10. Oktober 2016, 11:12 Uhr

»Der Mord ist eine Kriegserklärung«

(mac). Stefan Schubert gilt als Experte für Bandenkrieg und Rockerkriminalität. Der 46-jährige ehemalige Polizeibeamte kennt auch die Verhältnisse um den ermordeten Gießener Hells-Angels-Boss Aygün Mucuk. Im Interview spricht er über mögliche Folgen dieser Tat und erklärt, wie Rockerbanden ticken.
10. Oktober 2016, 11:12 Uhr
(Foto: pv)

Haben Sie die Auseinandersetzungen innerhalb der Hells Angels zwischen dem Charter Frankfurt und Gießen verfolgt?

Stefan Schubert: Natürlich. Die Auseinandersetzung war in der jüngsten Vergangenheit schließlich in Rockerkreisen das dominante Thema. Allein, dass das Gießener Charter gegen den Willen des Frankfurters gegründet wurde, hat für viel böses Blut gesorgt und zeigt die Zerissenheit der Hells Angels. Die beiden Gruppen sind zuletzt ja auch in Frankfurt immer wieder aufeinandergeprallt.

In einem Beitrag von »Spiegel TV« konnte man vor einigen Wochen sehen, dass sich die beiden Charter ausgesöhnt haben. War das nur Show?

Schubert: Das kann man schlecht sagen. Sicher ist: Es gibt eine tiefe Feindschaft, und es geht um knallharte Geschäftsinteressen. Die Frankfurter gelten nach dem Hannoveraner Charter von Frank Hanebuth als das finanziell erfolgreichste und mächtigste. Sie haben sehr viel Geld mit Prostitution im Frankfurter Rotlichtmilieu verdient. Es geht ausschließlich um Geld und Macht.

Dieser Kampf hat jetzt mit dem Tod eines Präsidenten eine neue Eskalationsstufe erreicht.

Schubert: Das ist wirklich harter Tobak. Es gibt ja nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist in Wißmar ein Streit eskaliert, und er wurde spontan erschossen. Das ist aber unwahrscheinlich, da niemand etwas gehört hat und auch die Uhrzeit nicht passt. Dann muss es also ein Auftragsmord gewesen sein. Und das ist in der Tat eine Eskalation, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Der Erschossene ist einer der führenden Hells Angels der türkischen Fraktion in Deutschland mit guten Kontakten nach Skandinavien und zu Necati Arabaci, der Rotlichtpate aus Köln, der aus Izmir mitbestimmt, was bei den Hells Angels passiert. Dass deren »Statthalter« erschossen wurde, ist in der Szene eine Kriegserklärung. Anders kann man das nicht sagen.

Müssen wir in Gießen mit weiteren Auseinandersetzungen rechnen?

Schubert: Eine Antwort seiner Leute aus Gießen wäre nur die logische Folge. Möglicherweise breitet sich die Fehde aber auch wieder nach Frankfurt aus. Das Gießener Charter ist von muskelbepackten Bodybuildern mit Migrationshintergrund aus dem Rotlichtmilieu geprägt, die ihre 100 000 Euro teuren Schlitten durch die Gegend fahren. Für die wäre es ein enormer Gesichtsverlust, wenn sie darauf nicht reagieren würden. Eine Eskalation ist wahrscheinlich.

Dass der oder die Täter aus anderen Rockergruppierung kommen, kann man ausschließen? In Gießen ist zuletzt eine Gruppierung aufgetaucht, die sich Bahoz nennt.

Schubert: Das ist eine kurdische Straßengang, die sich aus anderen Gruppen in Baden-Württemberg gegründet hat. Die haben sich mit den Osmanen Frankfurt bekriegt und ihnen vorgeworfen, aus türkischen Nationalisten zu bestehen. Die Osmanen haben sich wiederum mit dem Charter des Erschossenen solidarisch erklärt. Das hat auch vielen nicht gefallen. So hat sich der Bruch zwischen deutschen und türkischen Hells Angels immer weiter verstärkt. Man sieht das auch daran, dass Aygün Mucuk den Umweg über Skandinavien gegangen ist. Man darf nicht vergessen, dass das eine weltweite Organisation ist mit sehr viel Einfluss aus Skandinavien und den USA. Der Mord in Gießen wird international Aufsehen erregen.

Gibt es im Gießener Charter einen natürlichen Nachfolger?

Schubert.: Nein. Ein Charter wird von fünf Leuten geführt, darunter der Präsident und ein Waffenminister, wenn man so will. Das heißt aber nicht, dass daraus einer aufrückt. Der Nachfolger wird im Charter bestimmt. Das ist hochsensibel. Da werden Leute aus Izmir und Skandinavien und auch deutsche Hells Angels einbezogen. Es spielt sehr viel Machtpolitik eine Rolle. Das war nicht nur ein Mord, denn es werden sich dadurch auch Machtverhältnisse verschieben.

