19. März 2019, 21:41 Uhr

Angaben der Zeugen variieren

19. März 2019, 21:41 Uhr

Stiche mit einem Messer in den Kopf: Am 20. August letzten Jahres war der Bahnhofsvorplatz in Gießen Ort dieses blutigen Geschehens. Der Täter, dem versuchter Totschlag und gefährliche Körperverletzung zur Last gelegt werden, sitzt seitdem in Haft. Das könnte auch dem Geschädigten passieren, der zurzeit einen großen Bogen um Gerichtsgebäude im Allgemeinen machen dürfte. Zu Recht, denn gegen ihn liegt ein Haftbefehl vor, dessen Vollstreckung er tunlichst vermeiden möchte. Ergo: Auch am dritten Verhandlungstag vor der 5. großen Strafkammer des Landgerichts Gießen ist er trotz Vorladung nicht erschienen. Dabei dürfte gerade sein Mitwirken dazu beitragen, den verschwommenen Bildern, die sich der Richterin Regine Enders-Kunze nach den Aussagen eines Teils der Zeugen bieten, festere Konturen zu verleihen.

Klar, professionell und verwertbar waren allerdings wie gewohnt die Ausführungen der Polizeibeamten unterschiedlicher Dienststellen; auch ein Werkstudent und seine Begleiterin machten strukturierte Angaben und schilderten nachvollziehbar das von ihnen Beobachtete. Doch eines hatten sie alle gemeinsam: Sie waren keine unmittelbaren Tatzeugen, sondern traten erst nach dem Geschehen auf den Plan.

Im Gegensatz zu mehreren jungen Leuten, denen wohl ein gewisser Anteil am Geschehen einzuräumen ist. Jedoch war einer der Zeugen, der bis Anfang nächsten Jahres in der JVA Wiesbaden einsitzt, an jenem Abend betrunken (Alkoholgehalt: 2,83 Promille), gleichwohl gehörte er dem kleinen Kreis derjenigen an, die sich am Tatort aufgehalten haben, und dann gibt es eine 21-jährige Frau, die das Geschehen in vollem Umfang mitbekommen hat. Ihr Problem, aber auch das des Gerichts: Die Aussagen dieser Zeugin in der Verhandlung am Montag deckten sich vielfach nicht mit dem, was sie an anderer Stelle zum Besten gegeben hatte. Auch am Montag verstrickte sie sich mehrfach in Widersprüche. Die Richterin nahm es mit Unmut zur Kenntnis.

»Polizei hat nicht zugehört«

Wie konnte es zu der Tat kommen? Einen Teil der Aufklärungsarbeit übernahm dann doch die 21-Jährige, bis zu jenem Tag Freundin des Mannes, der am Tattag nach dem Genuss von vier Flaschen Bier zu Hause, nach anderen Angaben im Bus, am Bahnhofsvorplatz den späteren Angeklagten getroffen hatte. Wie der Mann im Zeugenstand berichtete, habe man nach Kauf einer Flasche Wodka, die er und der Angeklagte anschließend entleerten, noch »eine Nase gezogen«. Später sei er, auf dem Geländer an der Bahnhofstreppe sitzend, in ein Gebüsch gestoßen worden. Dabei sei ein Küchenmesser, die Tatwaffe, aus seiner Umhängetasche herausgefallen. Dessen habe sich dann wohl der Täter bemächtigt. Dass der Angeklagte auf das Opfer eingestochen hat, konnte er nicht bestätigen. Es war aber nicht das erste Mal, dass er zu bestimmten Geschehnissen keine Angaben machte. Die im Protokoll der polizeilichen Vernehmung festgehaltenen Aussagen und die Ausführungen dieses Zeugen vor Gericht unterschieden sich mehrfach voneinander. Dafür hatte der Mann eine einfache Erklärung: »Die Polizei hat nicht zugehört.«

Seine ehemalige Freundin, an dem Abend Begleiterin des Opfers, hatte, wie sie angab, nicht nur gesehen, dass ihr Ex dem mutmaßlichen Täter das Messer überreicht, sondern auch, dass der Angeklagte auf das 21-jährige Opfer eingestochen hatte. Die Häufigkeit der Stiche variierte in ihren Aussagen. Und gerade die unterschiedlichen Angaben machen die Beweisführung so schwierig. Diese soll am Freitag mit der Vernehmung weiterer Zeugen fortgesetzt werden.

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