03. Juni 2011, 09:15 Uhr

»Überall auf der Welt bin ich Argentinien«

Wetzlar (one). Die Premiere von »Evita« war ausverkauft, aber das Wetter zwang die Musicalgruppe der Goetheschule wie im vergangenen Jahr in die Stadthalle. Statt auf der Freilichtbühne im Rosengärtchen spielte das Orchester im Kellertheater, die Musik musste auf die Bühne übertragen werden.
03. Juni 2011, 09:15 Uhr
Strahlende Heilige: Anna Rühl als Evita.

Dort verfolgten 1064 Premierengäste den steilen Aufstieg und das bittere Ende der argentinischen Volksheiligen Eva Duarte de Perón, genannt Evita. Als strebende Präsidentengattin debütierte die erst 17-jährige Anna Rühl in einer reizend adretten, mal euphorischen, mal kühlen Darstellung. »Evita« ist die 30. Musicalproduktion der Goetheschule und der Auftakt zur diesjährigen Wetzlarer Festspiel-Saison. Inszeniert wurde die deutsche Fassung von Martin Schmidt und Julian Goletzka, die Musik stammt von Musical-Meister Andrew Lloyd Webber und das Libretto aus der Feder von Tim Rice.

Evita überstrahlt sie alle. In einem bezaubernden weißen Prinzessinnenkleid hebt die zierliche Anna Rühl die Arme zum Appell ans Volk: »Wein nicht um mich Argentinien.« Das ist zu Anfang bereits eine Rückblende auf den Höhepunkt von Evitas Karriere und zugleich ist es der bekannte Song dieses Musicals - einer, auf den jeder im Saal wartet. Die 17-jährige Schülerin meistert ihn mit frischer jugendlicher Leichtigkeit, viel Anmut und Professionalität. Und das obwohl sie wegen des Wetters den Dirigenten Martin Spahr nur auf einem Bildschirm zu Gesicht bekommt.

Ein raumgreifender Che

Der eigentliche Anfang der Handlung, die bis auf wenige Ausnahmen durchgängig gesungen wird, ist das Ende, nämlich die Bekanntgabe von Evitas Tod in einem Kino in Buenos Aires 1952. Hier tritt zum ersten Mal der junge Che in Erscheinung, bärtig, kräftig und vor allem raumgreifend dargestellt von Antonio Sasso, der in der Rückblende durch Evitas Leben führt und immer wieder die Rolle des Mahnenden einnimmt.

Die junge Eva überredet als 15-Jährige den Tangosänger Augustìn Magaldi (Cornelius Schreiber), sie aus der argentinischen Provinz nach Buenos Aires mitzunehmen. Der rät zwar »Eva, geh nicht in die Großstadt«, kann sich aber dem Wunsch der Geliebten nicht widersetzen. Die Liaison ist nicht von Dauer, da Eva sich gerne mit Männern umgibt, die ihr von Nutzen sind. Ebenso schnell serviert sie diese ab, was in Wetzlar mit Akribie in einer schönen Arztpraxisszene gezeigt wird, in der die gefoppten Herren von Doktor Che zurück ins Wartezimmer geschickt werden.

Der eine Mann, zu dem Evita sagt: »Ich wäre wirklich gut für dich«, ist der Militär Juan Perón (Florian Moll), der zur selben Zeit seine Macht festigen will, wie Evita vom Model zur Schauspielerin aufsteigt.

Ein rockiges Versprechen

Die Verbindung erweist sich als profitabel. Mithilfe der Arbeiter und Bauern, die Eva wegen ihrer einfachen Abstammung für sich gewinnen kann, soll Perón Präsident werden. Es ist das bühnenfüllende Finale des ersten Aktes, Militärs stehen stramm, die Bauern schwenken aufgebracht Transparente. Da kann Che noch so dagegen ansingen und ironisch-bitter behaupten, »Bauernfängerei ist keine Staatskunst«. Vielstimmig wird der Aufbruch »Wach auf Argentinien« in Szene gesetzt, es ist ein rockig vorgetragenes Versprechen vor der Pause.

Nach der geglückten Wahl dankt es die erste Frau im Staat, zwar ganz ohne Bühnenbalkon, aber mit Verve, mit dem allseits bekannten Song. Doch Evita muss sich gegen Militärs und den Adel wehren, die Regenbogen-Tour ins Ausland ist nur bedingt ein Erfolg. Dafür lässt sie in Argentinien »Spendegelder fließen« - auch in die eigene Tasche - und wird trotzdem als »Santa Evita« vom Volk verehrt.

Perón, in Person von Florian Moll die ganze Zeit in eine auffallende weiße Gardeuniform gekleidet, muss seine Ehefrau - bereits von einer Krankheit gezeichnet - dann vom Gedanken abbringen, Vizepräsidentin zu werden. Wobei diese dabei ihre selbstverständliche Hybris durchblicken lässt: »Überall auf der Welt bin ich Argentinien.«

Am Ende ihres kurzen Lebens hält die 33-jährige Evita selbst Rückschau, und dem Zuschauer wird noch einmal vor Augen geführt, wie oft das Ensemble in den letzten zwei Stunden die Garderobe wechseln musste, wie diskret die Requisite arbeitete. Vor allem aber, wie sich Anna Rühl in verschiedenen Kleidern vom Mädchen in Sommerkleid zum Vamp im kleinen Schwarzen oder zur Lady in weißer Robe wandelte.

Nach Evitas Tod gehört die letzte Szene Che, der erzählt, dass ein Mausoleum für die Verstorbene nie vollendet wurde und ihre Leiche 17 Jahre lang verschollen war. Übrig blieb von Evita nur der Glanz - als Zugabe in Wetzlar noch ein gemeinsames »Wach auf Argentinien«.

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