17. September 2013, 20:38 Uhr

Polizei in Sorge - oder: »Hilfe, der Kinderfänger ist da!«

Gießen/Staufenberg (bf/no). Die Polizei in Gießen ist in Sorge. Was die Beamten umtreibt: Aus zwei Kreisgemeinden werden versuchte Kindesentführungen bzw. verdächtige Ansprache durch Fremde gemeldet. Parallel dazu türmt sich unter Kindern, Elternschaft und in der Bevölkerung ein Hype auf, der rational nicht mehr fassbar erscheint und durch soziale Netzwerke unkontrollierbar gesteigert wird. Ausführlich wie lang nicht mehr nahm am Dienstag Polizei-Pressesprecher Willi Schwarz zum Sachverhalt Stellung.
17. September 2013, 20:38 Uhr
Willi Schwarz, Polizei-Pressesprecher in Gießen

Mit dem sensiblen Thema sei die Polizei fast täglich konfrontiert, konstatiert Schwarz. Alle Gerüchte und Falschmeldungen aber schürten Ängste, schürten Sensationslust an, stünden einem professionellen Umgang mit mutmaßlichen Tatbeständen entgegen. Eine zunehmend große Rolle nähmen dabei Mitteilungen in den sozialen Netzwerken ein.

Um nicht missverstanden zu werden: »Die Polizei bittet weiterhin um Mitteilungen über verdächtige Umstände, insbesondere, wenn es um den Schutz von Kindern geht!«

Immer »Johanna Bohnacker« vor Augen

»Der schmale Grat zwischen Information und Panik«, titelte vor Jahren die »Frankfurter Rundschau« einen Bericht über einen neuen Fall eines angeblichen Versuchs des Missbrauchs von Kindern, der Eltern und Lehrkräfte in der Wetterau bewegte. Schwarz kennt sich aus, war bis 2009 viele Jahre Polizei-Pressesprecher in Friedberg. Bis heute hat er den Fall »Johanna Bohnacker« vor Augen, die zu seiner Zeit in Ranstadt entführt und Monate später bei Alsfeld ermordet aufgefunden worden war. Dass der Mörder des Kindes noch nicht gefasst ist, lässt ihn nicht ruhen.

In allen Fällen wird ermittelt

Über all die Jahre, sagt Schwarz, sei das Problem unverändert geblieben. Fast täglich würden, auch im Gießener Land, Fälle bekannt, bei denen Kinder ins Auto gezerrt werden sollten, Süßigkeiten und Geld angeboten bekamen, ein Mann ihnen Haustiere zeigen wollte und ähnliches. Vieles davon werde »warnend weitererzählt; nur einige erreichen die Polizei«. Was ihr aber angetragen werde, der Behörde, führe zu Ermittlungen; meist durch die Kriminalpolizei.

90 Prozent nur »Irrtum oder Erfindung«

»Nur in wenigen Einzelfällen veröffentlichen wir etwas darüber. Dies erfordert der verantwortliche Umgang mit der sensiblen Materie«, erklärt Schwarz. Der erfahrene Polizist nämlich schätzt, dass sich »weit über 90 Prozent der Fälle als Irrtum oder Erfindung herausstellen«.

Beispiel: Da beobachtet eine Mutter aus der Entfernung, wie ihre Tochter und eine Mitschülerin in ein Auto »gezerrt werden sollen«. Was war? Der Autofahrer war ein Lehrer, der angeboten hatte, die Freundinnen zur Schule mitzunehmen. Als das andere Kind abgelehnt hatte, war er weitergefahren.

Beispiel: Weiter wurde gemeldet, ein Kind sei »in ein Postfahrzeug gezogen worden«. Wie sich bei der Fahndung herausstellte, war der Fahrer des Postfahrzeuges der Vater des Kindes.

Öffentliche Reaktion ist anders

»Die Polizei kann damit umgehen«, urteilt Schwarz. »In der Öffentlichkeit aber kann es zu anderen Reaktionen kommen.« Das nähme man dann noch als Ermittlungsbehörde gern in Kauf. Umgekehrt: Würde die Polizei all diese Fälle publizieren, würde sie die Ermittlungsergebnisse veröffentlichen, es reduzierte womöglich die Sensibilität und Mitteilungsbereitschaft der Bevölkerung.

