02. Juli 2017, 08:28 Uhr

Audiowalk

Alter Friedhof wird zum Hörerlebnis

Besucher des Alten Friedhofs können ab sofort mit dem Smartphone die versteckten Geschichten hinter den Gräbern entdecken.
02. Juli 2017, 08:28 Uhr
Auch das Grabmal der Zigarrenfabrikantenfamilie Struck, auf dem Foto noch mit dem 2013 geklauten Jugendstilgeländer, ist eine der Stationen des Audiowalks für Smartphone-Nutzer. (Foto: Schepp)

Auf dem Alten Friedhof kann man nun die Geschichten hinter den Gräbern hören. In elf Audiobeiträgen von bis zu sechs Minuten Länge bieten Studierende des Studiengangs Fachjournalistik Geschichte mit ihrem Audiowalk »Erzählungen vom Tod« kurze Hörstücke über bekannte Persönlichkeiten, zur Baugeschichte des Friedhofs und zur Begräbniskultur im Wandel der Zeit. Wir stellen die einzelnen Stationen vor.

Baugeschichte – 1529 wütete die Pest in Gießen und tötete rund 1500 Menschen, so dass der damalige Friedhof an der Stadtkirche nicht mehr ausreichte. Auf einem Acker vor den östlichen Stadttoren wurden die Toten begraben. 1623 wurde eine Totenkapelle errichtet und dort fanden auch die ersten Gießener Universitätsprofessoren ihre Ruhestätte. Im Dreißigjährigen Krieg überrollte erneut eine Pestwelle die Stadt. 1635 starb fast die Hälfte der Stadtbevölkerung, die Kapelle wurde im Krieg gegen Napoleon zur Artilleriewerkstatt und stürzte 1841 ein. Hugo von Rittgen erhielt den Auftrag zum Wiederaufbau. Um 1900 stieß der Alte Friedhof an seine Kapazitätsgrenzen, fortan wurde der Neue Friedhof am Rodtberg genutzt.

Friedhofssymbolik – Wie die meisten Friedhöfe Europas, ist der Alte Friedhof in Gießen Heimat unterschiedlichster Symbole. Auf ihm treffen nicht nur verschiedene Epochen, sondern auch diverse Kulturen und Glaubensrichtungen aufeinander. Von der Antike bis zum modernen Christentum ist vieles vertreten. Der Audiowalk macht auf Beispiele an diversen Gräbern wie Engelsfiguren, Thanatos oder die Mohnkapsel als Symbol des Schlafes aufmerksam.

Der ertrunkene Student – Eine der Geschichten hinter den Gräbern ist die des angehenden Studenten Christian Theodor Gross, der 1819 als 17-Jähriger aus ungeklärter Ursache in der Lahn ertrank. Der Audiowalk nimmt seine Geschichte und den hochkant stehenden Würfel auf seinem Grabstein als Symbol für eine ganze Generation junger Revolutionäre, die im Kampf gegen die Obrigkeit ins Taumeln geriet. Der Audiowalk streift (in einem eher groben Überblick der Zeit) den Kreis um den Gießener Burschenschaftler Karl Follen und skizziert die bewegten Zeiten, in denen eine ganze Generation einem ungewissen Schicksal entgegen blickte.

Friedhofs- und Begräbniskultur – Dieser Teil des Audiowalks zeichnet die sozialgeschichtliche und bestattungskulturelle Entwicklung von Friedhöfen seit dem 16. Jahrhundert nach und beleuchtet, in wie weit die letzte Ruhestätte den Zeitgeist, aber auch die gesellschaftliche Stellung eines Menschen widerspiegelt.

Diebstahl und Vandalismus – Der Alte Friedhof ist immer wieder auch von Vandalismus und Diebstahl betroffen. Wieso werden Dinge von einem Friedhof gestohlen? Was wird gestohlen? Und was kann man dagegen tun? Diese Fragen beantwortet der Beitrag anhand von Beispielsfällen, etwa des im Oktober 2013 geklauten Jugendstilgeländers am Grabmal der Zigarrenfabrikantenfamilie Struck (siehe Foto oben).

Hugo von Rittgen – Einzelne markante Gräber berühmter Gießener stellt der Audiowalk gesondert vor. Dazu gehört auch das Grab Hugo von Rittgens, der als Professor der Baukunst und Kunstgeschichte in Gießen, aber auch als Architekt großes Ansehen genoss. Eines seiner Projekte wurde zu seiner Lebensaufgabe und begleitete ihn über 40 Jahre lang: die Wartburg.

Grab der Familie Gail – Die Geschichte der Firma Gail und ihrer 1812 gegründeten Tabakfabrik ist ebenfalls Thema des Audiowalks. Aus den vielfältigen Geschichten der Gail’schen Fabrik und Familie werden mit kurzen Spielszenen und Klangkulisse einige erzählt. Sie berichten vom Tod Georg Gails, der 1870 an einer Kriegsverletzung starb und dem das Grab auf dem Alten Gießener Friedhof gewidmet ist. Der Audiowalk berichtet aber auch von der Gründung der Fabrik durch Georg Philipp Gail und von den Arbeitsbedingungen in einer Tabakfabrik um die Jahrhundertwende. Die Tabakindustrie galt als Vorreiter der Industrialisierung in Gießen.

Röntgen – Wilhelm Conrad Röntgen war von 1879 bis 1888 Professor für Physik an der Universität Gießen. Er setzte sich für die Entfaltung der modernen Naturwissenschaften ein. 1895 entdeckte er in Würzburg die sogenannten X-Strahlen, besser bekannt unter dem Namen Röntgen-Strahlen, für die er 1901 den ersten Nobelpreis für Physik erhielt. Sein Lebensweg brachte ihn an viele verschiedene Orte. Der Audiobeitrag klärt, warum sich Röntgen ausgerechnet in Gießen auf dem Alten Friedhof begraben ließ und das Grab seiner Eltern zum Familiengrab umwidmen ließ.

Kriegsdenkmäler – Der Audiowalk führt auch zu den beiden Kriegsdenkmälern, die die in den Gießener Lazaretten verstorbenen deutschen und französischen Soldaten des deutsch-französischen Krieges ehren. Der Beitrag berichtet über den Krieg und die Beziehungen zwischen den französischen Gefangenen und den Gießenern.

Jüdische Gräber – Auf dem Friedhof gibt es zwei jüdische Gräberfelder. Beide liegen sichtbar getrennt von den christlichen Gräbern. Der Audiowalk nimmt den Tod des jüdischen Holzhändlers Sigmund Katzenstein im Jahr 1889 zum Anlass, über jüdische Bestattungsrituale zu informieren.

Heutige Nutzung – Seit Jahrzehnten wird der Alte Friedhof von der Bevölkerung als Park benutzt und steht unter Denkmalschutz. Der Audiowalk macht deutlich, warum der Park so ein außergewöhnlicher Ort ist und wie man dank einer Grabpatenschaft auch heute dort seine letzte Ruhe finden kann.

INFOKASTEN

Audiowalk

Kostenfrei abrufbar

Der Audiowalk »Erzählungen vom Tod« – Begräbniskultur und Mentalität im Wandel der Zeit« lässt Geschichte und Gegenwart an Ort und Stelle akustisch erfahrbar werden. Der Alte Friedhof wird so zur Geschichtsquelle und zum Erlebnisort. Der Audiowalk lässt sich kostenfrei auf www.audiowalk-giessen.de abrufen.

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