Selbstversuch Zug

Als Dirne auf der Gießener Ludwigstraße

Haben Sie auch diese merkwürdige alte Frau auf dem Zug gesehen? Die mit dem großen Kopf? Das war ich. Obwohl ich Fasching nicht ausstehen kann.
13. Februar 2018, 11:00 Uhr
Anonymität gepaart mit Bier lässt die anfängliche Zurückhaltung vergessen. (Foto: Schepp)

Ich war einmal ein großer Faschingsfan. Damals, in den 80ern, gehörte ich zum Stammpersonal auf den heimischen Fastnachtsveranstaltung. Keiner zog seinen Spielzeugrevolver schneller, keiner warf das Plastik-Beil genauer. Doch meine Leidenschaft für Cowboys und Indianer hat die Pubertät nicht überdauert. Heute kann ich Fasching nicht mehr ausstehen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen den Brauch. Ich finde es gut, wenn andere Leute Spaß haben, sie dürfen sich auch gerne verkleiden und zu fragwürdiger Musik ausgelassen tanzen. Ich möchte nur nicht unbedingt dabei sein. Trotzdem habe ich diesen Sonntag auf der Ludwigstraße verbracht. Mein Chef hatte die glorreiche Idee, einen Faschingsmuffel verkleidet beim Zug mitlaufen zu lassen. Die Wahl fiel auf mich. Helau!

 

Ein Bier als Mutmacher

 

Und so finde ich mich am Sonntag um 13.30 Uhr am Ludwigsplatz ein. Mit einem Bier zum Mutmachen in der einen und einem Müllsack in der anderen Hand. Darin eine Verkleidung, die nur älteren Schlammbeisern etwas sagen dürfte: ein zirka ein Meter großer Pappmaché-Schwellkopf. Die Maske gehört Werner Nohl von der gleichnamigen Goldschmiede. Sein Schwiegervater und dessen Friseur haben sie Anfang der 60er Jahre gekauft und regelmäßig an Fasching getragen. Sie sollte eine Anspielung auf das damalige Rotlichtmilieu in der unteren Bahnhofstraße sein. Na toll: Ich gehe als Dirne.

 

Zwergenkönig adelt Schwellkopf

 

Noch ist der Zug nicht in Sichtweite, daher gönne ich mir ein zweites Bier. Wenn schon Fasching, dann richtig. »Was hast du denn da«, höre ich auf einmal rufen. Es ist Karl Möller, der Gießener Designer und Zwergen-Restaurator. Beim Blick in die Tüte weiten sich seine Augen. »Meine Zwerge wurden ähnlich hergestellt. Der Kopp ist alt, sehr alt. Bestimmt 100 Jahre. Pass’ gut darauf auf!« Ich nehme mir die Worte zu Herzen.

 

Das dritte Glas verändert alles

 

Das Dröhnen der Schlager-Beats kommt näher. Dann taucht auch die Spitze des Zugs auf. Ich trinke mein Bier aus, binde mir Rock und Seidenschal um und stülpe die Maske übers Gesicht. Dann husche ich auf die Straße. Ich marschiere neben einer Frauen-Tanzgruppe und winke dezent in die Menge. Ich bin ein eher zurückhaltener Mensch, der große Zampano liegt mir nicht. Die jungen Narren scheint das nicht zu stören, ihnen gefällt meine Maskerade, zumindest glaube ich lächelnde Kindergesichter zu erkennen. Es ist nämlich so: Man kann unter dem Schwellkopf nur sehr schlecht sehen. Dass der ein oder andere Narr mir Kamelle in die Augenschlitze steckt, hilft auch nicht sonderlich. Das Bier, das mir einer der Mitmarschierer reicht, ist weitaus willkommener. Und siehe da: Das dritte Glas verändert alles. Die Anonymität gepaart mit Alkohol lässt die anfängliche Zurückhaltung verfliegen. Ich werfe Kamelle in die Menge, rufe Helau, und in den seltenen Momenten, in denen die Tanzgruppen tanzen, tanze ich mit.

 

Schwellkopf als Kamelle-Fänger

 

Als der Zug in die Bleichstraße einbiegt, ziehe ich den Schwellkopf ab, klemme ihn unter den Arm und mache kehrt. Am Ludwigsplatz reihe ich mich wieder ein – und versorge die Massen mit den Bonbons, die sich in der Zwischenzeit in der großen Maskenöffnung gesammelt haben. Die mir gereichten Schnäpse lehne ich dankend ab, auch vom Bier lasse ich ab sofort die Finger. Die Einladung eines Ritters zu einem Umtrunk im Ritzis schlage ich ebenfalls aus. Fraglich, ob die einzigartige Maske das überleben würde. Und ein aufgesetzter dicker Kopf reicht aus. Als der letzte Zug das Dachcafé passiert, trete ich den Heimweg an.

Ob ich 2019 wieder auf dem Zug bin? Die Chancen stehen nicht schlecht. Ich liebe Karneval noch immer nicht. Dafür meine kleine Tochter, die nächstes Jahr in einem Faschings-relevanten Alter ist. Und wenn sie eine Squaw mimen sollte, geh’ ich liebend gern als Manitou.

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