06. Januar 2017, 18:40 Uhr

Angst vor der Unendlichkeit

Die gebürtige Gießenerin Anne Imhof bespielt den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig, die vom 13. Mai bis 26. November stattfindet. Die multimedial arbeitende Performance-Künstlerin wird womöglich ein Kandidat für den Goldenen Löwen. Im Atelierhaus »Basis« im Frankfurter Bahnhofsviertel bereitet Imhof, die menschliche und auch tierische Akteure einsetzt, ihre Biennale-Oper vor. Gibt die Tierliebhaberin dabei unsere Falknerin in Venedig?
06. Januar 2017, 18:40 Uhr
Anne Imhof »gehört zu den kommenden Stars des Kunstbetriebs«, schreibt die »Zeit«. (Foto: Nadine Fraczkowski)
Frau Imhof, in Ihrem bislang größten und wichtigsten Projekt, der Performance-Oper »Angst«, die 2016 in drei Akten in der Kunsthalle Basel, dem Hamburger Bahnhof in Berlin und auf der Biennale de Montréal aufgeführt wurde, behandeln Sie ein dunkles Gefühl. Nehmen Sie im Alltag viel Angst wahr, und sind Sie selbst ein ängstlicher Mensch?
Anne Imhof: Der Titel meiner Arbeit und meine eigene Angst haben erst einmal nicht so viel miteinander zu tun. Ich finde, davon muss ein Kunstwerk losgelöst sein, vom Dünkel seines Machers. Aber ich kenne, wie wir alle, Angst. Die Angst vor dem Scheitern, vor Größe, vor Tiefe, vor dem Verschwinden, vor der Unendlichkeit.
Geht es Ihnen um die Transformation persönlicher Erfahrungen und darum, etwas im Medium der Performance zu verdichten und zu pointieren, vielleicht zu metamorphisieren?
Imhof: Ich denke bei »Angst« geht es vor allem um Identität und Imagination. Die Performer in meinen Stücken sind Meister darin, diese zu abstrahieren und sie zu etwas anderem werden zu lassen. Ich sehe Dinge um mich herum, die mich faszinieren, deren Farben, deren Form; manchmal eine Person. Sie fesseln mich manchmal bis zur Obsession. Ich zeichne und male sie. Es geht um die Gedanken, deren Anmut. Sie zu teilen und zu sehen, was daraus entsteht. Was passiert zum Beispiel mit Wut, wenn sie geteilt wird von vielen?
Susanne Pfeffer, die Kommissarin des deutschen Beitrags in Venedig, sagt, Sie begegneten der Brutalität unserer Zeit mit einem harten Realismus. Warum tun Sie das, und haben Sie Vorbilder in der Kunst, vielleicht auch im Realismus des 19. Jahrhunderts?
Imhof: Realismus ist wichtig für mich, aber ich empfinde eine große Distanz zwischen meiner Arbeit und dem Realismus des 19. Jahrhunderts. Eine größere Nähe sehe ich zum Beispiel zum Realismus des Punks.
Das bedeutet, Sie schreiben die realistische Tradition zeitgemäß fort und bearbeiten lieber den Boden der Tatsachen als Sphären, die manche schöngeistig schimpfen. Darüber breitet sich aber Musik, die schon mal liturgisch anmutet. Stimmt es, dass Sie ursprünglich Pianistin werden wollten, und welche Rolle spielt Musik für Sie persönlich und in Ihrer künstlerischen Arbeit?
Imhof: Ich habe als Kind Klavier gespielt. Pianistin wollte ich noch nie werden. Später war ich in verschiedenen Bands.
Inzwischen komponieren Sie. Werden Ihre Performances stets von eigenen Schöpfungen begleitet?
Imhof: Ich arbeite an den Kompositionen für meine Stücke im Studio alleine oder zusammen mit dem belgischen Künstler Billy Bultheel. Für »Angst« haben außerdem Eliza Douglas und Franziska Aigner, die auch in meinen Performances auftreten, Lieder gesungen und geschrieben.
