22. August 2012, 15:03 Uhr

Peter Kurzeck erzählt das Dorf seiner Kindheit

Hier in Oberhessen kennt ihn das literarisch und lokalhistorisch interessierte Publikum seit etlichen Jahren, den aus Böhmen stammenden und in Staufenberg aufgewachsenen Schriftsteller Peter Kurzeck. Derzeit schwärmen Feuilletonisten im Alpenländischen von ihm, und wir lassen zwei von ihnen hier zu Wort kommen.
22. August 2012, 15:03 Uhr
Das Museum Chasa Jaura in Valchava an der Grenze zu Südtirol zeigt bis zum 18. Oktober »Ein Sommer, der bleibt«. Dort erzählt der Staufenberger Ehrenbürger Peter Kurzeck das Dorf seiner Kindheit.

Der Schriftsteller Peter Kurzeck, 1943 in Böhmen geboren, als Flüchtlingskind im Nachkriegsdeutschland aufgewachsen, ist ein Erinnerungsvirtuose, ein Erzähler der Zeit. Mit ausgesuchten Hörstücken seiner Originalerzählungen »Ein Sommer, der bleibt« sowie handschriftlichen Manuskriptblättern lädt das Museum Chasa Jaura Valchava ein, diesen vielfach ausgezeichneten Autor zu entdecken. In Valchava kann man das eigenwillige Kurzeck-Universum erstmals im Kontext eines Museums erleben. »Ein Sommer, der bleibt« ist auch in der Ausstellungstradition des Hauses eine Premiere, denn hier entstehen die Bilder, vom Hören der Texte inspiriert, im Kopf der Besucherinnen und Besucher.

Wie auf einem Tonteppich wandert man durch die Museumsräume. Die sinnlich intensiven Beschreibungen, Erinnerungen und Geschichten, vom Autor suggestiv gesprochen, ziehen einen von der ersten Minute an in ihren Bann. Sie lassen bewegende Bilder einer vergangenen Zeit entstehen, erschaffen ein Epochengemälde und stoßen zugleich eigene Erinnerungen an.

Manuskriptblätter erstmals zu sehen

 

Gemäß dem Konzept des Hauses, Altes und Neues unter einem Dach zu zeigen, werden auch die historischen Räume des Heimatmuseums mit zeitgenössischer Kunst bespielt. Bei Peter Kurzeck wurden Passagen aus den insgesamt fünf Stunden Audio-Material thematisch passend zu den jeweiligen Räumen ausgesucht. Lauscht man in der Stüva den ersten Kapiteln, so fühlt man sich nicht nur in die erzählte Zeit zurückversetzt, sondern auch in jene Epoche, in der an langen Abenden im Familienkreis Geschichten erzählt wurden. In der Schwarzen Küche zum Beispiel geht es um das Mohnmühlchen und die Suche nach Mehl fürs Brotbacken, in der Schlafkammer um Wärmflaschen und in der Käserei um Markenbutter.

Als Ergänzung zu den Hörstücken geben die im Saal gezeigten Manuskripte und Skizzenblätter Einblicke in die Entstehung von Kurzecks Texten. Da wurde gestrichen, zwischen die Zeilen oder an den Rand geschrieben, da stehen Kringel und Sternchen, die markieren, wohin etwas gehört. Die Seiten sind geradezu überflutet von handschriftlichen Korrekturen, was ihnen einen besonderen visuellen Reiz verleiht und sie zu eigenständigen Kunstwerken macht.

Peter Kurzeck ist ein Zeitmaler. Er erzählt Alltägliches so, dass etwas Besonderes daraus wird. Seine Texte sind wie Zeichnungen: dicke Schraffuren im Hintergrund, fein gestrichelte Details im Vordergrund. Kurzeck ist ein konservativer Autor im ursprünglichen Wortsinn – er bewahrt auf. Er schaut ganz genau hin – und kommt aus dem Staunen über die Welt nicht heraus. Ihm wird zum berichtenswerten Ereignis, was sonst kaum je registriert wird. »Wenn man sich nicht erinnert, dann ist es wie nicht gewesen.« sagt Kurzeck in seinem jüngsten Roman »Vorabend«.

