16. Juli 2014, 09:08 Uhr

Kabaretittist Martin Zingsheim beeindruckt mit Wortakrobatik

Wetzlar (dw). Mit stilsicherer Wortakrobatik, hintergründiger Silben-Jonglage und gedanklichen Loopings brachte Kabarettist und Musiker Martin Zingsheim bei den Festspielen nicht nur die grauen Zellen seiner Gäste gehörig auf Touren, sondern auch deren Lachmuskeln.
16. Juli 2014, 09:08 Uhr
Martin Zingsheim bei den Wetzlarer Festspielen. (Foto: dw)

Im kleinen Saal der Stadthalle zog der Kölner das Publikum mit seiner scharfzüngigen Weltsicht, beeindruckendem Sprachgefühl und großem Wortwitz in seinen Bann. In seinem temporeichen Ritt durch die Ideengeschichte, von der Philosophie, der Religion bis hin zur Politik, nahm er fein säuberlich alles auseinander, stellte es auf den Kopf und entlarvte es.

Jedem Zitat und jeder Anspielung verpasste der geplagte junge Vater die passende Melodie und verwob beides geschickt zu einem spannungsreichen Potpourri. »Es gibt keine falschen Wörter, nur den falschen Kontext« stellte er klar und vielfältig unter Beweis. Ob am »Campingflügel« oder seinem saaltauglichen Pendant, politisch korrekt war das nicht, aber feministisch einwandfrei. Unablässig sprudelten Sätze, deren tiefgründiger Nachhall noch in der Luft hing, während er selbst schon längst den nächsten Schauplatz gefunden hatte.

Dabei ist der Rheinländer nicht nur sprachgewandt, er kennt sich auch mit »dialektalen Einfärbungen« und »Schwedologie« aus. Letztere fand im »Balladenblock« Eingang, der dem Thema »Liebe« gewidmet war und sich auf den IQ eines Wasa-Knäckebrotes bezog. Irgendwie sei ohnehin alles schon mal da gewesen, und seien es die biologisch-dynamischen Lebensmittel, die früher schlicht »Essen« hießen und heute dank kürzerem Verfallsdatum schneller weggeworfen werden könnten. Moses, Mohamed und Tom Cruise versammelten sich in der besten aller Butterkekswelten, in der Joachim Gauck schon vor 400 Jahren den »Menschen zu des Menschen Wulff« machte. Statt an Deutschland in der Nacht, könne man bei Tag darüber nachdenken und feststellen, dass es dank »Sehrcoolarisierung« sehr cool sei.

Scharfzüngig schwadronierte Zingsheim durch politische Ideologien. Sozialkritisches Liedgut à la Hermann van Veen enttarnte er als modernen Ablasshandel nach dem Motto: »Ich mach das Elend der Welt zu holländischem Geld.« Zur Melodie der Hymne sang er, »Seit ich despektierlich über Deutschland spreche, fühle ich mich innen politisch sicherer ...« Musikalisch ging es querbeet von der »Carmina Burana« bis zu Bizets »Carmen«. Ohne Punkt und Komma jagte der 27-Jährige durch die Welt. Und steigerte sich sogar noch in der frenetisch erklatschten Zugabe, mit Klaus Kinsky, Gerd Rubenbauer, Hermann van Veen, Bushido, Herbert Grönemeyer, einem besonders gelungen genuschelten Bob Dylan unter der gestrengen Moderation eines Marcel Reich-Ranicki durch die Weihnachtsgeschichte. Drei Stunden Kabarett vom Feinsten.

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