Exotisch wirkt, dass Sie neben menschlichen Akteuren lebende Tiere einbeziehen, etwa Falken. Wie kamen Sie darauf, und wie kommen Mensch und Tier überhaupt in Ihre Performances? Gibt es ein Casting?
Imhof: Es gibt keine klassischen Castings. Ich arbeite mit Freunden oder Leuten, die mir persönlich empfohlen werden. Tiere sind seit »Aqua Leo« aus dem Jahr 2013 Teil meiner Arbeit. Ich arbeite gerne mit ihnen, vorausgesetzt es geht ihnen gut dabei. Für »Angst« habe ich Falken gewählt. Sie faszinieren mich schon lange, und ich wollte schon immer einen Raum mit ihnen teilen. Was mich fesselt, ist die Beziehung zwischen Falken und Falkner, dieser Aspekt der Disziplin. In »Overture«, meiner ersten Ausstellung in der Galerie Buchholz in Köln, dem Auftakt zu »Angst«, teilten wir uns den Ausstellungsraum mit den Tieren wie Schläfer auf demselben Lager. Ihr Auftritt in »Angst« ist ruhig, aber sehr beeindruckend. Sie werden durch den Raum getragen und muten seltsam an, wie Ehrengäste in der ersten Reihe, aber mit Leinen um ihre Krallen.
Bevor sie an die Frankfurter Städelschule wechselten, wo Sie Ihr Studium 2012 abgeschlossen haben, studierten Sie an der Hochschule für Gestaltung Offenbach, die in Ihrer offiziellen Vita jetzt gar nicht mehr genannt wird, während Ihr damaliger Professor Heiner Blum für Ihre Entwicklung offenbar von einiger Bedeutung war. Er erinnert sich an intensive Gespräche und sagt: »Anne war eine Ausnahmestudentin.« In dieser Zeit beschäftigten Sie Videoinstallationen und Musik, eng war die Zusammenarbeit mit Nadine Fraczkowski. Heute ist sie als Fotografin an Ihrer Seite und wohl auch eine Vertraute?
Imhof: Heiner Blum hat oft vom Wert des Stehlens gesprochen und davon, dass man mehr Druck aufbauen kann, wenn man nicht alleine ist. Nadine Fraczkowski habe ich während dieser Zeit kennengelernt und dann mit ihr in einer Band, den »Töchtern aus Gutem Hause«, gespielt.
Sie sind in Gießen geboren, bis wann lebten Sie dort und hat Sie die Stadt geprägt?
Imhof: Ich bin nur in Gießen geboren, aufgewachsen bin ich in Fulda. Barock und katholisch. Ich habe eine Mädchenschule besucht und ein Jahr im Ausland verbracht, wie alle hier.
Wie standen und stehen Ihre Eltern zu Ihrer Entscheidung für die Kunst?
Imhof: Meine Eltern sind im Nachkriegsdeutschland groß geworden. Ich habe früh angefangen zu zeichnen und wurde dabei auch sehr unterstützt, bis ihnen klar wurde, dass ich es ernst meine damit. Ich hatte einen Lehrer am Prior Park College in Bath in England, wo ich ein Schuljahr verbrachte, der mich jeden Tag nach der Schule im Zeichnen unterrichtete, vielleicht, weil er vermutete, dass ich nicht lange bleiben würde. Das war dann auch so. Nach kurzer Zeit wurde ich suspendiert und wieder nach Hause geschickt. Das Umfeld war sehr homophob. Mir wurde vorgeworfen, ich besäße den »bösen Blick« und würde die anderen Mädchen verhexen.
Leben Sie auch deshalb lieber in der Großstadt, wo irrationale Ängste seltener sind?
Imhof: Ich hatte immer schwere Allergien auf dem Land. Es ist viel besser, seitdem ich in der Stadt lebe. Nach der Städelschule habe ich mit einem Stipendium der Hessischen Kulturstiftung in Paris gelebt und wohne und arbeite im Moment in Frankfurt.

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