03. Dezember 2014, 22:23 Uhr

Stolpersteine gegen Vergessen in Wettenberg

In Wettenberg wurden am Mittwoch Stolpersteine durch den Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt. Das Verlegen dieser erinnernden Steine steht am Ende eines längeren Prozesses von Spurensuche und Aufarbeitung – damit die Opfer des Dritten Reiches nicht in Vergessenheit geraten.
03. Dezember 2014, 22:23 Uhr
Gunter Demnig verlegt den Stein für Mathilde Schwalb in der Wißmarer Bahnhofstraße. (Foto: Ruediger Sossdorf)

Wettenberg (so). »Wir stehen hier für die Aufarbeitung der Verbrechen der Nazis. Vielleicht spät, aber besser spät als nie«, sagte Otwin Balser gestern in den Launsbacher Kirchgärten. Dort verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig Stolpersteine für drei Geschwister Wilhelm, Margarethe und Wilhelmine Bechthold, die unter der nationalsozialistischen Herrschaft ermordet wurden respektive an den Folgen des jahrelang erlittenen Martyriums starben. Die lokale Initiative Stolpersteine, vor gut zwei Jahren in Wettenberg formiert, hat die Schicksale der Bechthold-Geschwister soweit wie möglich aufgearbeitet. Ebenso das Leid und den Tod von Mathilde Schwalb aus Wißmar und die tragische Geschichte von Louis und Klara Schleenbecker aus der Wetzlarer Straße in Krofdorf. Auch an sie erinnern nun Stolpersteine. »Es gibt kein Vergessen«, mahnte Balser in Launsbach und formulierte ebenso wie zuvor Bürgermeister Thomas Brunner in Krofdorf den Anspruch, dass das Erinnern eine dauerhafte Aufgabe und Verpflichtung sein müsse.

Das Verlegen dieser erinnernden Steine steht am Ende eines längeren Prozesses von Spurensuche und Aufarbeitung, und auch die aktuellen Steine zeigen: »Fast alle diese Opfer waren weitgehend bis vollständig in Vergessenheit geraten, und es wäre wünschenswert, diese Menschen und ihr Schicksal auch ausführlicher einer breiteren Öffentlichkeit wiederzubringen«, formuliert Dieter Bender, einer der Motoren der Stolperstein-Gruppe.

Alle drei Verlegungen erhielten eine würdigen Rahmen auch durch die musikalische Begleitung von Nora Schmidt.

Louis und Klara Schleenbecker

In der Wetzlarer Straße in Krofdorf-Gleiberg vor Hausnummer 18 wird an Louis und Klara Schleenbecker erinnert. Ernst Richter vom DGB Mittelhessen skizzierte die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen um 1933, als Louis Schleenbecker, Gewerkschafter und Kommunist, »wie Freiwild gejagt« worden sei. Seine Biografie erinnerte Dieter Bender: Der gelernte Schlosser arbeitete nach dem Ersten Weltkrieg bis Mitte der 1920er Jahre in Lollar bei Buderus, wird dort Betriebsratsvorsitzender. Er ist freier Turner, spielt Theater und ist Mitglied bei den Freireligiösen. Und er war, so die Recherchen von Bender, politisch überaus aktiv in den Dörfern der Region. Bender charakterisiert ihn als einen der Organisatoren des Widerstandes der politischen Linken gegen den Faschismus. Dreimal wird Schleenbecker bereits 1933 verhaftet, ein viertes Mal Anfang Januar 1934. Ihm gelingt die Flucht aus dem Krofdorfer Spritzenhaus, es wird mit öffentlichen Aufrufen nach ihm gefahndet. Über das Saarland und Frankreich flieht er nach Spanien, kämpft dort aufseiten der internationalen Brigaden gegen die Faschisten und flieht dann nach Paraguay. Erst 1946 meldet er sich wieder bei seiner Frau Klara, die mit den Kindern in Krofdorf geblieben war. Er wird zwar als politischer Flüchtling anerkannt, aber die Auszahlung einer von Klara beantragten Wiedergutmachungsrente wird nach Benders Recherchen immer wieder in Frage gestellt. Louis Schleenbecker ertrinkt mutmaßlich 1951 beim Sturz vom Schiff in einen Fluss, seine Frau Klara und die Kinder kämpfen noch Jahre vergebens um Entschädigung. Gestern lasen zur Erinnerung eine Enkelin und eine Urenkelin das Gedicht »Schleenbecker wird gesucht«, geschrieben 1934 von Erich Weinert im Saarland.