Geschichten von Ermittlungen widerlegt

Deutlich heikler sind die Fälle, in denen Kinder oder Erwachsene wissentlich oder irrtümlich Falschmeldungen verbreiten.

Beispiele hierzu: So erklärte ein Siebenjähriger (!), von einem Älteren zu Straftaten angestiftet worden zu sein. Andere wurden von einem schwarz gekleideten Mann auf dem Schulweg oder gar in der Schultoilette angesprochen, bedroht oder gelockt. In einem weiteren Fall wurde ein Mann mit Frauenkleidern beschrieben, der Kinder mitnehmen wollte. Autos werden benannt - und mutmaßliche Tatverdächtige ermittelt. Das End vom Lied, von Schwarz auf den Punkt gebracht: »Die Geschichten hielten den Ermittlungen nicht stand.«

Gleichwohl werde man im Falle einer konkreten Mitteilung ermitteln. Denn oberhalb der 90 Prozent bleibt eine Art Restrisiko, bei knapp zehn Prozent ein nicht unerhebliches zudem. »Wir haben auch in Mittelhessen schon Pädophile und Gewalttäter ermittelt«, sagt Schwarz.

Schutz der Beteiligten hat Vorrang

Bei Irrtümern und Falschmeldungen sehe man von Pressemitteilungen ab, um Betroffene nicht als Lügner zu stigmatisieren. »Das betroffene Kind (...) wurde zuvor von seiner engeren und weiteren Umgebung stark emotionalisiert als Opfer aus der Anonymität gehoben. Stellt sich nun heraus, dass die Geschichte nicht stimmte, kann es sich vermutlich der Verachtung gewiss sein und muss mit dem Makel leben.« Hinzu kommen eventuell Diffamierungen Unschuldiger, die in den Gerüchten als Tatverdächtige abgestempelt werden. Was besonders schlimm werden kann, wenn derjenige vielleicht schon gesundheitlich angeschlagen ist.

Warnmeldungen mit Polizei absprechen

Schwarz spricht hinsichtlich der Veröffentlichung solcher Fälle - und die ist schon lang nicht mehr allein eine Angelegenheit der (gedruckten) Presse, von Hörfunk und Fernsehen - von »allgemeiner Verantwortung«. Hier seien eben nicht nur Polizei und Journalisten gefordert. So verständlich sie seien: Warnmeldungen der Schulen oder Kindergärten, geschrieben aus Besorgnis, erreichten häufig gerade das Gegenteil. Mindestens sollten sie mit der Polizei vorher abgesprochen werden.

Vorfall in Hungen laut Polizei »haltlos«

Vor wenigen Tagen machte demnach in Hungen folgende Geschichte die Runde: Eine Neunjährige sei von einem etwa 30 bis 40 Jahre alten unbekannten Mann in verdächtiger Weise angesprochen worden, der sie in das Krankenhaus zur Mutter habe bringen wollen, da die Frau einen Autounfall gehabt habe. Faktenlage aus Polizeisicht: »Die daraus resultierenden Schilderungen verbreiteten sich in Windeseile, obwohl sich die Geschichte durch die Ermittlungen der Kripo als haltlos erwies.«

»Hysterische Ausmaße« in Staufenberg

Geradezu »hysterische Ausmaße« kennzeichnen laut Schwarz aktuelle Schilderungen eines in Staufenberg verorteten Falles. Auch hier sei Tatsache: Die ersten Überprüfungen der Polizei zeigten, dass die Anschuldigungen so nicht zuträfen.

