Klinikum

Abschied von einem streitbaren Psychiater

Prof. Bernd Gallhofer war 24 Jahre lang Leiter der Psychiatrie. Nun geht er in den Ruhestand. Im Interview berichtet er von Verletzungen, von Schuld und von der Liebe.
23. März 2018, 11:00 Uhr

Herr Professor Gallhofer, Gießen und Sie, das war keine Liebe auf den ersten Blick.

Bernd Gallhofer: Als ich 1990 von Graz hierher kam, wollte ich eigentlich nur ein Jahr bleiben und dann auf eine attraktive Stelle in London wechseln. Am liebsten wäre ich aber viel früher wieder gegangen. Die psychiatrische Klinik war in einem katastrophalen Zustand. So düster, wie man sich eine »Nervenklinik« der 30er Jahre vorstellt. Die Pflegekräfte überfordert, die Ärzte kaum anwesend, die Patienten weitgehend sich selbst überlassen. Das war schlimm.

Warum ist es dann doch anders gekommen? Wieso sind Sie geblieben?

Gallhofer: Zum einen hat der damalige Medizin-Dekan Knorpp an mich geglaubt und mich unterstützt, zum anderen gab es eine Art »geheime Volksabstimmung« unter den Mitarbeitern. Sie wünschten sich, dass ich Klinikchef bleibe, und das bin ich seit 1994. So ein Geschenk kann man nicht ablehnen. Es gab damals eine Welle des Aufbruchs, und wir haben gemeinsam Strukturen für eine moderne Sozialpsychiatrie geschaffen. Es hat eine Demokratisierung stattgefunden, Hierarchien wurden aufgelöst.

2003 sind Sie Gießen noch einmal fast abhanden gekommen, als Sie einen Ruf nach Kanada erhielten.

Gallhofer: Ja, und auch da hat die tiefe Verbundenheit zu Kollegen und Mitarbeitern letztlich viel dazu beigetragen, zu bleiben.

Sie mussten in den alten Räumlichkeiten aber noch lange ausharren. Als das neue Gebäude im Oktober 2016 eingeweiht wurde, sagten Sie, dies sei der glücklichste Tag in Ihrem beruflichen Leben.

Gallhofer: Das stimmt. Wir alle sind wahnsinnig stolz darauf, denn die neue Psychiatrie ist weltweit ein Unikat. Die Klinik hat den Charakter eines Hotels, die Zimmer sind hell und angenehm, es gibt einen Fitness- und Massageraum. Alles ist weit und offen, der begrünte Innenhof schaut aus wie ein kleiner Park. Die Patienten fühlen sich hier beschützt, aber nicht eingeschlossen.

Besonders wichtig war Ihnen bei der Planung die Mitarbeiterbeteiligung.

Gallhofer: Die Konzepte der Mitarbeiter wurden 1:1 umgesetzt. Jedes Funktionsteam hat seine Ideen eingebracht. Hier weht ein anderer Geist als das früher in der Psychiatrie üblich war. Das bedeutet, es gibt eine Gleichrangigkeit auf Augenhöhe, ich habe dieses Prinzip als junger Arzt in London erlebt und hier umgesetzt. Patienten, Angehörige und Mitarbeiterteam arbeiten gemeinsam zum Wohle des Erkrankten. Es geht immer darum, Würde und Respekt zu wahren.

Der Angehörigenverein hat im Haus ein eigenes Büro, das war Ihnen ganz wichtig.

Gallhofer: Die Angehörigen wurden früher mit Schuld und Scham beladen. Mutter oder Vater wurden verantwortlich gemacht für psychische Erkrankungen ihrer Kinder. Das ist ganz großer Blödsinn. Angehörige sind eine wichtige Ressource, sie sind der Anker für die Patienten und ungeheuer bedeutsam für unsere Arbeit. Ihnen gebührt Dank und Wertschätzung.

Es existieren heute freundschaftlich-kollegiale Verbindungen innerhalb der Klinik, aber auch außerhalb, zum Beispiel mit Vitos. Statt sich in Konkurrenz kritisch zu beäugen, gibt es zwischen den Einrichtungen eine gute Zusammenarbeit.

Gallhofer: Das ist ein ganz großer Segen. Im Laufe der Jahre sind aus vielen meiner Studenten leitende Oberärzte oder Psychologen geworden, von Gießen aus sind viele Therapeuten in die Republik gezogen, um unsere Ideen weiterzutragen.

Sie haben lange für die Klinik kämpfen müssen und oft deutliche Worte der Kritik gefunden. Haben Sie jetzt Ihren Frieden mit dem Konzernvorstand gemacht?

Gallhofer: Ja. Die ersten Jahre nach der Privatisierung fehlte uns die Unterstützung, das waren schlimme Krisen. Doch nach dem Wechsel in der Geschäftsleitung wurde das anders. Das UKGM hat mit dieser Investition einen großen Schritt gemacht und ist offen für unsere Anliegen.

Sie kommen aus der Steiermark, Sie haben in Frankreich gelebt, in Norwegen, Österreich und Großbritannien studiert und gearbeitet. Aktuell wird viel über den Begriff Heimat diskutiert, wir haben nun sogar ein Ministerium dafür. Was bedeutet der Begriff für Sie?

