05. Dezember 2013, 09:48 Uhr

Peter Kurzeck auf dem Hauptfriedhof bestattet

Frankfurt/Staufenberg. Kalt, nass, grau. Ein Bilderbuchnovember. Das war gestern der Rahmen für die Trauerfeier für Peter Kurzeck. Über 300 Menschen waren zum Frankfurter Hauptfriedhof gekommen, um ihm ein letztes Mal Adieu zu sagen.
05. Dezember 2013, 09:48 Uhr
Gewann F. Nummer 996: Pfarrerin Christiane Bastian (links vorne) zusammen mit Peter Kurzecks Tochter Carina bei der Beisetzung auf dem Hauptfriedhof. Unter den über 300 Trauergästen ist auch Kurzeck-Weggefährte Harry Oberländer (rechts). (Foto: no)

Der Staufenberger Ehrenbürger und Schriftsteller war am Montag, 25. November, infolge mehrerer Schlaganfälle gestorben. »Bei Peter Kurzeck gab es keine Trennung von Leben und Literatur«, sagte Harry Oberländer, Geschäftsführer des Hessischen Literaturforums im Mousonturm, »er schrieb auf, was er erlebte und lebte in der Welt, die er sich schreibend erschuf.« So habe Kurzeck das alte Jahrhundert erzählt. »Unser Jahrhundert.«

Gewann F. Nummer 996. Dort liegt Peter Kurzeck begraben. Ebenfalls auf dem Hauptfriedhof haben Schopenhauer, Adorno, der Gießener Kabarettist Matthias Beltz und erst kürzlich Marcel Reich-Ranicki ihre letzte Ruhestätte gefunden. Auf dem Holzkreuz, um das sich die Trauergemeinde – und mit ihr Kurzecks Tochter Carina, Verlagschef KD Wolf, der Wetterauer Schriftsteller Andreas Maier und Staufenberger Freunde wie Horst Münch und Roland Heger – versammelt hat, steht ein Name und zwei Daten: Peter Kurzeck. Geboren 1943. Gestorben 2013. 70 Jahre. Ein Leben wie ein Wettrennen gegen die Zeit. So viel musste noch gesagt, so viel noch geschrieben werden. Die Zeit war am Ende schneller.

Oberländer ist ein Weggefährte Kurzecks. Begegnet waren sie sich in den 1970ern – im Verlag Stroemfeld/Roter Stern, in dem alle Werke Kurzecks erschienen sind. In seiner Rede blickte der Lyriker auf das Schaffen Kurzecks zurück und fing dort an, wo dessen Ende begann: im Sankt-Katharinen-Krankenhaus in Frankfurt. In den letzten Wochen erblindet, sei Kurzeck sich seiner Situation bewusst gewesen, habe darüber sprechen können. »Es war dunkel, es war schwarz um ihn. Der Zug raste der Nacht zu«, sagte Oberländer, »Peter Kurzecks Reise hat am 25. November das Ende der Nacht erreicht.«

Ins Leben zurückrufen würde er Kurzeck gerne, sagte Oberländer, damit dieser weitererzählen, seine Geschichten diktieren könnte. Selbst wenn er blind bliebe und die Schreibmaschine nicht mehr bedienen könne. »Du kannst sicher sein, dass wir Dir gerne zuhören werden, noch zehn, noch zwanzig Jahre«, sagte Oberländer. »Erzähl, Peter, erzähl. Mach solange weiter, bis sie Dir eines Tages doch noch den Büchnerpreis geben. Du brauchst ihn natürlich gar nicht, wärest aber selbst später freundlich genug, ihn anzunehmen.« Lachen in der Trauerhalle.

Das Kriegsende und die Vertreibung seien Ursache seiner Begabung gewesen, seines »gewaltigen und in allen Details präzisen Gedächtnisses«, sagte Oberländer. Als Kind habe er zusammen mit seiner Schwester einen Tieffliegerangriff erlebt. Der Lyriker zitiert Kurzeck: »Ich war überzeugt, das ist das Ende der Welt. Von da an dachte ich, dass ich nie mehr etwas vergessen darf [...], um einen Sinn zu finden, um nicht verrückt zu werden.« Noch so ein Kurzeck-Satz: Die Welt vor dem Verschwinden retten.

Für Oberländer spielt Kurzecks schwarzes Buch in dessen Biografie und Werk eine Schlüsselrolle. »Es widerlegt die Lesart seiner späteren Werke, nach der er ein rückwärtsgewandter Nostalgiker und Idylliker sei.« Vielmehr sei es die Vorgeschichte seines Erzählens. Und damit für die Staufenberger Bücher, wie Oberländer die weiteren Romane Kurzecks nennt. Die Geschichte, wie aus dem Dorf, in dem der Schriftsteller als Zehnjähriger »jede einzelne Milchkuh, jedes Wetter und jeden mageren müden Zugochsen gekannt hatte, [...] in dem die Tage bewohnbar waren, in noch nicht einmal einem halben Menschenalter ein autogerechter Ort werden konnte, zum Durchfahren im vierten Gang, ohne Blick und ohne Gedanken«. Oder die Geschichte, wie Kurzeck dem Teufelslustgärtchen, »dem abhandengekommenen Stadtviertel Gießens wieder Leben eingehaucht und Dauer verliehen hat«. Wie die Manischen und Jenischen sei auch Kurzeck ein »lebenslanger Nomade oder Bohemien« gewesen. Und wie war das mit Friedberg...?

Bürgermeister Peter Gefeller sagte, Staufenberg sei 1946 dem damals dreijährigen Kurzeck zur Heimat geworden, das Dorf seiner Kindheit sei ihm »zugefallen«, sagte er. »Aber er hat sie durch sein literarisches Schaffen für sich, aber vor allem für viele andere erarbeitet und damit unvergänglich gemacht.« Seine Kindheit, »die nie schöner und freier sein kann als in einer dörflichen Umgebung«, habe Kurzeck das Beobachten gelehrt. »Aus seinen Erinnerungen«, betonte Gefeller, »kann der Menschen niemals vertrieben werden«.

Professor Felix Semmelroth, Kulturdezernent der Stadt Frankfurt, würdigte Kurzeck als »Chronisten der Straßen, Häuser und Menschen«, der mit seiner »feinen, unprätentiösen und bescheidenen Art, mit seinem altmodischen Charme« berührt habe. Mit ihm gehe ein Autor von nationalem Rang verloren. »Er hat den kleinen Augenblicken Größe geben. Bis das erkannt worden ist, dauerte es lange. Zu lange.« Kays Al-Khanak

Schriftsteller Kurzeck im Alter von 70 Jahren gestorben Erinnerungen an Peter Kurzeck bleiben Glockenläuten erinnert an verstorbenen Peter Kurzeck

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