Was war geschehen? Der Polizei war am Montag von einer Mutter berichtete worden, ein Unbekannter habe ihre Söhne - acht und zehn Jahre alt - in den vergangenen zwei Wochen dreimal in Staufenberg angesprochen; letztmals am Sonntag. Der Mann habe sich den Kindern im Bereich der Grundschule mit einem weißen Pkw genähert und sie gefragt: »Was macht ihr? Wo geht ihr hin?«

Dann kam Facebook ins Spiel

Gleichgelagerte oder ähnliche Vorfälle waren der Polizei aus Staufenberg und Umgebung bis dahin nicht bekannt. Indes: Noch während der Ermittlungen und ohne Abstimmung mit der Polizei sei der geschilderte Vorgang bereits von privat via Facebook in Umlauf gebracht worden, schildert Schwarz weiter, samt Warnung vor dem Mann mit dem weißen Pkw. Und Facebook kennt keine Ortsgrenzen.

Schnell war ein weißes Autos am Mainzlarer Sportplatz ausfindig gemacht. Nur hatte der Fahrzeugbesitzer, laut Polizei, »nachweislich nichts mit dem Vorgang zu tun hatte«.

Wo ist der Fahrer mit dem weißen Pkw?

Die Befragung der Schüler durch die Kripo dagegen ergab folgenden Sachverhalt. Sie hatten mit einem Freund an der Grundschule gespielt. Einer der Jungs war mit seinem Rad vom Schulhof auf die Straße vor ein weißes Auto gefahren. Der Fahrer hatte stoppen müssen - und anschließend den Jungen mit dem Finger gedroht, die Tür geöffnet und geschimpft. Einer der Jungs habe dem Autofahrer mit einer Handbewegung vor dem Gesicht angedeutet, er, der Erwachsene, sei bescheuert. Die Kinder fuhren weg, und der Autofahrer sei ihnen ein Stück gefolgt.

Schwarz: »Ob es sein normaler Fahrweg war oder er ihnen verärgert nachfuhr, ist noch unklar.« Die Aussage, dass er sich ihnen schon dreimal genähert habe, sei von den Kindern relativiert worden: Eine Junge gab an, den Mann schon zweimal in dem Gebiet gesehen habe. »Von daher kann es auch sein, dass es sich um einen Ortsansässigen handelt. Wir bitten deshalb den Fahrer des weißen Pkw, sich zur endgültigen Klärung des Sachverhaltes zu melden.«

Wenn sich vermeintliche Angst echt wird

Damit nicht genug. Die Verbreitung der Geschichte führte zu weiteren Verängstigungen, bei Erwachsenen wie bei Kindern. Beim Ermitteln in der Clemens-Brentano-Europaschule bildeten sich jeweils Schülertrauben um die Beamten.

Eine Schülerin sagte dort, der Autofahrer habe versucht, einen Jungen ins Auto zu zerren. Was war? Eine 17-Jährige hatte am Montag die Facebook-Warnung gelesen und ihrer Mutter davon berichtet, die dann den verängstigten Bruder des Teenagers warnte. Und der wiederum berichtete am Dienstag der Mutter unter Tränen, den Mann mit dem weißen Auto gesehen zu haben. Der Fremde habe gehalten, mit dem Handy telefoniert und »böse geguckt«.

Panik: »Der Kinderfänger ist da!«

Diese Schilderung wurde dann, das ist Erkenntnis der Polizei in Gießen, »so weit interpretiert«, dass der Junge angeblich ins Auto gezerrt worden sei. Steigerungen waren da nicht nur möglich, sondern Realität: Die Polizisten erfuhren zum Beispiel, dass ein Junge, nachdem er ein weißes Auto gesehen habe, über den Schulhof gelaufen sei und hysterisch geschrieen habe: »Der Kinderfänger ist da!«

Polizei um Moderation bemüht

Die Ermittlungen in der Sache dauern an. Der Fahrer des weißen Pkw vom Vorfall an der Grundschule Staufenberg wird gebeten, sich bei der Kriminalpolizei zu melden unter Telefon 0641/7006-2555. Darüber hinaus wollen die Ermittler auch mit dem Arbeitgeber des Fahrers des weißen Pkw vom Mainzlarer Sportplatz sprechen, damit der Mann nicht aufgrund der dortigen Überprüfung in einen falschen Verdacht gerät.

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