Mathilde Schwalb

An Mathilde Schwalb erinnert nun ein Stein vor der Bahnhofstraße 8 in Wißmar: Sie kam, wohl geistig behindert, bereits als fünfjähriges Kind in ein Heim der Diakonie in Bad Kreuznach, wurde 1937 in die Psychiatrie nach Weilmünster verlegt und im Februar 1941 in Hadamar im Rahmen der »Aktion T 4« ermordet. Die wenigen rekonstruierten biografischen Daten trug Antonius Scholten vor; Dr. Gerhard Norske war es vorbehalten, die systematische Ermordung von Kranken und Behinderten in den Jahren 1940 und 1941 zu skizzieren. Deren Tötung wurde seinerzeit mit Begriffen wie Euthanasie (»schöner Tod«) sprachlich verharmlost. Erst als sich 1941 Widerstand gegen diese Praxis öffentlich artikulierte, wurde sie nicht mehr in dieser Form fortgeführt. Man geht davon aus, dass allein 1940/41 rund 70 000 Menschen der Aktion T4 zum Opfer fielen – eine davon Mathilde Schwalb. Selbst Mediziner, würdigte Noeske kritisch auch die Rolle von Ärzten, fühlten sich nicht mehr dem Erhalt von Leben verpflichtet. Der Tod von Mathilde Schwalb sei mithin nicht nur ein Erinnern, sondern auch ein Mahnen in der Gegenwart.

Die Geschwister Bechthold

Margarethe, Wilhelmine und Wilhelm Bechthold, deren Steine vor ihrem Elternhaus in den Launsbacher Kirchgärten verlegt wurden, verloren gemeinsam mit fünf weiteren Geschwistern als Kinder beziehungsweise Jugendliche ihre Eltern. Fünf der Geschwister starben in den folgenden Jahren in psychiatrischen Anstalten. Wilhelm Bechthold wurde 1936 zwangssterilisiert, nach Dieter Benders Recherchen auf Betreiben des damaligen Launsbacher Bürgermeisters. 1940 wird er in den Kalmenhof in Idstein eingewiesen, entgeht zwar der Ermordung im Zuge der Aktion T4, wird aber wenig später, im Januar 1942, in der Phase der sogenannten »wilden Euthanasie« umgebracht, mutmaßlich durch eine Überdosis Schlaf- oder Beruhigungsmittel. Möglicherweise ist er auch verhungert. Die Schwestern Margarethe und Wilhelmine kamen 1922 respektive 1932 über Pflegeheime respektive Aufenthalte im Waisenhaus in die Psychiatrie. Margarethe starb bereits 1940 stark geschwächt und ausgezehrt. Wilhelmine überlebt die Nazizeit zwar in der Psychiatrie, doch im Januar des Hungerwinters 1946/47 stirbt sie wohl an den folgen ihres langjährigen Leidensweges.

Gunter Demnig hat sich die Stolpersteine zur Lebensaufgabe gemacht. Rund 49 000 Steine hat der Künstler in den vergangenen 18 Jahren in vielen Ländern Europas verlegt. Und auch in den Wettenberg-Dörfern werden weitere hinzukommen, denn die lokale Stolperstein-Gruppe will weiterarbeiten und weitere Schicksale erhellen: »Das sind wir den Opfern schuldig.«

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