Gallhofer: Ich bin österreichischer Staatsbürger, aber die Politik dort finde ich mehr als abstoßend. Ich fühle mich als Europäer, aber meine Heimat ist Gießen. Ich bin tatsächlich ein Gießener geworden.

Das klingt, als seien Sie darüber selbst ein wenig überrascht.

Gallhofer (lacht): Das war nie so geplant. Es mag melodramatisch klingen. Aber ich liebe meine Arbeit mit Menschen, ich liebe mein Mitarbeiterteam, und ja, ich liebe Gießen. Die Oberhessen sind ein merkwürdiges Völkchen. Vielleicht sind viele davon so schräg wie ich selbst. Sie sind zunächst unzugänglich und undiplomatisch, aber wenn sie einen erst einmal ins Herz geschlossen haben, dann sind sie für einen da. Ich habe das ja kürzlich erleben dürfen.

 

Ich liebe Gießen. Es ist eine kleine, bunte, rebellische Stadt mit einer sehr mutigen Oberbürgermeisterin

Bernd Gallhofer

Sie meinen die Anzeige gegen Sie. 2017 Jahr wurde einer Ihrer Patienten – ein Flüchtling aus dem Kosovo – aus der Klinik gelockt und abgeschoben. Ihrer öffentlichen Empörung folgte eine Anzeige des Landkreises Friedberg (wo der Mann lebte) wegen Verletzung der Schweigepflicht und sogar wegen Betrugs. Kurze Zeit später wurde die Anzeige fallen gelassen. Aber die Aufregung war riesig. Sogar der Landtag beschäftigte sich damit.

Gallhofer: Ich habe damals unglaublich viel Unterstützung erfahren. Überregional, aber auch vor allem hier vor Ort, das hat mich sehr berührt. Gießen ist eine kleine, bunte, rebellische Stadt mit einer kämpferischen Oberbürgermeisterin, die sich traut, auch unpopuläre Dinge zu sagen.

Wissen Sie, was aus dem Patienten geworden ist?

Gallhofer: Leider haben wir den Kontakt verloren. Er war sehr schwer krank, extrem traumatisiert. Er landete mit seiner Familie in einem verwahrlosten Loch, ohne jede medizinische Versorgung. Das macht uns große Sorgen. Wir konnten ihn nicht beschützen, das war ein unsäglicher Vertrauensbruch, diese Schuld belastet mich.

Sie und Ihre Kollegen betreuen im Traumazentrum der Klinik viele Flüchtlinge. Wie ist die aktuelle Situation?

Gallhofer: Sie ist dramatisch. Die Arbeit mit diesen zutiefst verletzten Menschen ist sehr zeitintensiv. Sie brauchen Sicherheit, Ruhe und Geborgenheit, aber sie haben es unendlich schwer, anzukommen. Für sie gibt es keine Wurzeln, keine Heimat. Das muss die Öffentlichkeit wissen.

Aber auch die Zahl einheimischer Traumapatienten ist hoch und steigt stetig.

Gallhofer: Leider. Denken Sie nur an die Folgen von Gewalt und sadistischer Pornografie im Internet, gerade für Kinder und Jugendliche ist das fatal. Aber auch Psychosen nehmen zu. Mitverantwortlich ist Drogenkonsum, dadurch können sich Hirnstrukturen verändern. Auch Marihuana ist nicht harmlos, das weiß man ja längst.

Sie ermuntern dazu, sich frühzeitig Hilfe zu holen.

Gallhofer: Auf jeden Fall. Man kann das ohne Angst tun, es gibt in Gießen ein engmaschiges und auch niedrigschwelliges Angebot. Medikamente und Gespräche helfen.

Wenn Sie zum Abschied Wünsche an eine Fee richten dürften, welche wären das?

Gallhofer: Beruflich ist es mein größter Wunsch, dass mein Nachfolger Christoph Mulert – ein fähiger, empathischer Kollege und mein Wunschkandidat – so viel Unterstützung des Mitarbeiterteams erfährt wie ich sie in all den Jahren bekommen habe. Und privat wünsche ich mir, dass mein Glück, eine wunderbare Familie zu haben, anhält. Noch einmal etwas Melodramatik: Die Liebe meiner Frau und meiner Kinder hat mich immer getragen.

Info

Abschied von Klinikchef

Bernd Gallhofer (69) wurde in Arnfels (Steiermark) geboren. 1976 schloss er das Studium der Medizin in Graz ab. Nach Aufenthalten in London kehrte er nach Graz zurück und gründete 1990 die psychiatrische Abteilung der Universitätsklinik. Seit 1994 ist der Mediziner Leiter der psychiatrischen Klinik des UKGM. Gallhofer ist ein international renommierter Schizophrenie-Forscher. Am Freitag wird er offiziell verabschiedet. Der Psychiater und Traumatherapeut wird auch im Ruhestand weiter therapeutisch tätig sein. Gallhofer ist verheiratet, seine Frau ist ebenfalls Medizinerin und Wissenschaftlerin. Er hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Bürgermeister und Oberbürgermeister
  • Gießen
  • Heimat
  • Interviews
  • Liebe
  • Medizinstudium
  • Mitarbeiterbeteiligung
  • Mut
  • Patienten
  • Psychiater
  • Psychiatrie
  • Ruhestand
  • Sozialpsychiatrie
  • Universitätsklinikum Gießen und Marburg
  • Gießen
  • Christine Steines
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.