Lange mit »angezogener Handbremse« musiziert

Wetzlar. - Zuletzt hatten Ian Anderson und Co. (mit Orchester) die Zuschauer beim Butzbacher Hessentag vor zwei Jahren völlig zu Recht mitgerissen. Das war bei strahlendem Sonnenschein im Innenhof des Schlosses gewesen - das aktuelle »Jethro Tull«-Konzert fand am Donnerstag in der Rittal-Arena vor rund 2000 Zuschauern statt.
13. März 2009, 17:28 Uhr
»Jethro Tull« traten am Donnerstagabend in der Rittal-Arena vor rund 2000 Fans auf. (Foto: axc)

Wetzlar. - Zuletzt hatten Ian Anderson und Co. (mit Orchester) die Zuschauer beim Butzbacher Hessentag vor zwei Jahren völlig zu Recht mitgerissen. Das war bei strahlendem Sonnenschein im Innenhof des Schlosses gewesen - das aktuelle »Jethro Tull«-Konzert fand am Donnerstag in der nicht ganz so anheimelnden Rittal-Arena statt und draußen herrschte Schmuddelwetter. Beim Hessentag war es proppenvoll, in der »Arena« blieben - bei etwa 2000 Fans - etliche Plätze leer. »Jethro Tull«, allen voran Sänger, Flötist und Chefkomponist Ian Anderson, machen immer noch hervorragende komplexe und dabei eingängige Musik, doch in Wetzlar wollte der Funke diesmal lange nicht überspringen.

Ob es an den Begleitumständen lag, sei mal dahingestellt - der eine oder andere »Tull«-Fan hätte sicherlich lieber stehend abgerockt, statt brav und gesittet in ordentlich auf Abstand von der Bühne gestellten Stühlen mit den Füßen zu wippen, aber dies war der erklärte Wille Ian Andersons.

Jedenfalls hatte man eine gute Dreiviertelstunde lang das Gefühl, die Band spiele wie mit angezogener Handbremse. Erst bei dem genüsslich in die Länge gezogenen »Heavy Horses« schien sich der Knoten zu lockern, bei dem Uraltklassiker »Bourrée« (nach Johann Sebastian Bach) platzte er endlich, und sogar Gitarrist Martin Barre, der anfangs fast gelangweilt wirkte, zeigte ein erstes Lächeln.

Dabei hatte das Konzert mit dem Hit »Cross-Eyed Mary« und zwei Griffen in die Uraltkiste (zwei Stücke vom 1969er-Debütalbum »This Was«) viel versprechend begonnen. Mit »Farm On The Freeway«, »Fire at Midnight« und »Rocks On The Road« gab es weitere selten gespielte Repertoireperlen zu hören, aber die Post wollte nicht abgehen.

Barre faszinierte wie eh und je mit sauberem hart rockenden Gitarrenspiel, kombiniert mit Folkpicking, jazzigen Anklängen und viel Blues. Keyboarder John O'Hara setzte mit seinem Akkordeon gelegentlich ländliche Akzente, fügte aber andererseits dem von Henry VIII. stammenden Lied »Past Time In Good Company« ärgerliche Digital-Cembaloklänge hinzu. Anderson, immer noch ein Meister des virtuosen und mit theatralisch-grotesker Mimik und Gestik unterstützten Flötenspiels, schafft zwar als Sänger die ganz hohen Tonlagen nicht mehr ganz, ist aber immer noch ein routinierter und angenehm tönender Vokalist, der darüber hinaus mit erheblichem Moderatorencharme gesegnet ist.

Nach der »Bourrée« ging es leider schon auf die Zielgerade: »Sweet Dreams« kam kraftvoll, wurde aber durch unpassende Klänge von den Tasten beeinträchtigt. Schelm Anderson redete dann von den heutzutage nur noch Langeweile auslösenden Schlagzeugsoli, um Drummer Perry im anschließenden »Dharma for One« dann doch eine kurze Drum-Einlage zu gönnen (genau wie im Original vor 40 Jahren).

Bassist Goodier, der die meiste Zeit wie angewurzelt an seinem Platz stand, war nun auch aufgetaut und maß sich spielerisch mit Barres Gitarre. Eine achtminütige Kurzversion des 1972er-Konzeptalbums »Thick As A Brick« leitete - wie alle Songs von Uralt-Bandfotos auf der Bühnenleinwand begleitet - zum Killerriff von »Aqualung« über, dem einzigen »Tull«-Hit ohne Querflöte. Mittlerweile tanzten und feierten eine Handvoll Fans vor der Bühne. Doch das Zurückdrängen durch die Security-Leute lohnte sich schon nicht mehr, denn außer »Locomotive Breath«, der seit Jahren immer gleichen Zugabe, gab es nichts mehr. Und wenigstens während dieser letzten fünf Minuten standen die eisernen Fans direkt vor der Bühne - wie es sich für ein Rockkonzert gehört -, und feierten ihre Helden, die diesmal dennoch einen zumindest atmosphärisch zwiespältigen Eindruck hinterließen und schon nach weniger als anderthalb Stunden abgingen. Eigentlich waren zwei Stunden geplant, doch die verkürzte Spieldauer hatte vermutlich mit einem gebrochenen Finger Ian Andersons zu tun, der das Flötespielen möglicherweise schmerzhaft machte.

Überzeugen konnte hingegen die 26-jährige Elsässerin (mit italienisch-spanisch-deutschen Wurzeln) Saori Jo, die im Vorprogramm eine halbe Stunde lang eigene Songs am Piano vortrug und dabei von Akustikgitarrist Miguel Ruiz und in einem Stück von Ian Anderson, David Goodier und Doane Perry begleitet wurde - eine charmante Künstlerin mit einer bemerkenswerten warmen, auch mal röhrenden Stimme, von der man hoffentlich demnächst mehr hören wird. Axel Cordes

www.saorijo.fr & www.jethrotull.com

Schlagworte in diesem Artikel

  • Henry VIII
  • Hessentag
  • Ian Anderson
  • Jethro Tull
  • Johann Sebastian Bach
  • Martin Barre
  • Miguel Ruiz
  • Musikverein Griedel
  • Rittal-Arena Wetzlar
  • Sebastian Bach
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 24 - 4: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.