26. Januar 2010, 11:16 Uhr

Alleinerziehende leben häufig unter Zeitdruck

Gießen (kw). »Die Hätschelkinder der Nation«: Unter dieser Überschrift berichtet die aktuelle »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« im Wirtschaftsteil über Alleinerziehende. Genannt wird in dem Text auch Prof. Uta Meier-Gräwe, Professorin für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität. Das Zitat sei allerdings aus dem Zusammenhang gerissen, erläuterte Meier-Gräwe auf Anfrage.
26. Januar 2010, 11:16 Uhr
Keineswegs werden Alleinerziehende »gehätschelt«, meint Prof. Meier-Gräwe.

Tenor des Artikels: 40 Prozent der betroffenen Frauen bezögen »Hartz IV«, der Sozialstaat »umsorge« sie mit einer Art »Trennungsprämie«, Berufstätigkeit »lohne« sich ebenso wenig wie ein neuer Partner. Diese Kernaussagen und die Überschrift des Artikels finde sie »grässlich«, so die JLU-Wissenschaftlerin. Keinesfalls sei das Gros der Alleinerziehenden zufrieden mit Arbeitslosengeld II. Diese Frauen seien häufiger berufstätig als Mütter in Paarhaushalten.

Die rund 1,6 Millionen Alleinerziehenden in Deutschland seien »eine hochgradig differenzierte Gruppe«, betont Meier-Gräwe. Diejenigen, die ganz oder teilweise von Sozialleistungen leben, seien damit selten glücklich. Unterschiedliche Studien zeigten, dass alleinerziehende Mütter im Schnitt mit dem niedrigsten »Wohlstandsniveau« aller Lebensformen in Deutschland auskommen müssten.

Manche Mütter verzichteten bewusst auf Berufstätigkeit, etwa weil Kinderbetreuungsmöglichkeiten fehlten oder weil sie damit finanziell schlechter dastehen als mit ALG II. Ein Grund sei die zu niedrige Bezahlung von Frauen in Dienstleistungsberufen, so die Professorin. Zudem seien Schwangere in Deutschland lange aufgefordert worden, ihren Job lieber aufzugeben - etwa weil es an Kinderbetreuungsplätzen oder auch an finanzieller Absicherung haperte.

Die Mehrheit der Alleinerziehenden ist dennoch berufstätig. Ihre Situation hat Meier-Gräwe mit Dr. Irene Kahle beleuchtet in der Untersuchung »Balance zwischen Beruf und Familie«. Darin sind Zeitbudgets von 5400 Haushalten verglichen. Demnach »strebt die große Mehrheit der Alleinerziehenden eine Arbeit an, die ihnen finanzielle Unabhängigkeit gewährt, also eine Vollzeitbeschäftigung«. Wenn das jüngste Kind unter sechs Jahre alt ist, seien gut ein Fünftel der Alleinerziehenden voll berufstätig gegenüber einem Zehntel der in einer Partnerschaft lebenden Mütter.

Mütter mit Vollzeitjob fühlten sich oft unter Zeitdruck, gerade wenn sie nicht auf Entlastung durch einen Partner bauen können. Vor allem die eigene Erholung komme bei Alleinerziehenden zu kurz. »Für Haushaltsführung und familiäre Aufgaben nähmen sie sich - trotz höherer Belastung durch Erwerbstätigkeit - mit fünfeinhalb Stunden nur eine halbe Stunde weniger Zeit als Mütter in Paarhaushalten.«

Nötig sei »eine vernetzte Zeitkoordinierungspolitik zwischen den unterschiedlichen familienrelevanten Institutionen und Personen auf lokaler Ebene«, außerdem »eine striktere Einforderung von Unterhaltszahlungen«, denn nur die Hälfte der Väter komme diesen Pflichten nach. Auch ein verlässliches Angebot an Betreuungseinrichtungen erleichtere die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit. »Allerdings verschärft gerade dies wiederum das Gefühl, sich nur unzulänglich Zeit für die Kinder zu nehmen.«

Zitiert hat der FAS-Text nicht aus dieser Veröffentlichung, sondern aus Meier-Gräwes Berechnungen im Rahmen des Bundesprojekts »Guter Start ins Leben«. Die Wissenschaftlerin hat typische Lebensläufe volkswirtschaftlich durchgerechnet, um zu zeigen, dass sich frühe Hilfen für Kinder aus benachteiligten Familien lohnen. Ein Beispiel: Ein nicht gefördertes und schlecht ausgebildetes Mädchen, das später ohne Partner Kinder großzieht, braucht immer wieder staatliche Unterstützung. Bis zum 50. Lebensjahr summiert sich die auf 445 000 Euro. Wenn dasselbe Mädchen den Sprung in den Beruf schafft, zahlt es 215 000 Euro Steuern. »Das bedeutet: Um die erwerbslose Alleinerziehende zu alimentieren, braucht es zwei Arbeiterinnen gleichen Typs«, so die FAS. Meier-Gräwe stellt klar: »Uns geht es um die Frage: Was ist nötig, um rauszukommen aus der Armutsverwaltung?« Und ihre Antwort sei: Unterstützung der Familie und speziell der Kinder, und zwar lange vor dem Schulalter. (Archivfoto: Schepp)

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