12. März 2019, 09:51 Uhr

Studium

20 Wartesemester später

Am 1. April startet an der Uni Gießen das Sommersemester. Unter den neuen Studenten wird auch die 29 Jahre alte Katharina Wienecke sein. Sie musste 20 Wartesemester durchstehen.
12. März 2019, 09:51 Uhr

Von Kays Al-Khanak , 1 Kommentar
Schau mir in die Augen, Liebig! Katharina Wienecke hat sich gerade für ihr Medizinstudium an der JLU Gießen eingeschrieben. (Foto: Schepp)

Wenn zu Beginn des Sommersemesters an der Justus-Liebig-Universität Gießen die Stadt ihre obligatorische Frischzellenkur in Form von ungeduldigen und vorfreudigen Erstsemestern erhält, dann wird darunter eine Frau sein, die lange, sehr sehr lange auf diesen Tag gewartet hat. Katharina Wienecke beginnt am 1. April ihr Medizinstudium – mit 20 Wartesemestern auf dem Buckel. »Ich freue mich total«, sagt die 29-Jährige, »und ja, jetzt will ich es es noch mal wissen.«

Freitagmittag. Uni-Hauptgebäude an der Ludwigstraße. Wienecke strahlt. Sie hat sich gerade eingeschrieben. »Es fühlte sich für mich an wie ein feierlicher Akt«, sagt sie und lacht – bis Stempel auf Papier knallte und der bürokratische Akt im Nu vollzogen war. Getrübt hat dieser kleine Dämpfer die Freude der 29-Jährigen nicht. Im Gegenteil. Das Abenteuer Studium hat für die gebürtige Hamelnerin gerade erst begonnen.

Vor zehn Jahren hatte sich Wienecke nach dem Abitur fürs Medizinstudium beworben. Nur: Mit einem Notenschnitt von 3,7 hatte sie absolut keine Chance gegen die vielen Einser-Abiturienten aus ganz Deutschland. Also tat sie das Naheliegende: Sie bewarb sich in einem Krankenhaus und machte dort drei Jahre lang eine Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten (MFA). Danach bewarb sie sich wieder für ein Studium, wurde aber erneut nicht zugelassen. Also begann sie eine Ausbildung als Operationstechnische Assistentin an einem anderen Krankenhaus. »Nach einem halben Jahr musste die Klinik dicht machen«, sagt sie.

Glück im Unglück: Über Freunde bekam sie Kontakt zu einer Neurologischen Reha-Klinik. Dort arbeitete sie drei Jahre lang als MFA und Pflegeassistentin. »Ich habe es dort geliebt«, sagt sie. »Es war einfach schön zu sehen, wenn Patienten bei der Aufnahme kaum gehen können und nach fünf oder sechs Wochen Reha die Klinik mit einem Lächeln verlassen.«

Als sie jedoch die Chance erhielt, auf der Krankenstation eines Kreuzfahrtschiff zu arbeiten, griff sie zu. Drei Monate lang fuhr sie auf Routen im Mittelmeer, nahe Norwegen, Polen und Russland mit. Seekrank, erzählt sie, sei sie nur einmal geworden: »Acht Meter hohe Wellen.« Als das Heimweh größer wurde und die Arbeit an Bord immer eintöniger, kehrte sie wieder zur Neurologischen Reha-Klinik zurück. Von dort wechselte sie über die Zwischenstation in einer Rheumatologischen Praxis in die Patientenaufnahme eines Krankenhauses.

Wienecke hätte sich vielleicht damit abgefunden, das sie nicht mehr Medizin studieren wird, wäre nicht ihr Patenkind gewesen: 18 Jahre alt, voller Tatendrang. Sie unterhielten sich über seine Zukunft. Jura oder doch Medizin studieren, habe sie ihn gefragt. Seine Antwort: Studier’ du doch Medizin. »Ich erwiderte, dass ich bald 30 werde und ganz bestimmt nicht mehr mit einem Studium anfangen werde«, sagt Wienecke. Sie habe kurz überlegt und dann gedacht: »Aber warum eigentlich nicht?« Also bewarb sie sich erneut – und wurde fürs Sommersemester 2019 in Gießen angenommen.

Am 12. Februar sollte sie ihre Zusage erhalten; eine Absage wäre wenige Tage später ins Haus geflattert. »Ich habe auf den Tag hingefiebert wie eine Schwangere auf ihren Geburtstermin«, sagt Wienecke und lacht. An diesem Tag hatte sie Spätdienst. Morgens schaute sie ins Postfach. Nichts. Magengrummeln. Auf dem Weg zur Arbeit musste sie an einer Baustellenampel warten. Eine Mail kündigte sich mit einem »Pling« an. Es war die langersehnte Nachricht aus Gießen. »Ich habe meine Familie benachrichtigt, dass ich bald wegziehen muss.« Die Freude sei groß gewesen, ihre Schwester habe gar nicht mehr aufhören wollen, vor Glück zu weinen. »Und dann«, sagt sie, »musste ich arbeiten.«

Es gibt Erstsemester, die verfluchen so ziemlich alles und jeden, wenn sie zum Studium nach Gießen müssen. Das Gegenteil ist bei Wienecke der Fall. »Ich bin ein Dorfkind, wollte also nicht in eine Großstadt.« Außerdem sei die Uni Gießen übersichtlich und sie als Studentin nicht bloß eine Nummer von vielen. »Ich erhoffe mir hier einfach mehr Kontakt zu den Professoren und Dozenten.« Auch dass sie mit bald 30 Jahren älter sein wird als die meisten Erstsemester, stört sie nicht. »Dann bin ich eben die Semester-Mutti.« Die Freude auf ihr Medizinstudium lässt sich Wienecke nicht nehmen. Auch nicht von der schweren Suche nach einer Wohnung. Der Markt ist leer, die Konkurrenz groß.

Dann muss Wienecke los. Sie hat ein Vorstellungsgespräch bei der DRK-Schwesternschaft in Marburg. Weil sie zu alt fürs Bafög ist, muss sie nebenher arbeiten. Sie geht trotzdem mit einem Lächeln. Denn sie weiß: Das Warten hat nun ein Ende.

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