24. Februar 2017, 20:17 Uhr

Abschied von den fetten Jahren

Normalgewicht ist nicht mehr der Normalfall. Starkes Übergewicht breitet sich wie eine Epidemie aus. Im Adipositaszentrum des Uni-Klinikums werden jedes Jahr 500 bis 600 Patienten bei der Gewichtsabnahme unterstützt. Es gibt mehrere Wege zum Normalgewicht, leicht ist keiner davon.
24. Februar 2017, 20:17 Uhr
Dick war gestern: Christian Althaus (l.) und Martin Weber (r.) veranschaulichen mithilfe ihrer alten Hosen, wie sich ihr Erscheinungsbild verändert hat. (Foto: Schepp)

Wenn früher im Sportunterricht Mannschaften ausgewählt wurden, blieb er übrig. Mit den Klassenkameraden zu duschen war eine Katastrophe. »Ich war schon als Kind dick«, sagt Christian Althaus. Angestarrt und gehänselt zu werden war schlimm, erinnert sich der 39-Jährige. Vor zwei Jahren wog er noch 180 Kilogramm (bei einer Größe von 1,74 Meter). Heute sind es 75. Er ist kaum wiederzuerkennen. Schlank und sportlich ist er – und strahlt über das ganze Gesicht. »Mein Leben hat sich total verändert, darüber bin ich glücklich«. Althaus ist Patient im Adipositaszentrum Mittelhessen des Universitätsklinikums. Hier werden Fettleibige behandelt, die oft einen langen Leidensweg hinter sich haben.

Auch hinter Christian Althaus liegt eine schwierige Zeit. Der Gießener, der im Klinikum im Patientenbegleitdienst arbeitet, hat sich einer Operation unterzogen. Ihm wurde ein Magen-Bypass gelegt. Dabei wird der Magen wenige Zentimeter unterhalb des Mageneingangs abgetrennt. Es verbleibt ein kleiner Restmagen, der als Bremse für die zugeführte Nahrung dient. Diese Magentasche kann nur mit sehr wenig Nahrung gefüllt werden. Bereits bei der Aufnahme geringer Essensmengen entstehen ein Sättigungsgefühl und eine Entleerungsverzögerung des verkleinerten Magens. Zusätzlich wird durch die veränderte Anatomie die Aufnahme von Nahrung im Dünndarm vermindert und es kommt zu Veränderungen der sogenannten »Darm-Hormone«.

Das zweite mögliche OP-Verfahren ist der Schlauchmagen. Dabei werden vier Fünftel des Magens entfernt. Übrig bleibt ein fingerdicker Schlauch. Diese beiden Operationen werden in Gießen etwa hundertmal im Jahr durchgeführt. Nach der Operation nehmen die Patienten sehr schnell ab. Zum einen, weil sie nur noch sehr kleine Mengen essen können. Zum anderen kommt es zu erheblichen Umstellungen im Stoffwechsel.

Eine solche operative Möglichkeit ist ein Segen, aber sie kommt nur dann infrage, wenn konventionelle Methoden der Gewichtsreduktion fehlgeschlagen sind, sagt Prof. Andreas Schäffler, der Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik III (Allgemeine Innere Medizin mit Endokrinologie, Diabetologie, Stoffwechsel und Ernährungsmedizin). »Das sind hervorragende Maßnahmen, aber es sind irreversible Verstümmelungen gesunder Organe, das darf man nicht vergessen«, sagt er. Daher gehe jeder Operation eine kritische und sorgfältige interdisziplinäre Überprüfung voraus.

Interdisziplinarität ist ein Markenzeichen des Adipositaszentrums Mittelhessen, das maßgeblich von Dr. Annette Hauenschild aufgebaut wurde. Hier arbeiten Internisten, Chirurgen, Ernährungswissenschaftler und Psychologen zusammen. Sie sorgen gemeinsam dafür, dass die Patienten ihre Lebensqualität zurückgewinnen. Denn sie leiden in mehrfacher Hinsicht. Die chronische Erkrankung geht mit Begleiterkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Gelenkerkrankungen, Gicht oder Gallenblasenentzündungen einher, zudem ist Fettleibigkeit gesellschaftlich stigmatisiert. »Fast alle unsere Patienten sind unglücklich oder depressiv oder beides«, sagt Schäffler.