Dieser Satz könnte auch als Motto über einem Heimatmuseum stehen. Deshalb ist dem Museum Chasa Jaura Valchava mit der Ausstellung 2012 ein besonderer Wurf gelungen. Hier wird die Erinnerungsarbeit eines Autors zusammengeführt mit der Welt, die in einem Heimatmuseum bewahrt wird. Kurzeck macht mit Sprache das, was das Museum mit den Dingen tut – bewahren, im Gedächtnis behalten, Erinnerungen anstiften. Gerade in unserer schnelllebigen Zeit wird es immer wichtiger, dem Vergessen und dem Werteverlust etwas entgegenzusetzen.

Mit der Ausstellung »Ein Sommer, der bleibt« wird das Erinnern selbst zum Thema, ja: zum Ereignis. Hier das liebevolle Zeigen historischer Alltagsgegenstände – dort das Literatur gewordene Erzählen. Hier das bäuerliche Leben des Münstertals – dort die Nachkriegszeit in der hessischen Provinz.

Die Ausstellung ist nicht nur ein höchst sinnliches Vergnügen, sie dürfte auch das Bewusstsein für das Bewahrenswerte und Wertvolle schärfen. Man sollte ein wenig Zeit mitbringen, um die Erinnerungsbilder wirklich genießen zu können. Je mehr man hört, desto mehr Fragen, die sich zwischen den Zeilen aufdrängen, stellt man sich selbst. Wer sich auf die Erzählungen einlässt, wird reich belohnt werden. Constance Hotz

Staufenberg – bis unters Dach

 

Peter Kurzeck war ein Flüchtlingskind des Zweiten Weltkriegs (…). Seit 1979 ist er dabei, schreibend »Das alte Jahrhundert« – so der Arbeitstitel – in seinen Erinnerungen festzuhalten. Zwölf Bände soll die Edition umfassen, beim fünften Teil (»Vorabend«) ist er angelangt und man liest sich atemlos durch das 1015-seitige Werk.

Doch in Valchava liest man nicht, da sieht und hört man. Zunächst einmal steht man wortlos vor den Hunderten von Manuskriptblättern, die einzeln und in Gruppen, schlicht gerahmt, in winzigen Fetzen, auf karierten Blättern und ganzen Tagebüchern entnommen, die Wände füllen. Peter Kurzeck schreibt zunächst mit der Hand, auf alles Papier-Ähnliche, in schwungvoller Schrift, korrigiert in allen Farben, wechselt dann zur Schreibmaschine. Computer verachtet er – vom Lektor verlangt er viel. Das Resultat ist eine malerische Ansammlung einzelner Kostbarkeiten, die sogartig zum Lesen oder Entziffern verführt.

Doch da hört man auch schon eine unaufgeregte, helle Stimme, der nachzugehen es sich lohnt. Hier im Heimatmuseum erzählt einer von Heimat. Vom Keller bis zum Dachboden begegnet man diesem Sprechton, und wahllos lässt man sich vielleicht erst einmal auf einer Holzbank in der Stüva oder auf einem Melkschemel im Käsekeller nieder. In sieben Hörstationen hört man Peter Kurzeck die Geschichte vom Dorf seiner Kindheit, »den Sommer, der bleibt«, erzählen, auf CDs festgehalten – eine gedruckte Version gibt es davon nicht. Kann ein Sommer bleiben? In einem mitreissenden Erzählstrom erfahren wir von einem solchen Sommer – zumindest in der Erinnerung.