Sie beobachten die Rockerszene seit vielen Jahren. Wie hat sich das Milieu entwickelt?

Schubert: Das Thema ist vor sechs oder sieben Jahren hochgekommen. Damals hat es noch keiner wahrgenommen. Auch die Innenminister der Länder nicht. Die haben immer von Einzelfällen gesprochen. Das föderale System mit 16 Innenministern, die alle ihr eigenes Süppchen kochen, hat den Rockern geholfen. Die Politik hat nicht kapiert, dass ein Mord in Gießen Auswirkungen in Nordrhein-Westfalen und Hamburg haben kann. Die Jahre bis zur Erkenntnis haben die Clubs genutzt, um Strukturen zu etablieren. Die folgenden Kutten-verbote waren bloß Alibipolitik, um den Bürgern Sicherheit zu suggerieren. Die Rocker sind nun zwar nicht mehr mit Kutten herumgefahren, verschwunden sind die Männer im Rotlichtmilieu aber nicht, und sie haben dort natürlich auch weiter Geld verdient.

Geht von den Hells Angels für die Bevölkerung in Gießen eine Gefahr aus?

Schubert: Eigentlich schießen sie nur auf andere Kriminelle. Aber sobald sie im öffentlichen Raum – Cafés, Bars, Kneipen – aufeinandertreffen, nehmen sie keine Rücksicht. Dabei können natürlich Unbeteiligte zu Schaden kommen. Das ist alles schon passiert. Man muss sich im Klaren darüber sein, dass viele Leute in diesem Milieu bewaffnet sind.

Und die Behörden sehen weg?

Schubert: In vielen Städten ist es auch ins Gegenteil umgeschlagen. Dort will sich die Politik auf Kosten der Rocker profilieren. Wenn da mal drei Hells Angels in einer Kneipe ein Bier trinken, kommt eine Hundertschaft zur Personenkontrolle. Es ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Man muss aber auch sagen, dass die Polizei in den vergangenen beiden Jahren andere Brandherde hatte, dadurch konnten die Rocker wachsen. In diesem Jahr sind viele Morde passiert – in Berlin zwei, in Hamburg, in Leipzig auf offener Straße. Es ist bundesweit zu beobachten, dass die Gewaltbereitschaft und die Bereitschaft, jemanden zu töten, extrem zugenommen haben.

Der Mord in Wißmar ist jetzt der Gipfel?

Schubert: Einen Präsidenten zu ermorden, ist schon ein Sache für sich. Das gab es noch nicht oft – selbst international nicht. Wenn aber jemand so in die Öffentlichkeit drängt wie Mucuk und auch Interviews gibt, an Schießereien und Angriffen auf andere Hells Angels beteiligt ist, wie zuletzt in einem Frankfurter Hotel bei einem als Schlichtungsgespräch geplanten Treffen, dann rückt man natürlich ins Fadenkreuz.

Könnte es also auch sein, dass der Auftrag für den Mord von ganz oben erteilt worden ist, um für Ruhe zu sorgen?

Schubert: Das kann man nicht ausschließen. Wenn man sich die Historie in den USA und Kanada anguckt, gab es dort regelrecht Kriege mit bis zu 200 Toten. Erst Jahre später ist die Polizei dank vieler hochrangiger Kronzeugen hinter die Strukturen gekommen. Ein Auftragsmörder der Hells Angels, der trotz gestandener 43 eigenhändiger Morde, ins Kronzeugenprogramm aufgenommen wurde sagte aus, dass jeder dieser Morde von ganz oben abgesegnet war. Diese Gruppen sind militärisch organisiert. Auch ein Indiz dafür, dass Mucuk nicht spontan erschossen wurde.

Wie lange läuft der interne Krieg bei den Höllenengeln schon?

Schubert: Schon länger. Es hat damit angefangen, dass Frank Hanebuth damals Leute von den konkurrierenden Banditos angeworben hat, da den Hells Angels drohte, dass sie Macht verlieren. Viele Hells Angels haben das kritisch gesehen. Die Leute, die in den Club geholt wurden, sind nie mit den anderen zusammengewachsen – und jetzt eskaliert das immer mehr.

Zur Person
Stefan Schubert (Jahrgang 1970) war Polizist bei der Bundespolizei und der Landespolizei NRW. In seinem ersten Buch »Gewalt ist eine Lösung« (riva, 2010) schrieb er über sein achtjähriges Doppelleben als Fußballhooligan und Polizist. Mittlerweile ist Schubert bundesweit anerkannter Experte in Sachen Rockerbanden und Sicherheit. Er hat mehrere Bücher zu diesem Thema veröffentlicht. Eine Drohung aus Rockerkreisen habe er noch nicht erhalten. Schubert sagt: »Dazu sehe ich auch keinen Anlass, denn ich gebe nur die Realität wieder.«

Schlagworte in diesem Artikel

    Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Mehr zum Thema

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.