Hat man im Adipositaszentrum eine hormonelle Störung ausgeschlossen (diese kann Ursache für Übergewicht sein, dies kommt jedoch nur in einem von 100 Fällen vor), gehören mehrere Säulen zum Therapiekonzept. Die wichtigsten sind die Ernährungs- und Verhaltensumstellungen. Die Klinik bietet ein 52-wöchiges Programm mit einer Formula-Diät an. Dabei nehmen die Patienten in den ersten drei Monaten ausschließlich Fertigdrinks zu sich, in der Folgezeit werden diese nach und nach durch »richtige« Mahlzeiten ersetzt. Zudem gibt es Anleitung zu sportlicher Betätigung.

Martin Weber hat während des letzten Jahres an diesem Programm teilgenommen. Der Krankenpfleger (1,80 Meter groß) hat 140 Kilogramm gewogen und sein Ziel, unter 100 Kilo zu kommen, schon übererfüllt – er wiegt jetzt 95 Kilo. Auch er fühlt sich sehr wohl in seinem »neuen« Körper. Seine Gewichtszunahme verlief schleichend, und so richtig hat sie ihn auch nicht gestört. Der Leidensdruck war nicht sehr hoch, erinnert er sich, doch als bei einer Blinddarm-OP nebenbei eine Fettleber »entdeckt« wurde und die Gelenke zunehmend Probleme bereiteten, begriff er das als »Weckruf«. Die Gruppensitzungen mit der Ernährungsberaterin und der Psychologin hat Weber als hilfreiche Motivation empfunden. Der 49-Jährige arbeitet in der Notaufnahme des Klinikums und hat viel Stress. Früher begann er morgens seinen Job mit leerem Magen und stopfte dann zwischendurch alles mögliche in sich hinein. Heute hat er gelernt, Heißhunger zu vermeiden. Eiweiß- und ballaststoffreiche Mahlzeiten, Verzicht auf Softdrinks, Sport – damit kommt er gut zurecht. Dass er von einer »Couchpotato« zu einem Sportler wird, der Kraft- und Ausdauertraining liebt, hätte er nie gedacht.

Neben dem einjährigen Formula-Programm, das von den Krankenkassen bezuschusst wird, gibt es auch ein 15-Wochen-Angebot, dieses wird in der Regel jedoch nicht von den Krankenkassen bezahlt.

Dass es auf der einen Seite immer mehr Aufklärung über gesunde Ernährung und ein großes Angebot an gesunden Nahrungsmitteln und auf der anderen Seite immer mehr Übergewichtige gibt, ist ein Paradoxon unserer Zeit, sagt Schäffler. Die Ursachen für die steigende Zahl adipöser Menschen sind bekannt: Zu viele sitzende Tätigkeiten, zu wenig Bewegung, zu viel Konsum von Fastfood und Zucker. Mittlerweile gibt es sogar immer mehr Adipositas-Familien, in denen sich der Hang zu Übergewicht von einer auf die andere Generation überträgt, schildert der Mediziner. Wenn Vorbilder fehlen, können Kinder die Balance aus gesunder Ernährung und sportlicher Betätigung nicht finden. Wenn zu Hause nicht richtig gekocht und gegessen wird, hilft auch das gesunde Frühstück in Kindergarten und Schulen nicht viel. Im Adipositas-Zentrum bemüht man sich um Schadensbegrenzung. Wenn ein Patient 180 oder 200 Kilogramm wiegt, so ist das lebensgefährlich, verdeutlicht der Kliniksdirektor. Manchmal gibt es Patienten, die über 300 Kilo wiegen und nicht mehr selbst laufen können, in diesem Zustand birgt eine OP zu viele Risiken.

Christian Althaus ist froh, dass er seine dicken, bewegungslosen Zeiten hinter sich gelassen hat. Dass er lebenslang mäßig und ausgewogen essen muss und »Fressorgien« gar nicht mehr möglich sind, empfindet er nicht als Einschränkung seiner Lebensqualität. Im Gegenteil. Er geht ins Fitness-Studio, fährt viel Fahrrad und kickt in einer Freizeitmannschaft. Ganz im Reinen ist er aber noch nicht mit sich. Hautlappen am Oberkörper zeugen noch davon, dass sein Körper einmal mehr Platz beansprucht hat. Ein Schwimmbadbesuch kommt für ihn deshalb immer noch nicht infrage. Eine weitere OP könnte Abhilfe schaffen, doch die Krankenkasse will die Kosten nicht übernehmen. Nicht fair, findet Althaus, denn er hat für ein gesünderes Leben so viel auf sich genommen. Gegen die Ablehnung will er Widerspruch einlegen. Doch egal, wie die Entscheidung letztlich ausfallen wird, der 39-Jährige ist glücklich mit seinem »neuen« Leben. Und nicht nur er. Seine Freundin ist »megastolz« auf ihn, erzählt er. Alleine dafür hat sich die Plackerei gelohnt.

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