Als Blinder in Theresienstadt

07. Dezember 2017, 18:57 Uhr
Wolfgang Benz (Foto: kdw)

Gießen (kdw). Als hochinteressant und überraschend erwies sich die Buchvorstellung samt Gespräch mit dem Historiker Wolfgang Benz im Literarischen Zentrum. Sein Werk »Als Blinder in Theresienstadt – der Münchner Schriftsteller Norbert Stern« enthielt fast ebenso viele Informationen über die Recherche wie über das Leben im Vernichtungslager.

Beides war wirklich fesselnd. Benz, geboren 1941, ist ein deutscher Historiker der Zeitgeschichte und international anerkannter Vertreter der Vorurteilsforschung, der Antisemitismusforschung und der NS-Forschung. Er war zum zweiten Mal bei der Arbeitsstelle Holocaustliteratur zu Gast.

»Mich hat Norbert Stern fasziniert«, sagte Benz zu Beginn des von Jeanne Flaum moderierten Gesprächs. »Er hat schnörkellos und literarisch bedeutsam aus Theresienstadt berichtet.« Dort seien insgesamt 1400 Blinde eingeliefert worden. »Er saß blind in Theresienstadt und musste Tschechisch lernen, besorgte sich eine Blindengrammatik und konnte sich schließlich unterhalten. Das ließ mich nicht in Ruhe.«

Als Nathan Stern 1881 geboren, trat er später als Norbert zum christlichen Glauben über und sah sich selbst nicht mehr als Jude. Nach einer Karriere als Techniker widmete er sich der Philosophie. Er promovierte und erweiterte sein Interessenfeld im Bereich Mode und Kultur, arbeitete als Journalist. Im Ersten Weltkrieg erlitt er als Soldat eine Augenverletzung, die später zur Erblindung führte. Als Schriftsteller und Privatgelehrter veröffentlichte er 1922 sein erstes Werk. Doch im Sinne der NS-Ideologie galt Stern ab 1933 als Jude und konnte seinen Beruf nicht weiter ausüben. Am 21. Juni 1942 wurde er von München ins Getto Theresienstadt deportiert. Stern fand im Lager Hilfe von einer Frau, die auch seine in normaler Schrift verfassten Texte abschrieb. »Er schrieb den ganzen Tag, vermutlich in Sütterlinschrift.«

Stern hat in seinen Aufzeichnungen »Ein Blinder erlebt Theresienstadt« seine Erlebnisse im Lager festgehalten (Benz: »Eine unglaublich trübselige Angelegenheit«). Dieses Manuskript wurde jedoch nie veröffentlicht. Nach seiner Befreiung lebte Stern bis zu seinem Tod in München. Ein Teil seiner Aufzeichnungen konnten vor seiner Deportation gerettet werden, so dass er in den 1960er Jahren ein weiteres Werk mit dem Titel »Wer bist du, Mensch?« veröffentlichte. Das Hauptwerk Sterns aus dem Lager, »eine der dichtesten Beschreibungen des Alltags in Theresienstadt«, sei jedoch verschollen, sagte Benz. Die in seiner Wohnung verbliebenen Notizen hätte die Nachbarn in der Waschküche verheizt. Stern musste später um Wiedergutmachung kämpfen.

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