12. August 2013, 10:58 Uhr

»Du verschwindest freiwillig oder unfreiwillig«

Lahnau (mlu/abg). Nach 20 Jahren schreibt Teshome Damtew eine Neufassung des Romans, der sein Leben veränderte : »Der Graf von Monte Christo«.
12. August 2013, 10:58 Uhr

Teshome Damtew war ein Mann Anfang 20, als er den Grafen von Monte Christo in seine Muttersprache übersetzte. Seit er im zarten Alter von elf Jahren auf einer Großdemonstration ein Protestgedicht gegen das Regime Mengistu vorgetragen hatte, wollte er Schriftsteller werden. In kürzester Zeit avancierte die Übersetzung des französischen Klassikers von Alexandre Dumas zu einer Art Manifest der Freiheitsbewegung in Äthiopien, der Damtew seine Stimme lieh. Als er Ende der 1980er Jahre seinen ersten selbst verfassten Roman bei der Staatszensur einreichte, legte ihm ein Mitarbeiter des Ministeriums die Ausreise nahe. »Du verschwindest freiwillig oder unfreiwillig«, habe dieser am Rande einer Begräbnisfeier zu ihm gesagt. Damtew ging freiwillig. 1991 kam er als politischer Flüchtling nach Deutschland, wo ihm Asyl gewährt wurde. Er besuchte die Justus-Liebig-Universität in Gießen, spielte mit dem Gedanken, Lehrer zu werden, doch die Schriftstellerei ließ ihn nicht los. Als sich der heute in Waldgirmes lebende Autor in der deutschen Sprache sicher genug fühlte, schrieb er das Werk, das in seinem Heimatland nicht hatte erscheinen dürfen, noch einmal.

Sechs Jahre sollte diese Arbeit dauern. Dieses Jahr erschien das Buch im Eigenverlag. In Anlehnung an den Grafen von Monte Christo nannte Damtew den 316 Seiten starken Roman »Der Graf von Motta«.

»Als ich damals den Graf von Monte Christo las, dachte ich, dass sich in dem Einzelschicksal dieses Protagonisten die politischen und gesellschaftlichen Zustände meines Landes widerspiegeln«, erzählt Damtew im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung. Deswegen habe ihn dieses Buch inspiriert. Für Ben, die Hauptfigur im Grafen von Motta, ist jedoch nicht Rache das ausschlaggebende Motiv seines Handelns, sondern der Wunsch nach Veränderung, die er allerdings nicht dem Zufall oder dem Schicksal überlassen will. »Alles Entscheidende entsteht trotzdem«, lässt Damtew eine Nebenfigur Friedrich Nietzsche zitieren, was allerdings nicht als fatalistisches Credo aufzufassen ist. Stellt sich doch die Frage, wie sich das Individuum im gesellschaftlichen Wandel aktiv oder passiv positioniert.

Ben möchte sein Leben gestalten und seiner Familie mehr bieten, als das Leben auf dem Land ihm erlaubt. Vor allem, weil er seinem Sohn eine höhere Schulbildung ermöglichen möchte, verlässt Ben das Dorf und sucht sein Glück in der Stadt Motta. Dort wird er schnell mit der Überheblichkeit der Städter konfrontiert, die Sprache nicht als Kommunikationsmittel, sondern als Mittel der sozialen Distinktion zu benutzen scheinen. Wie Ben muss auch der Leser erst hinter die eigentlichen Bedeutungen ihrer mit Fremdwörtern gespickten Phrasen finden. So hochtrabend der Sprachgebrauch der Figuren in Bezug auf einfache Sachverhalte ausfällt, so sprachlich verständlich werden in dem Roman Lebensweisheiten in einer Fülle von Zitaten und Aphorismen auf den Punkt gebracht. Bereits die Urfassung des Grafen von Motta hatte Damtew mit afrikanischen Lebensweisheiten durchwirkt, um diesen poetologischen Leitfaden in der Neufassung der Erzählung um philosophische Zitate aus weiteren Kulturkreisen zu ergänzen.

Auf der Ebene der Handlung geht Bens Versuch, dem ärmlichen Leben der Landbevölkerung zu entfliehen, mit einer Schatzsuche einher. Spannung generiert Damtew, indem er seine Leser im Unklaren darüber lässt, worum es sich bei dem Schatz handelt, doch lässt er durchblicken, dass es sich um ein Gut handelt, das in einem von Hitze und Dürre geprägten Land von unschätzbarem Wert ist: Wasser. Eindeutig wird diese Lesart bis zuletzt indes nicht.

Zwar schreibt Damtew in kurzen Sätzen, dennoch ist es keine affirmative Lektüre, die der 48-Jährige seinen Lesern vorlegt. Besonders Redewendungen, in denen die afrikanische Denkweise des Autors ihren Niederschlag findet, erschweren bisweilen den Zugang zur Erzählung. Gleichermaßen begründen sie ihren Reiz, kennzeichnen sie den Text doch als genuin afrikanische Literatur. Umso mehr hat es Damtew geärgert, dass ein Wuppertaler Verlag, der sich auf die Literatur Afrikas spezialisiert hat, sein Typoskript ablehnte, wie er überhaupt auf der Suche nach einem Verleger enttäuscht wurde. Vorteil der Herausgabe im Eigenverlag sei nun, dass der Vertrieb für Buchhandlungen attraktiver sei, insofern er ihnen eine höhere Gewinnbeteiligung bieten könne als ein Verlag. Tatsächlich habe sich der Verkauf des Grafen von Motta gut angelassen. In dritter Auflage habe er inzwischen rund 1000 Exemplare seines Werkes verkauft.

Mit seinen Geschichten will Damtew nicht nur unterhalten. Er möchte seinen Lesern die Augen öffnen und zugleich sein Heimatland repräsentieren. Nicht die politische Elite, die unliebsame Bürger einsperrt, foltert oder ganz verschwinden lässt – wie etwa seinen Bruder, einen Journalisten, der ebenfalls nach Deutschland geflohen ist. Als dezidiert engagierter Autor möchte Damtew das Volk repräsentieren, dem er angehört, und auf die Missstände aufmerksam machen, unter denen es zu leiden hat.

Auch der Roman, an dem er derzeit arbeitet, spielt in Äthiopien und wieder spielt die Anpassungsfähigkeit der Menschen eine wichtige Rolle. Denn trotz seiner erschütternden Erlebnisse hat sich Damtew seinen Optimismus bewahrt, was nicht nur im Gespräch, sondern auch zwischen den Zeilen des Romans »Der Graf von Motta« deutlich zu spüren ist.

Teshome Damtew, Der Graf von Motta, Damtew-Buchverlag, 316 Seiten. ISBN: 978-3-00-042145-7, 13,80 Euro

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