05. Oktober 2009, 20:28 Uhr

Alevitischer Religionsunterricht wird erprobt

Gießen/Lollar (kw). Von einem »bedeutenden Schritt in Richtung Integration einer großen muslimischen Gruppe« sprechen Kultusministerin Dorothea Henzler und Integrationsminister Jörg-Uwe Hahn. An vier hessischen Schulen startet in diesen Wochen ein Pilotversuch zum Alevitischen Religionsunterricht. In Gießen, Lollar und Hanau wird jetzt die Einführung des neuen Fachs erprobt.
05. Oktober 2009, 20:28 Uhr

Gießen/Lollar (kw). Von einem »bedeutenden Schritt in Richtung Integration einer großen muslimischen Gruppe« sprechen Kultusministerin Dorothea Henzler und Integrationsminister Jörg-Uwe Hahn. An vier hessischen Schulen startet in diesen Wochen ein Pilotversuch zum Alevitischen Religionsunterricht. In Gießen, Lollar und Hanau wird jetzt die Einführung des neuen Fachs erprobt. Während der Unterricht in Hanau bereits läuft und in Lollar letzte Woche begann, müssen die Gießener Grundschulen noch Organisatorisches klären, erfuhr die AZ. An die Georg-Büchner- und die Ludwig-Uhland-Schule sollen zum Teil auch Kinder aus anderen Grundschulen zum Religionsunterricht kommen.

Ausgesucht wurden für den Versuch Schulen, in denen nach Recherchen der alevitischen Ortsgemeinden mindestens acht bis zwölf Kinder an der Glaubenslehre teilnehmen wollen. An den Schulen ist allerdings nur teilweise bekannt, welche Familien überhaupt dieser islamischen Glaubensgemeinschaft angehören und welche davon an dem Angebot interessiert sind. Besonders schwierig ist diese Klärung in Gießen, wo unterschiedliche Schulen die Eltern informieren und sich über Orte und Zeiten abstimmen müssen, die mit den jeweiligen Stundenplänen vereinbar sind, hieß es auf AZ-Anfrage.

Die CDU-Politikerin Henzler und ihr FDP-Kollege Hahn teilten am Montag mit, sie erhofften sich von dem Pilotversuch »wichtige Impulse für anstehende Gespräche, die auch die Möglichkeiten eines allgemeinen Islamischen Religionsunterrichts ausloten sollen«. Sie seien sehr erfreut darüber, dass der Landeselternbeirat Hessen am Wochenende seine Zustimmung erklärt habe. Die meisten der etwa 60 000 muslimischen Schülerinnen und Schüler in Hessen sind allerdings Sunniten und Schiiten. Gespräche mit deren Vertretern über Religionsunterricht hat die Landesregierung im August wieder aufgenommen, sieht aber noch »einen langen Weg« vor sich.

Der neue Religionsunterricht wird erteilt von Frauen oder Männern alevitischen Glaubens, die in Deutschland Lehramt studiert und ihre Staatsexamina abgelegt haben. Er findet fast ausschließlich in deutscher Sprache statt. Die wenigen Ausnahmen betreffen Lieder oder Gebete auf Türkisch, für die es keine deutsche Entsprechung gibt. Alevitischen Religionsunterricht gibt es in Berlin und Baden-Württemberg bereits seit Jahren, im Sommer 2008 begannen Pilotversuche in Nordrhein-Westfalen und Bayern.

»Die Alevitische Gemeinde Deutschland und ihre Landesverbände stehen auf dem Boden der demokratischen Grundordnung und erfüllen alle notwendigen Voraussetzungen, um als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden«, betonen Henzler und Hahn. Mit dem Verein hätten die Länder Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen gemeinsam einen Lehrplan für die ersten bis vierten Klassen erarbeitet. In Deutschland leben derzeit rund 800 000 Aleviten, etwa 40 000 davon in Hessen. Sie seien stark um Integration bemüht, ihr Glaube sei vom Humanismus bestimmt, heißt es in der Pressemitteilung des Kultusministeriums.

»Wir erleben einen historischen Moment«, meint Turgut Öker, Vorsitzender der Alevitischen Gemeinde Deutschland. »Wir sind uns bewusst, durch die Einführung des alevitischen Religionsunterrichts eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe übernommen zu haben.« Öker hebt die »pluralistische und demokratische Struktur« seines Verbands hervor, der vor einigen Tagen sein »Befremden« über das »Gebetsraum-Urteil« des Verwaltungsgerichts Berlin geäußert hat. Der »politische Islam in Deutschland« wolle eine Form der Religiosität durchsetzen, die »mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht vereinbar ist«, kritisierte der Verein.

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