29. Oktober 2009, 17:36 Uhr

Verzweifelter Kampf gegen unabwendbare Entwicklung

Reiskirchen (la). »Aus der Geschichte des Hofguts Winnerod« war das Thema eines Vortrags des HGV-Gründungsvorsitzenden Gustav Köhler am Mittwoch im Parkrestaurant. Dazu zeigte HGV-Vorsitzender Kurt Herber über 60 Dias. Anlass war der Erwerb von Akten- und Bildmaterial aus dem Nachlass der Grafen zu Münster, die das Hofgut von 1938 bis 1958 bewirtschafteten.
29. Oktober 2009, 17:36 Uhr
Kurt Herber (links) und Gustav Köhler präsentieren den Originalplan der 1854 errichteten Kalk- und Ziegelbrennerei. Der Plan stammt aus dem Nachlass der Grafen zu Münster. (Foto: la)

Reiskirchen (la). »Aus der Geschichte des Hofguts Winnerod« war das Thema eines Vortrags des HGV-Gründungsvorsitzenden Gustav Köhler am Mittwoch im Parkrestaurant. Dazu zeigte HGV-Vorsitzender Kurt Herber über 60 Dias. Anlass war der Erwerb von Akten- und Bildmaterial aus dem Nachlass der Grafen zu Münster, die das Hofgut von 1938 bis 1958 bewirtschafteten. Die in dieser Zeit gesammelten und erstmals sorgfältig aufgezeichneten Erkenntnisse verdeutlichten den Beginn einer Entwicklung, die zeigte, dass eine rentable landwirtschaftliche Bearbeitung nicht mehr möglich war und eine andere Verwendung des Areals notwendig wurde. Mehr als 750 Jahre bäuerliche Kultur gingen damit zu Ende.

Die Geschichte von Winnerod beginnt mit einer Urkunde aus dem Jahre 1252. Um etwa 1300 traten die Herren von Windhausen als Grundbesitzer auf. Als sie 1612 in männlicher Linie ausstarben, kam ihr Erbe durch Heirat der Erbtochter an Craft von Buseck, genannt Münch. Diese Linie der Busecker kam zu großem Reichtum, bevor sie mit Friedrich Ludwig 1750 in Winnerod ausstarb. In dieser Zeit bestand das damals übliche Verhältnis zwischen Grundherr und Hintersassen, die zu Naturalabgaben und Arbeitsleistungen verpflichtet waren. Winnerod war ein Fronhof, dessen »Nachburen« jährlich zehn Tage »mit dem Leibe« zu dienen hatten, Pachten und Zinsen zahlten und nach Bedarf des Hofes für festgelegte Bezahlung zu Arbeiten herangezogen werden konnten. Die Gutsherren waren freilich auf die Erlöse aus der Landwirtschaft nicht angewiesen.

Das waren erst recht nicht die nachfolgenden Zwierleins. Johann Jacob von Zwierlein, der das »freiadelige Gut« 1768 von den Erben des letzten Münch gekauft hatte, brauchte das Objekt zur Repräsentation und zur Ausstattung seines neuen Adels. Er blieb in seinem vornehmen Haus in der Reichstadt Wetzlar - Winnerod war Sommerresidenz, die Landwirtschaft besorgte ein Hofmann.

Erst die letzten Erben der Familie versuchten, das Gut wieder ertragreich zu bewirtschaften. Köhler und Herber zeigten dazu den Originalplan der 1854 in Winnerod errichteten Kalk- und Ziegelbrennerei. Die Landwirtschaft betrieb Gewinn bringend eine aus der Schweiz stammende Mennonitenfamilie. Mennoniten galten damals als die besten Verwalter und Viehzüchter.

Hofgut umsichtig und sachkundig geführt

Durch die aufwendige Lebensweise des letzten Zwierlein-Erbens musste das Gut trotzdem zum Verkauf angeboten werden und kam 1872 an den Frankfurter Fabrikanten Georg Karl Zimmer und seine Frau Elisabeth. Letztere war die Stifterin der Burkhardsfelder Kleinkinderschule, einer höchst segensreichen sozialen Einrichtung.

Zimmers tüchtiger Administrator steigerte mithilfe geschickt angelegter Bewässerungssysteme die Qualität des Wiesenlandes und erreichte eine ertragreiche Milchwirtschaft. Der Licher Kammerrath Ludwig Clemm wurde Zimmers Schwiegersohn und kaufte das Hofgut im Jahre 1905 für 225 000 Mark. Jetzt kam Winnerod - auch die landwirtschaftlichen Gebäude - in einen guten Zustand und wurde umsichtig und sachkundig geführt.

Aber die Maul- und Klauenseuche, die »Geißel der Landwirte«, setzte ein, Kriegs- und Nachkriegszeiten brachten Verluste, Wald, und angeblich der beste Grundbesitz musste veräußert werden. 1920 verkaufte Clemm das Gut an die Gebrüder Neumeyer aus Bürgel bei Marburg. Hermann, der ältere, war Landwirt, der jüngere Wilhelm heiratete die Clemm-Tochter Feline. Sie kamen nicht zurecht: Die Löhne wurden immer höher und die Erträge niedriger.

Erfolge hatten sie mit tubercelfreier Flaschenmilch, für die in Gießen ein Auslieferungsnetz aufgebaut wurde. Trotzdem musste 1935 das Gut verkauft werden. Der neue Besitzer war Alfred Pelikan, von dem weiter nichts mehr bekannt als das er ein Fabrikant aus Duisburg gewesen sei. Schon drei Jahre später verkaufte er das Hofgut Winnerod mit Verlust weiter.

