am Textende). Das Beratungsgespräch und das Terminsystem sorgten nicht nur für einen geregelten Ablauf, sondern auch für wertschätzende Atmosphäre. Denn nach wie vor schämten sich viele dafür, dass sie die Tafel in Anspruch nehmen. »Wir versuchen so auf sie zuzugehen, dass sie diese Hürden schnell überwinden können.«

In der offensichtlichen Überlastung der Engagierten in Essen sieht der Sozial-Experte »ein deutliches Zeichen« an die Politik. »Die Tafeln sind zum Medium geworden, an dem Menschen erkennen, dass überhaupt Armut da ist.« Man müsse die Frage stellen, warum sie trotz boomender Wirtschaft nicht abnehme. Für Claes ist klar: Die Hartz-IV-Regelsätze reichen nicht aus. Ein weiteres Problem sei, dass immer weniger Menschen wissen, wie man einen Haushalt führt. »Auch deshalb setze ich mich dafür ein, dass die Familien-Bildungsstätte erhalten bleibt«: Diese Fähigkeiten würden dort vermittelt.

Zusatzinfo

So funktioniert die Gießener Tafel

Die Gießener Tafel wird seit gut zwölf Jahren betrieben vom Diakonischen Werk Gießen. Neben der Zentrale im Alten Krofdorfer Weg gibt es mittlerweile Außenstellen in Lollar, Pohlheim, Linden, Reiskirchen und Allendorf/Lumda. Die Einrichtung versorgt derzeit 830 Geringverdiener-Haushalte mit Lebensmitteln, die im Laden nicht mehr verkäuflich sind. Die Bedürftigkeit wird im persönlichen Gespräch geprüft. Jeder Kunde erhält Waren zu einem vereinbarten Termin und zahlt einen symbolischen Preis von drei bis sieben Euro, gestaffelt nach Personenzahl. Die Lebensmittel werden bei rund 65 Geschäften abgeholt. Weitere ehrenamtliche Helfer sind stets willkommen. Nähere Informationen gibt es unter www. tafel-giessen.de oder Tel. 06 41/2 50 30 76.

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