So (…) hören wir Erinnerungen aus einer Zeit, die ferne zu liegen scheint und doch hochaktuell mit all ihren Geschehnissen auch die heutige ist. Ohne je larmoyant zu sein, vielmehr mit wehmütigem Humor und Witz, mitunter in ganz kurzen Dialekt-Passagen, erfahren wir, wie es damals war. Kurz nach dem Krieg, wie Dörfer noch ländliche Idyllen waren, wo jeder jeden kannte, wo Hühner und Gänse einen Namen hatten, wo Jahreszeiten noch erfahren und herbeigesehnt wurden, wo Kinder in Flüssen und Teichen badeten, wo Staub aufwirbelte, wenn ein Heuwagen durchs Dorf fuhr.

Vom unmerklichen Schwinden

 

Endlose Sommerferienwochen breiten sich aus (…). Da ist vom Mohnmühlchen und einem fadenscheinigen Mehlsäckchen die Rede, von duftenden Broten in der Staufenberger Dorfbäckerei, von Obsternte und Eingemachtem, von hellem Sommerlicht und spärlicher, aber ausreichender Straßenbeleuchtung, von Kerzen und Stromsperre, von Spielsachen, die miteinander reden, von Glühwürmchen und fliegenden Ameisen, vom Nachkriegsweihnachtsbaum, auch von »Flüchtlingsgemeinschaftswohnungen« und von Schlittenfahrten und Waschtagen.

Kurzeck erzählt von den Dingen, nicht von sich, obwohl es seine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse sind, die er beschreibt. Immer schwingt ein feiner Humor in seinen Worten mit. Er zeichnet eindringlich und mitreißend Menschen, Situationen, Befindlichkeiten und verzichtet nicht, in ebenso lakonischen Worten den Bau moderner Straßen festzuhalten, das unmerkliche Schwinden der ländlichen Ruhe und Beschaulichkeit.

Das kennen wir alle – hier hören wir davon und sind betroffen. Gisela Kuoni

*

Dr. Constance Hotz (* 1954) lebt als Texterin und Autorin am Bodensee und im Val Müstair. 2007 erschien ihr Roman »Vier Tage im März«, der in Müstair spielt. Die Journalistin Gisela Kuoni lebt in St. Gallen, schreibt unter anderem für das Schweizer Kunstbulletin, eine Zeitschrift für zeitgenössische Kunst. Das Museum Chasa Jaura in Valchava (gelegen auf halber Strecke zwischen Davos/St. Moritz und Meran) findet man unter www.museumchasajaura.ch im Internet (u.a. Öffnungszeiten). Die nächste Kurzeck-Lesung im Mittelhessischen findet am 13. Oktober in Wetzlar im Harlekin (Güllgasse / Altstadt) statt. (no)

Zum 70. Geburtstag im Juni 2013:

Erika Schmied arbeitet an Kurzeck-Fotodokumentation

»Wenn, dann geht das nur jetzt, also zu seinem 70. Geburtstag im kommenden Jahr!« In Vorchdorf/Oberösterreich arbeitet Erika Schmied an einer Fotodokumentation über Peter Kurzeck. Die Ehefrau des Kunsthistorikers und -kritikers, Literaturwissenschaftlers und Schriftstellers Wieland Schmied ist Fotografin, Grafikerin und Kunstgeschichtlerin, gestaltete mehr als 30 Jahre die Zeitschrift »Merian«, war als Redakteurin zuständig für Themen zu Kunst, Architektur und Archäologie. Zusammen mit ihrem Mann veröffentlichte sie unter anderem Fotobücher über Thomas Bernhard.

Für das Kurzeck-Buch sucht sie dringend noch Fotos aus den 1950ern vom früheren Lollarer Kino, von »der Hütt« (Buderus), von der Waage (beim heutigen »Sorento«) und von »der Schamott« (Didier). Wer helfen kann, wendet sich an Ilona Fuchs (CBES-Mediothek), Telefon 0 64 06/8 30 05 29. (no)

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