Als neue Herren traten nun die Grafen zu Münster auf, Vater und folgend sein Sohn, die in Winnerod zwei Jahrzehnte lebten und wirtschafteten und von deren Tätigkeit die Heimatgeschichtliche Vereinigung nun umfangreiche Unterlagen besitzt: Aufstellungen, Statistiken, Arbeitsberichte und nicht zuletzt auch Bilder.

Das Geschlecht der von Münster ist uralter Adel aus der Zeit Barbarossas. Wladimir Graf zu Münsters ererbtes Familiengut zu Kniestedt nahe Salzgitter wurde für die Erweiterung der Hermann-Göring-Werke enteignet. Er war Berufsoffizier und musste die Bewirtschaftung des Hofgutes seinem Inspektor überlassen.

Schon in den ersten Jahren wurden Verluste erwirtschaftet. Auch als er 1944 entlassen wurde und auf dem Hof wohnte, konnte er die negative Entwicklung nicht steuern. Im Vergleich mit den guten Böden bei Salzgitter waren in Winnerod die Verhältnisse viel ungünstiger. Der Inspektor war zudem unehrlich und ohne Durchsetzungskraft. Das Kriegsgeschehen überdeckte zunächst die gefährliche Entwicklung.

Nach Denunziation ins Gefangenenlager

Bei Kriegsende wurde Graf Wladimir von den Amerikanern zunächst als Bürgermeister eingesetzt, in den Weihnachtstagen 1945 aber aufgrund einer Denunziation seines rachsüchtigen Inspektors verhaftet, ins Lager Darmstadt geschafft und ein halbes Jahr gefangen gehalten, bevor man ihn ohne Anklage wieder entließ.

In dieser Zeit übertrug er die Betriebsführung seinem Sohn, dem aus Gefangenschaft zurückgekehrten Oswald. Obwohl dieser ein Jura-Studium beabsichtigte, begann er mit aller Energie, sich für die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation einzusetzen.

Die frühen 50-er wurden die entscheidenden Jahre. Sein Vater hatte einen großen Teil der für Kniestedt erhaltenen Abfindung in Reichsschatzbriefen angelegt, die bei der Währungsreform verfallen waren. Die auf dem Winneröder Besitz lastende Grundschuld jedoch blieb erhalten. Hinzu traten nun die von Jahr zu Jahr steigenden Verluste. Während die Preise für Futter- und Düngemittel konstant stiegen, sanken die Verkaufserlöse.

Entscheidend aber war der Anstieg der Lohnkosten um ein Vielfaches. Die seinerzeit billigen Frauenstunden entfielen nun ganz, Tagelöhner waren keine zu bekommen, die Industrie »saugte« alle Arbeitskräfte auf.

Graf Oswald begann das Gut zu motorisieren, aber die finanziellen Mittel reichten nicht mehr aus. Nach Missernten 1956 und 1957 waren Schulden von mehr als 300 000 Mark und nicht mehr aufzubringende Zinslasten entstanden, das Hofgut musste verkauft werden. Die Dramatik der Entwicklung wurde dadurch deutlich, dass in dieser Zeitspanne allein vier Verwalter kamen und gingen. In den schriftlichen Unterlagen spürte man etwas von dem verzweifelten Kampf gegen eine unabwendbare Entwicklung.

Neuer Besitzer wurde der Landwirt Hugo Hinderfeld aus Bochum, dessen dortiger Besitz für Wohnsiedlungszwecke beansprucht wurde. Er stellte den Winneröder Mähdruschbetrieb wieder auf Rindviehhaltung und Ferkelproduktion um. Hinderfeld musste aus gesundheitlichen Gründen mit einem Pächter arbeiten, Gustav Riethmüller. Dieser nahm alsbald einen weiteren Besitz in Bayern in Pacht, weil die Winneröder Erträge zu gering blieben. Darunter musste Winnerod natürlich leiden.

Lage der Landwirtschaft zunehmend schlechter

Hinderfelds Sohn Heribert war ursprünglich dazu ausersehen, das Hofgut weiter zu führen und studierte hierzu in Gießen Landwirtschaft. Er erkannte aber bald die sich unaufhaltsam verschlechternde Lage der Landwirtschaft und drängte seine Eltern, Winnerod aufzugeben. Mit zunehmendem Alter ließen sie sich dazu bewegen. 1972 verkauften sie das Hofgut an den Münchner Fritz Lochmann, aber schon ein gutes Jahr später stand es wieder zum Verkauf.

Mit Josef Lischka, der ebenfalls an der Veranstaltung teilnahm, erhielt das Hofgut nun einen gut ausgebildeten, modernen landwirtschaftlichen Unternehmer. Es fehlte nicht an neuesten Maschinen und Geräten. Modernste fachwissenschaftliche Kenntnisse und überlieferte Erfahrungen wurden angewandt und die Landwirtschaft mit Professionalität betrieben. Wenn jemals, hätte Winnerod jetzt lohnend sein müssen.

Aber als nach dem Flächenstillegungsgesetz Bebauungsflächen aufgegeben werden mussten, waren es doch die schlechteren Böden, die man aufgab, zu bearbeiten. In der mit großer Energie und Ausdauer durchgesetzten Umgestaltung in einen Golfplatz hatte Lischka es geschafft, den Standort optimal zu verwerten, wie ihm der Bauernverband bestätigte. Vom Hofgut blieb nur die Bezeichnung. Es war unzeitgemäß geworden. Die Geschichte des landwirtschaftlichen Großbetriebes war somit zu Ende.

Zu Beginn der Veranstaltung zeigten sich Ortsvorsteherin Else Seipp und der HGV-Vorsitzende Kurt Herber erfreut über einen ausgezeichneten Besuch, der das große Interesse an der Geschichte des kleinsten Reiskirchener Ortsteiles widerspiegele.

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